Ungewöhnlichstes Bauvorhaben Der grüne Bunker von St. Pauli

Es ist eines der wohl ungewöhnlichsten Bauprojekte in Deutschland: Hamburgs größter Bunkers soll begrünt werden. In St. Pauli regt sich allerdings Kritik an dem kuriosen Vorhaben.
06.11.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Der grüne Bunker von St. Pauli
Von Markus Lorenz

Keine Frage: Streitbar sind sie, die St. Paulianer. Sie haben in Hamburg schon manch ambitioniertes Projekt zu Fall gebracht; zuletzt eine Seilbahn über die Elbe und eine Music Hall in der Rindermarkthalle. Keine Überraschung also, dass sich nun auch Protest gegen eines der wohl ungewöhnlichsten Bauprojekte in Deutschland regt – die Begrünung des größten Hamburger Bunkers.

Der triste Koloss liegt am Heiligengeistfeld, unmittelbar neben dem Millerntorstadion. Der denkmalgeschützte Bau beheimatet Medienfirmen und Musikclubs, doch nun soll er sich auch äußerlich verwandeln. Ein Investor will dem Weltkriegsklotz einen Park aufpflanzen und unter der Botanik-Haube neue Räume für Kultur, Kommerz und Stadtteilgruppen schaffen. Das 37 Meter hohe Relikt der Nazizeit soll demnach einen 21 Meter hohen, pyramidenförmigen Aufsatz erhalten, auf dem horizontal und vertikal Pflanzen sprießen.

Obendrauf als Sahnehäubchen ein öffentlicher Park, dazu Beete für Gemeinschaftsgärtnern (Urban Gardening), drumherum eine begrünte Rampe als Aufgang und vieles mehr. 10 000 Quadratmeter Grünflächen entstünden, berichteten die Planer bei einer Infoveranstaltung. Im Inneren der Dschungelhaube solle unter anderem eine Sport- und Eventhalle unterkommen, die der FC St. Pauli für Amateursport nutzen wolle, verriet Bunkerpächter und Investor Thomas Matzen. Dazu werde es etliche Gästezimmer für Künstler geben. Matzen versprach: „Sechs Prozent der Gesamtflächen stehen für kostenlose Nutzungen durch Stadtteil-Gruppen zur Verfügung.“

Die Anwohner-Initiative „Hilldegarden“ plant dafür unter anderem ein Küchenstudio für gemeinschaftliches Kochen, aber auch eine Gedenkstätte für die Opfer des Bunkerbaus 1943. Die Planer offenbarten weitere Details. So sollen die Flaktürme an den Ecken des Bunkerdachs zu einem Amphitheater und einem Musik-Club werden. Der Park, der von 8 bis 23 Uhr kostenlos begehbar sein soll, werde als „verwunschener, wilder Ort“ angelegt, mit 140 Bäumen, Wiesen, einem Bachlauf und einen Zen-Park zum Meditieren. 20 Meter tiefer im Bereich des Bunkerkragens darf jedermann gärtnern und anpflanzen, dazu gibt es einen Lehrgarten für Schulen und Kindergärten. Mit eigenem „Biomeiler“ wollen die Betreiber aus Kompost Wärmeenergie gewinnen. Die Umwandlung für geschätzt zehn Millionen Euro will Pächter Thomas Matzen aus eigener Tasche zahlen und über die Nutzung der Innenflächen refinanzieren.

Dennoch hagelte es bei der Präsentation Kritik von Anwohnern. Der Tenor: Der beispiellose Grün-Bunker belaste den Stadtteil durch zusätzlichen Touristenverkehr, leiste Gentrifizierung Vorschub und verdränge örtliche Urban-Gardening-Initiativen. Matzen hielt dagegen, aus einem Stahlbetonmonstrum werde ein Stück Stadtnatur, davon profitierten vor allem die Anwohner. „Ein öffentlicher Park in 50 bis 60 Metern Höhe, das finden sie in der ganzen Welt nicht.“ Energisch verwahrte er sich gegen den Vorwurf, Kasse machen zu wollen. „15 Euro pro Nacht für ein Gästezimmer, das ist weniger als in der Jugendherberge.“

Kulturbehörde und Bezirk Mitte stehen dem Projekt wohlwollend gegenüber. „Das Ganze ist realistisch“, urteilte Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD). Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen. Matzen und sein Team möchten im nächsten Frühjahr mit dem Bau beginnen. Fertigstellung könnte dann Ende 2017 sein.

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