Die lange Geschichte der Farge-Vegesacker-Eisenbahn: Kaiser Wilhelm I vergibt 1884 die Konzession Bahnstrecke führt durch Obstgarten

Sie ist etwa 10 Kilometer kurz – die Bahnstrecke von Farge nach Vegesack. Sie hat aber einen langen Vorlauf und lange eine Geschichte. Bereits am 1. August 1884 unterschrieb Kaiser Wilhelm I in Bad Gastein die Konzession der geplanten Bahn.
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Von Ulf Fiedler

Sie ist etwa 10 Kilometer kurz – die Bahnstrecke von Farge nach Vegesack. Sie hat aber einen langen Vorlauf und lange eine Geschichte. Bereits am 1. August 1884 unterschrieb Kaiser Wilhelm I in Bad Gastein die Konzession der geplanten Bahn.

Der eigentliche Betrieb für die Bahnstrecke von Farge nach Vegesack begann am 31. Dezember 1888 –„ohne jede Feierlichkeit und Teilnahme maßgeblicher Persönlichkeiten“, heißt es in einer Zeitungsnotiz mit deutlichem Missfallen. Das war aber wohl kein Wunder. Wer wollte schon vor einer Reihe von Güterwagen salutieren oder ausgerechnet zu Silvester eine Feierlichkeit veranstalten?

Die Bahn war lediglich für den Güterverkehr konzipiert. Kaiser Wilhelm I hatte die Konzession am 1. August 1884 bewilligt. Die Beförderung von Personen kam erst später. Da war Vegesack schon weiter. Bereits 1862 wurde die Bahnlinie Vegesack-Bremen in Betrieb genommen. Seitdem wurde dringend gewünscht, auch die nördlichen Ortschaften durch eine Bahnstrecke mit Vegesack zu verbinden.

Stärkstes Interesse hatte die Steingut- und Porzellanfabrik „Witteburg“ in Farge. Sie war 1852 von dem Reeder und Kaufmann Johannes Fritze und zwei weiteren Kaufleuten gegründet worden. 1880 beschäftigte das rasch expandierende Unternehmen 347 Arbeitskräfte. Kannen, Schüsseln, Geschirr und andere Haushaltswaren aus Steingut von jährlich gut 800 000 Kilogramm Gewicht mussten mit vier- bis sechsfach bespannten Pferdefuhrwerken zum Vegesacker Bahnhof transportiert werden.

Als Johannes Fritze mit George Albrecht, Paul Zschörner und anderen die Bremer Woll-Kämmerei (BWK) gründete, stand das Transportproblem erneut im Vordergrund. Darum wählten 50 Honoratioren am 5. Mai 1882 im Blumenthaler Hotel Union ein „Comité“ zur Gründung einer „Aktiengesellschaft Farge-Vegesacker Eisenbahn“. Neben den Ortsvorstehern der umliegenden Gemeinden und den leitenden BWK-Direktoren gehörten der Vegesacker Bankier Friedrich Schildt und der Stadtdirektor J.F Rohr zum Comité.

Nachdem die Statuten erarbeitet und von höchster Stelle genehmigt waren, blieb es zunächst ruhig um das Projekt. Es fehlte am Geld. Schließlich füllte die BWK mit 120 000 Mark den Fond auf, und der Bau der Bahnstrecke konnte beginnen. Neben der Witteburg erhielten BWK und Bremer Vulkan einen Gleisanschluss bewilligt. Für die Rönnebecker Werft von Havighorst und die Armaturenfabrik Dewers wurden zusätzliche Verladegleise verlegt.

Wie nützlich der Gleisanschluss für die Witteburg war, belegen Zahlen. 1891 wurden mit der Bahn Fertigwaren von 800 000 Kilogramm, mit dem Schiff von 90 000 Kilogramm abtransportiert. Die per Schiff in der Witteburg angelandete Kohle aus England wurde nun mit der Bahn vom Ruhrgebiet nach Farge verfrachtet.

Probleme für die BWK

Ein Dilemma ergab sich für die BWK. Ihr Gleisanschluss ließ sich nicht verwirklichen. Er hätte am Alten Turm einen Zipfel des reformierten Friedhofs kreuzen müssen. Die Inhaber der käuflich erworbenen Grabstellen wollten diese trotz aller Bemühungen des Landrats nicht aufgeben. So musste das Unternehmen sich etwa 20 Jahre lang provisorisch behelfen. Während die Rohwolle von Übersee per Schiff angelandet wurde, brauchte man für den Transport der gekämmten Wollwickel zu den Webereien und Spinnereien die Bahn.

Die am Blumenthaler Bahnhof ankommenden Güterwagen wurden auf eine Drehscheibe etwa 100 Meter neben der Lüssumer Straße gefahren und auf einen Stahlschlitten gestellt. Von drei Pferden gezogen fuhr dieser „Transporteur“ auf Schmalspurschienen durch die Lüssumer- und jetzige Landrat-Christians-Straße auf das Gelände der Kämmerei. Mit fertigen Wollballen beladen, fuhr man auf dieselbe umständliche Weise zum Bahnhof zurück.

Aber zunächst ging es ja um den Bau der Bahntrasse. Besondere Schwierigkeit bot die Strecke zwischen dem Bahnhof Blumenthal und Beckedorf wegen des Höhenunterschieds. Die Trasse musste in einen Trog verlaufen, um die Höhe zu reduzieren. Zuvor mussten viele Bäume gefällt werden, da die Strecke durch den Löhwald führt.

Die Tochter des Landrats, Marie Pauline Berthold, berichtet in ihren Jugenderinnerungen von diesem Bauvorhaben. Es durchschnitt einen Teil des Gartens von Haus Blomendal, wie es damals hieß. „Der Bahnbau nahm mehr als die Hälfte des äußeren Gartens fort“, schreibt die Landratstochter. Mit den Erdmassen aus dem Bauabschnitt im Wald sei das Gelände eingeebnet und auch der Rest ihrer Wiese teilweise aufgehöht worden. „Eine Anzahl Obstbäume fielen.“

Für die Kinder boten die Berge von Bausand, der zur Trasseneinebnung angefahren wurde, eine ideale Spiellandschaft. Der Landratsgattin gab es aber jedes Mal „einen Stich durchs Herz“, wenn wieder eine stolze Buche krachend zu Boden fiel. Der Landrat ordnete aber an, dass jenseits des neuen Bahngeländes die Weißdornhecke, die das Amtsgrundstück umgab, stehen bleiben sollte. Sein Grab auf dem reformierten Friedhof beschattet ein Stück dieser alten Weißdornhecke, einst die Grenze zwischen Amtsgelände und Friedhof.

Der Bahnverkehr wurde bis auf die Öltransporte am 1. November 1961 eingestellt. Ende 2007 nahm die Nordwestbahn den Personenverkehr mit erneuerten Schienen wieder auf.

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