Alma ahoi!

Heinz Mindt ist ungern an Land. Er ist auf dem Wasser in seinem Element.
21.09.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Valek

Heinz Mindt ist ungern an Land. Er ist auf dem Wasser in seinem Element. Früher war er bei der Wasserschutzpolizei, heute ist er Pensionär. Seit acht Jahren steuert der Rönnebecker das Bremer Ausflugsschiff MS Alma. Der Fluss ist sein Revier.

A n der Ritterhuder Schleuse muss Heinz Mindt zeigen, was er drauf hat. Das Ausflugsschiff MS Alma der Bremer Reederei Hal Över ist auf Kurs in Richtung Wasserkammer.

Schlamm und Schlick knapp unter der Wasseroberfläche fordern den Kapitän bei der Einfahrt. Wild kurbelt er am Lenkrad. Seine rechte Hand spielt mit halber Kraft und ganzen 170 Pferdestärken. Mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl bugsiert er das fast 100 Jahre alte Schiff über die Sandbank in die Schleusenkammer. Als sich das wuchtige Stahltor hinter dem Schiff senkt, hat der Kapitän Zeit durchzuatmen. Die Pause ist kurz. Mindt schnappt sich das Mikrofon und verschwindet aus dem Ruderhaus. Die Passagiere unter Deck warten.

Heinz Mindt, 68 Jahre, 40 Jahre Polizist beim Bremer Wasserschutz, ist pensioniert. An Bord der MS Alma genießt er seinen Ruhestand. Gern unterhält er die Gäste an Bord. Galant gibt er Geschichte und Geschichten aus dem Teufelsmoor zum Besten. Ein Witz zum Schluss sorgt bei den Ausflüglern für herzhafte Lacher. „Gute Fahrt und viel Spaß“, ruft er den Passagieren noch zu. Dann rauscht er ab. „Die Reise geht weiter.“ Sekunden später ist der Kapitän wieder am Ruder.

Schmatzend öffnet sich das stählerne Tor zum Teufelsmoor. Die Schiffsschraube schiebt die Alma mit einem Ruck aus der Schleuse. Mindt guckt auf seine Armbanduhr. „Wir werden pünktlich in Worpswede anlegen“, versichert er einem Passagier, der beim Chef nachfragt. Kein Zweifel – Heinz Mindt hat an Bord den Überblick. Mit Sachverstand antwortet er auf Fragen der Passagiere. Meistens drehen sie sich um technische Belange. „Früher war die viereinhalb Meter breite Alma unter anderem Namen eine Fähre auf dem Rhein“, weiß Mindt. Das Schiff sei mehrmals umgebaut worden. Die Überdachung auf dem Vordeck sei später dazugekommen.

Kapitän als Respektsperson

Der Kapitän des 25 Meter langen Ausflugsschiffs ist eine Respektsperson. Lässig schiebt er die Sonnenbrille mit dem Mittelfinger den Nasenrücken hoch. Sein weißes Hemd mit den Schulterklappen blendet, als die Sonne kurz hinter Ritterhude durch die Wolken lugt. Das Steuerrad wandert in seinen Händen hin und her. „Die Alma ist ein gutmütiges Schiff“, sagt er. Nur das kettengetriebene Ruderblatt verlange Achtsamkeit. Immer wieder steuert Mindt gegen. Mit jedem Ruderlegen nimmt er dem Schiff den Willen und hält es damit auf Kurs.

Weit vor der Alma windet sich die Hamme durch die Wiesen. Vom Ruderhaus aus hat der Steuermann freien Blick über das flache Deck. Der Diesel im Rumpf gurgelt beruhigend. Wo der Bug beginnt und das Schiffsheck endet, kann man von hier oben nur ahnen. „Das weiß man mittlerweile aus Erfahrung“, sagt er. Sehschlitze nach Back- und Steuerbord helfen ihm beim Manövrieren.

Das schlanke Schiff macht auf dem Wasser eine gute Figur. Die Enten am Ufer kennen den Stahlkoloss offenbar. Sie putzen unbeeindruckt ihr Gefieder. Vor dem Bug zischen Schwalben im Tiefflug über das glatte Wasser. Hier und da springen kleine Fische. Ein Kormoran reckt seine Flügel. Heinz Mindt lässt seinen Erinnerungen freien Lauf. Ihm fällt eine Geschichte ein. Einmal habe ihn ein Gast an Bord gefragt: „Was machen die braunen Hunde im Naturschutzgebiet?“ „Hunde? Welche Hunde?“, habe er zurückgefragt. „Ach, sie meinen die Rehe am Ufer.“ Er muss lachen. „Hier erlebt man was“, sagt er und schüttelt den Kopf.

Das Vogelzwitschern mischt sich mit dem Plätschern des Wassers am Schiffsrumpf. Mindt steuert die Alma unter einer Brücke hindurch. Radfahrer darauf steigen ab, um das Schiff zu bestaunen. Dann denkt er laut nach. Acht Jahre sei er nun schon mit der Alma unterwegs, rechnet er vor. „Davor hieß sie Sansibar“, erläutert er. Früher hatte der Rönnebecker selbst ein Boot. Zuerst ein Segel- später ein Motorschiff, erinnert sich Mindt. Damit ging es auch bei widrigem Wetter nach Helgoland raus. Jetzt fahre er am liebsten bei Sonnenschein – und dann geht es nach Neu Helgoland. Der Kapitän kennt die Hamme schon lange. Früher schob er hier Wochenend-Dienste. Als Polizist beim Wasserschutz sorgte er für Ordnung auf dem Fluss. Er ermahnte rücksichtslose Bootsführer; das Aufnehmen von Bootsremplern gehörte zum Tagesgeschäft. „Auf der Hamme war manchmal richtig viel los“, erinnert er sich. „Das war schon etwas Besonderes.“

Auch auf der Weser und im Bremer Hafen habe er Einsätze gehabt. Eine tolle Zeit sei das gewesen. „Waren Sie ein strenger Polizist?“ „Nein“, antwortet Mindt. „Ich habe lieber streng geguckt.“ Das wirke viel besser, weiß er heute. Das habe er in 40 Dienstjahren festgestellt. Vor allem, wenn Matrosen beim Löschen im Laderaum der Schiffe geraucht hatten. Dann setzte er den grimmigen Blick auf. „Denn das Rauchen war strengstens verboten.“ Wer sich ertappt fühlte, hatte die Zigarette schnell in die Hosentasche gesteckt, erinnert er sich. Doch nicht mit Heinz Mindt, der hatte es sofort spitzgekriegt. „Bevor ich in Flammen aufgehe, bezahl’ ich lieber die Verwarnung“, hätten die Matrosen dann gesagt. „Kinder, wie die Zeit vergeht.“

Liebe zum Beruf

Mindt liebte seinen Beruf. Bevor er im Jahr 1965 zur Polizei kam, sei er bei Hapag zur See gefahren. „Alles schön und gut“, sagt er. „Aber auf Dauer macht das keinen Spaß.“ Dann, mit 21, hatte er die Chance, beim Wasserschutz anzuheuern. „Ich war sportlich gut drauf, und die suchten Personal“, bringt er es auf den Punkt. „Es war eine gute Entscheidung.“

Bei Tietjens Hütte will eine Gesellschaft die Alma verlassen. Mindt geht am Ufer längsseits. Die Passagiere verlassen gut gelaunt das Schiff. Vor dem Ablegen zücken einige noch die Kameras. Der Kapitän der Alma hält für die knipsenden Fahrgäste still: Er guckt aus dem Ruderhaus, lächelt und winkt. „Das gehört eben dazu“, sagt er. Ihn freut die Begeisterung seiner Passagiere sichtlich. Und zum Abschied ertönt das Schiffshorn. Mindt gibt mit Genuss einen langen Ton. „Bis zum nächsten Mal“, ruft man von Land dem Kapitän und seiner Besatzung zu. „Nun aber los. Vor Neu Helgoland wartet man schon auf uns“, sagt Mindt. „Klar bei Vorleine“, heißt sein letztes Kommando beim Ablegen mit Kurs Teufelsmoor.

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