Für seine Masterarbeit reiste der Bremer Student Tom Vierus in den Südpazifik − und gewann mit seinen Fotos den Deutschen Preis für Wissenschaftsfotografie

Der mit den Haien schwimmt

Von diesen 20 Minuten hing alles ab. Tom Vierus war nervös, obwohl er gut vorbereitet war.
30.10.2016, 00:00
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Der mit den Haien schwimmt
Von Kathrin Aldenhoff
Der mit den Haien schwimmt

Unter Wasser leichter als an Land: Sechs Kilogramm wiegt diese Kamerakonstruktion mit seitlichen Blitzen, mit der Tom Vierus im Südpazifik Haie fotografiert.

Karsten Klama

Von diesen 20 Minuten hing alles ab. Tom Vierus war nervös, obwohl er gut vorbereitet war. Der 27-Jährige hatte sogar traditionelle Kleidung angezogen, auf den Fidschi-Inseln tragen die Männer Röcke. So saß er da und redete, ihm gegenüber ein Mann, der keine Regung zeigte, keine Frage stellte. Doch am Ende überzeugte der Bremer Student den Dorfvorsteher – mit seiner Leidenschaft für Haie.

Wäre das Gespräch anders ausgegangen, hätte Tom Vierus nicht erforschen können, ob die Küstengegend vor den Fidschi-Inseln eine Kinderstube für Haie ist. Er hätte das Foto von dem Hammerhai, den er ins Meer entlässt, nachdem er ihn mit einem Sender ausgestattet hat, wohl nie gemacht. Und bekäme deshalb im November nicht den Deutschen Preis für Wissenschaftsfotografie. Doch der Dorfvorsteher sagte Ja zu dem Forschungsprojekt des Meeresbiologen. Und Tom Vierus war einen Schritt weiter auf dem Weg zu seinem großen Ziel. „Haifische sind keine Bestien. Sie haben die Ozeane mitgestaltet und nicht Millionen von Jahren darauf gewartet, uns Menschen zu fressen“, sagt Tom Vierus. Er sitzt im Wohnzimmer seiner Bremer WG, hinter sich das Aquarium seines Mitbewohners, an den Wänden eine Weltkarte und ein Unterwasser-Foto von einem Korallenriff. Seine braunen Haare hat er zum Knoten gebunden, um den Hals trägt er einen Haifischzahn und einen Schildkröten-Anhänger. Sein Ziel: Haie vor dem Menschen schützen.

Im Jahr 2012 begegnete er seinem ersten Hai, er war auf Meeresbiologie-Exkursion in Florida. Er schwamm mit 20 Biologiestudenten im Meer, da tauchte ein Hammerhai auf, drei Meter groß, und kam immer näher. Alle waren aufgeregt, planschten wild herum, bis der Skipper sagte, sie sollten zurück ins Boot, sie machten den Hai nervös. Das Herz des Studenten klopfte schneller. Und gleichzeitig löste die Begegnung eine tiefe Überzeugung in ihm aus. Er nahm sich vor: „Ich will mein Leben den Meeren und den Haien widmen.“

In Ägypten lernte er, unter Wasser wissenschaftlich zu arbeiten, danach bewarb er sich an der Uni Bremen für den Master Tropische Meeresökologie. Für seine Masterarbeit schrieb er Professoren auf der ganzen Welt an, fragte, ob sie seine Hilfe bei Hai-Projekten bräuchten – und bekam eine Antwort von den Fidschi-Inseln. Sieben Monate lebte er dort, im Haus des Dorfvorstehers. Jede Nacht fuhr er mit zwei Fischern und einem Kapitän aufs Meer, sie legten Netze und Köder aus und warteten auf Beute: auf Babyhaie.

Biss einer an, holte Tom Vierus ihn aus dem Wasser, entfernte den Haken und legte ihn in eine Box voll Wasser. Mit einer Spritze setzte er ihm einen Sender in den Rücken, er notierte die Größe der kleinen Haie, sah sich den Bauchnabel an, der das Alter verrät, schnitt ein kleines Stück aus der Flosse, um im Labor die Art zu bestimmen. Und ließ den Hai wieder frei. Dank des Senders kann er den Hai später wiedererkennen, falls ihn ein Fischer fängt.

Bald will Tom Vierus in das Dorf auf den Fidschi-Inseln zurückkehren, er will seine Doktorarbeit über Haie schreiben: Die Küstengewässer dort sollen als Kinderstube für Haie deklariert werden, dann können sie geschützt werden. Die Erlaubnis des Dorfvorstehers hat er diesmal schon.

Am 19. November um 11 Uhr erhält Tom Vierus den Deutschen Preis für Wissenschaftsfotografie im Haus der Wissenschaft in Bremen. Dort werden auch seine Bilder zu sehen sein.
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