Istanbul will die „Wildangler“ nicht länger dulden und demnächst abkassieren / Es trifft die Ärmsten der Armen

Angeln nur noch gegen Bezahlung

Selim ist schon lange dabei. Seit zehn Jahren steht er zwei- bis dreimal die Woche mit seiner Angelrute auf der Galata-Brücke über dem Wasser des Goldenen Horns im Zentrum von Istanbul. Im Sommer und im Winter. Wie viele andere angelt Selim nicht nur zum Spaß. Seine Fang landet in der Küche der Familie, denn das Geld ist knapp. Jetzt soll es den Anglern von Istanbul an den Kragen gehen.
18.12.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Susanne Güsten

Selim ist schon lange dabei. Seit zehn Jahren steht er zwei- bis dreimal die Woche mit seiner Angelrute auf der Galata-Brücke über dem Wasser des Goldenen Horns im Zentrum von Istanbul. Im Sommer und im Winter. Wie viele andere angelt Selim nicht nur zum Spaß. Seine Fang landet in der Küche der Familie, denn das Geld ist knapp. Jetzt soll es den Anglern von Istanbul an den Kragen gehen.

Wie Selim stehen mehrere Hundert Männer und ein paar vereinzelte Frauen am Brückengeländer, werfen ihre Angelschnur aus und warten auf einen Biss - der Anblick der Angler auf der Galata-Brücke gehört zu Istanbul wie die Hagia Sophia oder die Blaue Moschee. Jeder, der eine Angel hat, kann sich einfach dazugesellen. Aber vielleicht nicht mehr lange.

Zwar gibt es auch in der Türkei einen vorgeschriebenen Angelschein, doch bisher ist es niemandem bei den Behörden jemals eingefallen, die Angler auf der Brücke danach zu fragen. Das soll sich bald ändern, denn die Regierung in Ankara plant die Einführung von Bußgeldern für alle, die ohne Angelschein fischen. Und das macht Veteranen wie Selim sauer. „Die wollen nur unser Geld“, schimpft er.

Wie sein Freund Ahmet, mit dem er auf der Brücke steht, will Selim seinen Nachnamen nicht nennen, denn er befürchtet, die Regierung in Ankara könne von seiner Kritik erfahren und ihm Scherereien machen. „Demnächst muss man noch die Luft zum Atmen bezahlen“, ruft Ahmet aus. Den Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan nennt er einen Diktator.

Auch andere Angler auf der Brücke sind nicht gut auf die Regierung zu sprechen. „Hier kommen sicher keine reichen Leute her“, sagt der Lehrer Saadettin Pinar. „Das sind Leute, die schon Schwierigkeiten haben, das Geld für die Miete zusammen zu bekommen.“

Nach einem Gesetzentwurf des Landwirtschaftsministeriums in Ankara könnte wildes Angeln bald teuer werden. Nicht nur pocht der Entwurf auf die bisher größtenteils ignorierte Notwendigkeit, sich einen Angelschein zu besorgen. Er droht ein Bußgeld von umgerechnet rund 70 Euro für alle an, die sich ohne Angelschein erwischen lassen. Außerdem soll der Fang der Schwarz-Angler beschlagnahmt werden. Das wären harte Strafen für kleine Leute, die sich auf der Galata-Brücke ihr Abendessen angeln, wie das viele hier tun.

Auch der Rentner Erol Deniz ist darunter. Er hat gerade einen Istavrit gefangen, eine Makrelenart, die im Bosporus und im Goldenen Horn von Istanbul verbreitet ist. Er wirft den noch lebenden Fisch in einen Wassereimer, in dem er seine Beute sammelt. Nur selten geht er mit leerem Eimer nach Hause. Es gibt Tage, da fängt er mehr, als er und seine Frau essen können. Dann verkauft er die überzähligen Fische an Passanten – das ist auf der Brücke genauso verboten wie das Angeln ohne Angelschein und genauso beliebt.

Die Wasserqualität des Goldenen Horns, einer Bucht an der Bosporus-Meerenge mitten in der Istanbuler Innenstadt, ist nach dem Bau von Kläranlagen und der Umsiedlung von Industriebetrieben erstaunlich gut. Seit dem vergangenen Jahr versorgen kilometerlange Tunnel das Goldene Horn zudem ständig mit frischem Meerwasser. Mindestens sieben verschiedene Fischsorten hat der Rentner Deniz schon an der Angel gehabt. Deniz gehört zu jenen auf der Brücke, die das neue Gesetz begrüßen. „Leute, die angeln, sollten auch Ahnung von dem haben, was sie tun“, sagt er. So denkt auch Serkan Inanc, Vorsitzender des Verbandes der türkischen Amateur-Angler. „Viele wissen nicht mal, was sie da fangen“, sagt er. Sein Verband will erreichen, dass Angelschein-Bewerber künftig bei der Anmeldung mit Informationsmaterial versorgt werden.

Noch wichtiger seien aber staatliche Kontrollen, die bisher so gut wie unbekannt seien, meint Inanc. „Ich angle seit 25 Jahren und bin noch kein einziges Mal kontrolliert worden.“Doch noch ist das neue Gesetz nicht verabschiedet, und Istanbuls wilde Angler haben prominente Fürsprecher. Der bekannte Musiker Hüsnü Seslendirici etwa sagte der Zeitung „Habertürk“, er selbst gehe einmal die Woche zum Angeln an den Bosporus. „Wie Yoga“ sei das für ihn. Die Pflicht zum Angelschein sieht Seslenderici als Spaßbremse. Es gehe doch nur um ein, zwei Stunden harmlose Erholung.

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