Bei den Jet-Flugtagen auf dem Flugplatz Ganderkesee ist die hohe Schule des Funktionsmodellbaus zu erleben

Alles wie in echt

Ganderkesee. Modellbau war gestern. Die ambitioniertere Disziplin, also quasi die Königsklasse des Modellbaus, ist der Funkionsmodellbau.
09.07.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Alles wie in echt
Von Jochen Brünner

Ganderkesee. Modellbau war gestern. Die ambitioniertere Disziplin, also quasi die Königsklasse des Modellbaus, ist der Funkionsmodellbau. „Das Ziel ist, dass sämtliche Funktionalitäten an Fahrzeugen oder Maschinen genau so abgerufen werden können wie in der Realität“, erklärt Uwe Ehlers, Vorsitzender des Vereins „Hanse Trucker“, die erstmals bei den Jet-Flugtagen mit dabei sind. An diesem Wochenende, 9. und 10. Juli, ist der Ganderkeseer Flugplatz jeweils in der Zeit von 10 bis 18 Uhr wieder Szenetreff der besten Modellbauer aus Deutschland und einigen Nachbarländern. Während natürlich auch diesmal wieder die Flugmodelle den Schwerpunkt bilden, haben die Veranstalter aber auch den „Hanse Truckern“ ein rund 180 Quadratmeter großes „Spielfeld“ im Hangar West reserviert.

Dort haben die Modellbauer ein kleines Dorf nachgebaut – mit Windmühle, Tankstelle, Kirche, einer Spedition, in der natürlich kleine Gabelstapler im Einsatz sein werden, Straßen und einer Fläche für den Sandabbau. Damit nicht alles völlig chaotisch nebeneinander herläuft, gibt es für das Wochenende einen Generalplan, dem die einzelnen Modellbauer zuarbeiten. „Das Ziel ist, für die Brücke eine befahrbare Rampe zu bauen“, verrät Ehlers vorab. „Wir müssen uns ja auch eine Aufgabe stellen, die wir innerhalb der zwei Tage schaffen können“. Aber auch abgesehen von den reinen Erdarbeiten wird es einiges zu sehen geben: So werde etwa nebenbei noch ein Chemiewerk entstehen, eine Brücke werde abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Insgesamt sind am Wochenende über 30 Modell-Trucker im Einsatz.

Ehlers, der im „richtigen Leben“ eine Firma für Medizintechnik betreibt, hat sich auf Schwerlast-Verkehr spezialisiert, und selbstverständlich sind bei seinem zehnachsigen Schwertransporter sämtliche Achslinien genauso beweglich wie im Original. Und wenn die Straße einmal verschmutzt ist, dann kommt die Modell-Kehrmaschine zum Einsatz.

Die 180 Quadratmeter Aktionsfläche, auf denen die Hanse Trucker die Möglichkeiten des Funktionsmodellbaus demonstrieren, sind für ihre Verhältnisse eher gering. „Wir können bis zu 1000 Quadratmetern beackern“, erklärt Ehlers. Höhepunkt in dieser Hinsicht ist für die Aktiven immer die alle zwei Jahre stattfindende „Mini-Baustelle“ im hessischen Alsfeld: „Da kommen Modellbauer aus ganz Europa“, freut sich Ehlers schon auf das nächste Szenetreffen im kommenden Jahr.

Der Außenbereich bei den Jet-Flugtagen ist natürlich wieder komplett in der Hand der Modellpiloten. In diesem Jahr haben sich mehr als 80 Piloten mit rund 130 Maschinen angemeldet. Das Schicksal habe sich so gefügt, dass kurzfristig auch noch ein Team aus Italien, das gerade in der Nähe gewesen sei, zugesagt habe, berichtet Organisationschef Reinhard Oetken.

Zu den „Stars“ unter den Piloten gehören derweil die beiden Belgier Frans Tanghe und Ludo Luyten, die aus der Nähe von Antwerpen mit zwei Doppeldecker-Großmodellen im Maßstab 1:2 nach Ganderkesee gereist sind. Dabei haben sie eine ganz klare Aufteilung. Tanghe ist der Konstrukteur, Luyten der Pilot. Oetken ist bei einer Flugshow in Harsewinkel auf das Duo aufmerksam geworden. „Ich mag die Flugshows in Deutschland sehr gern, weil sie eine schöne, gemütliche Atmosphäre haben“, erklärt Tanghe. Seit mehr als 20 Jahren sind die beiden ein Team. Zwischen Mai und Ende September sind der 64-jährige Ingenieur und der 60-jährige Busfahrer (inzwischen beide pensioniert) an fast jedem Wochenende irgendwo in Europa unterwegs.

Die Christen Eagle, ein Modell aus dem Jahr 1995, ist vor allem für Kunstflug-Vorführungen geeignet, die Stearman, die 2012 entstand und über eine Spannweite von fünf Metern verfügt, „für einfachere Aktrobatik“, wie Ludo Luyten erklärt. „Das Flugverhalten der großen Modelle ist sehr realistisch, mit entsprechend verzögerten Reaktionen“, beschreibt er. So wird die Stearman etwa von einem 50 PS starken Viertakt-Motor mit 800 Kubikzentimeter Hubraum angetrieben. „Wir sind die einzigen in Europa, die mit diesem Motor fliegen. Das ist noch ein Prototyp“, sagt Tanghe. Etwa ein Jahr – rund 2000 Arbeitsstunden – hat er an dem Modell gearbeitet, das ungefähr 85 Kilogramm auf die Waage bringt.

Weil die beiden zwar Zulassungen für viele europäische Länder, aber nicht für Deutschland hatten, mussten Tanghe und Luyten am Freitagmorgen vor einem Vertreter der Luftaufsichtsbehörde vorfliegen und ihr Können demonstrieren. Im Anschluss zeigten sich nicht nur der Mensch von der Behörde, sondern auch Organisationschef Oetken schwer beeindruckt.

Der Eintritt kostet acht Euro für Erwachsene sowie zwei Euro für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 14 Jahre.

„Die deutschen Flugshows haben eine gemütliche Atmosphäre.“ Frans Tanghe, Modellbauer
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