Der Tag des Königs

Für die Ausbildung von Seenotrettern betreibt die DGzRS eine eigene Schule in Neustadt in Holstein nahe Lübeck. Zum Grundlehrgang gehört eine Übung mit einem ganz besonderen Rettungsgerät.
07.06.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Der Tag des Königs
Von Nikolai Fritzsche

Für die Ausbildung

von Seenotrettern betreibt

die DGzRS eine eigene Schule in Neustadt in Holstein

nahe Lübeck. Zum

Grundlehrgang gehört

eine Übung mit einem ganz

besonderen Rettungsgerät.

Bei dem Wind heute müssen die da oben ganz schön kämpfen“, brüllt Olaf David. „Die“ sind die Besatzungsmitglieder des Sea King, der über dem Seenotrettungskreuzer „Hans Hackmack“ in der Luft steht. Besser gesagt: stehen soll. Bei Windstärke sieben ist es kaum möglich, den grauen Marine-Hubschrauber ganz ruhig zu halten. Zehn Menschen quetschen sich in dessen Inneren zusammen. Fünf von ihnen sind Soldaten der Marine. Die anderen fünf sind Freiwillige der DGzRS, und sie erleben heute am eigenen Leib, wie es Menschen ergeht, die aus der Luft aus Seenot gerettet werden.

Ohrenbetäubend peitschen die Rotorblätter durch den Himmel in der Neustädter Bucht. Zehn Meter über dem Deck der „Hans Hackmack“, benannt nach dem Gründungsverleger der Bremer Tageszeitung Weser-Kurier, bekommt Michael Mantey als Erster der fünf eine orangefarbene Rettungsschlinge angelegt. Orangefarben ist auch der Überlebensanzug, der ihn von den Fußsohlen bis zum Hals lückenlos umhüllt. Die Schlinge wird in eine Öse eingehakt, die an einem Drahtseil hängt. Mantey lässt sich über den Rand der Öffnung in der Steuerbordseite des Sea King gleiten.

Auf der Back, dem vorderen Deckbereich der „Hans Hackmack“, erwartet ihn Olaf David mit einem langen Stab. An dessen oberem Ende befindet sich ein Metallhaken, am unteren Ende geht der Stab in ein Kabel über, das zu einer Klemme führt, wie sie auch an Überbrückungskabeln für Autos zu finden ist. Die Klemme hat der Nautiker, der zur Stammbesatzung des Kreuzers gehört, vorher an der Ankerkette befestigt. „Der Hubschrauber ist durch die Rotation statisch aufgeladen“, erklärt er. „Mit dem Erdungshaken leiten wir die Spannung ab, sonst würde Michael einen Stromschlag bekommen, sobald seine Füße das Deck berühren.“

Doch so weit ist es noch nicht. Michael Mantey schwebt jetzt in gut sechs Metern Höhe über dem Wasser. Er baumelt von links nach rechts, der Stoff seines Überlebensanzugs schlackert im Wind. Ihn trotz Windstärke sieben sicher auf das Schiff zu bringen, ist die Aufgabe des Winschenmanns – so heißt derjenige, der an Bord des Hubschraubers die Winde, englisch „winch“, bedient. Gegen den Lärm der Rotoren brüllt Olaf David: „Das ist ein ganz wichtiger Mann. Sein Timing beim Ablassen muss perfekt sein.“ Denn vom Cockpit aus ist weder Michael Mantey zu sehen noch die Stelle auf der „Hans Hackmack“, wo er abgesetzt werden soll. „Der sagt dem Piloten über Funk genau an, wie viel er in welche Richtung fliegen muss.“ Die Kommunikation funktioniert offenbar, denn der Hubschrauber bewegt sich kaum merklich zur Seite – und Michael Mantey schwebt direkt über dem Schiff. Bevor er aufsetzt, entlädt Olaf David das Seil mit dem Erdungshaken. Mantey befreit sich aus der Schlinge und strahlt über das ganze Gesicht: „Mann, war das geil!“

Der Auftritt des „Königs“, wie die Ausbilder den Sea King nennen, ist für viele Freiwillige der spektakulärste Teil des Grundlehrgangs, der mehrmals im Jahr auf der Ausbildungsstation der DGzRS in Neustadt in Holstein angeboten wird. Am Vormittag haben die Freiwilligen das Löschen von Bränden an Bord trainiert. Wie sie mit leckgeschlagenen Schiffen umgehen, wie Signalpistolen funktionieren und was als Erstes mit unterkühlten Personen zu tun ist, gehört ebenfalls zum Programm des Lehrgangs.

„Einer unserer Grundsätze ist, dass jeder Teilnehmer alles selbst ausprobiert. Allein durch Zuschauen kann man nicht alles lernen“, sagt Horst Kagel auf der Rückfahrt in den Hafen. Der 74-Jährige ist der Vormann der Station und einer von zehn Ausbildern in Neustadt. Dort befindet sich seit 1996 die Schule der Seenotretter. In den ersten Jahren wurde den Freiwilligen alles, was Seenotretter wissen müssen, in den Räumen der Marinekaserne beigebracht. Seit 2004 ist die Schule in einem eigenen Gebäude direkt neben der Kaserne zu Hause, das die DGzRS von der Bundeswehr übernommen hat. Seitdem schlafen die Freiwilligen während der Lehrgänge nicht mehr in Stockbetten in Vierer-Kammern, sondern in gemütlich eingerichteten Einzel- oder Doppelzimmern.

Fast 4000 Rettungsleute sind in den vergangenen knapp zwanzig Jahren in Neustadt ausgebildet worden. 14 Ausbilder gab es mal. Jetzt sind es noch zehn Männer, die einen großen Teil ihrer Zeit auf der Station verbringen. Denn für die Ausbilder geht die Arbeit weiter, wenn die Übungen vorbei und die Teilnehmer abgereist sind: Sie ziehen die Betten ab, reinigen die Ausrüstung oder fahren zum Getränkemarkt, um die Vorräte an Wasser und Apfelschorle aufzufüllen. Neun der Ausbilder waren früher Marinesoldaten, einer fuhr für die Bundespolizei zur See. Jetzt sind sie im Ruhestand, dank ihres Ehrenamts aber gut beschäftigt: „Da kommen schon mal sechzig Stunden pro Woche zusammen“, sagt Horst Kagel.

Als er mit den Freiwilligen im Hafen von Bord gegangen ist, läuft die „Hans Hackmack“ sofort wieder aus – über Funk ist die Besatzung alarmiert worden. Vom nahegelegenen Strand aus hat jemand einen Kite-Surfer entdeckt, der vom Brett gestürzt ist und von seinem Drachen durchs Wasser gezogen wird. So unterschiedlich die Teilnehmer sind – 16 ist der jüngste, 63 der älteste – so einig sind die 13 Männer und zwei Frauen sich: Am liebsten wären sie direkt mitgefahren, um zu helfen. Mit der Stammbesatzung von zwei Nautikern und zwei Maschinistenbefinden sich jedoch genügend Leute an Bord des Kreuzers.

Über das Kasernengelände laufen die Freiwilligen zur Schule zurück. Manche sind sichtlich erschöpft von den Stunden auf See, andere noch euphorisiert von den Erlebnissen des Tages. „Sollen wir die Überlebensanzüge gleich mit Süßwasser abspritzen?“, fragt einer. „Nehmt die mit aufs Zimmer“, entgegnet Horst Kagel. „Ihr braucht sie am Freitag noch.“ Die Handhabung von Rettungswesten und Kletter-Rettungsnetz steht für den letzten Tag des Lehrgangs auf dem Programm. Für heute ist aber Schluss. Einige ziehen sich auf ihr Zimmer zurück, ein paar andere gönnen sich in der Sonne hinter dem Schulgebäude ein Feierabendbier. Horst Kagels Funkgerät knarzt, die Freiwilligen schauen auf. „Der Surfer ist tot.“ Nach einigen Sekunden bricht einer das Schweigen: „Auf See kann alles ganz schnell gehen.“ Ein anderer antwortet: „Und genau darum machen wir das hier.“

Vier Stunden zuvor. Fridolin Büttner steht hinter dem Haus vor den 15 Freiwilligen, die der Übung mit dem Hubschrauber entgegenfiebern. „Seid ihr reif für die Insel?“, fragt der Ausbilder und lacht. Die Männer und Frauen stecken in Überlebensanzügen, die an den Unterschenkeln in Gummistiefel übergehen. Sie lachen zurück, und dann macht die Truppe sich auf den Weg zum Hafen. „Wie lange würde ich in dem Ding hier im Wasser überleben?“, will einer von Horst Kagel wissen. „Das hängt ganz von dir ab“, gibt der Vormann zurück. „Ich würde bei den sieben Grad, die die Ostsee zurzeit hat, zwei Tage überleben.“ Die Anzüge sind innen gefüttert und mit einer Schicht aus Kork ausgestattet, des Auftriebs wegen. „Dann schaffe ich einen halben Tag“, sagt der Freiwillige und lacht.

Im Hafen wartet ein stolzes Schiff auf die Gruppe. 23,1 Meter lang, sechs Meter breit, 2700 PS stark: die „Hans Hackmack“. Auf Deck stellt sich heraus, was Fridolin Büttner meinte, als er von einer Insel sprach. Die Back ist fast vollständig von einem Ungetüm aus schwarzem Kautschuk bedeckt. Die Freiwilligen müssen sich eng zusammenstellen, damit alle Platz finden. Später wird es allerdings noch enger zugehen.

„Das ist ein Open Reversible Inflatable Liferaft“, erklärt Horst Kagel, „eine beidseitig verwendbare aufblasbare Rettungsinsel.“ Auf dem Schiff wirkt die Insel mit ihren gut vier Metern Durchmesser riesengroß. Schon deutlich kleiner sieht sie aus, nachdem die Freiwilligen sie zu Wasser gelassen und vertäut haben. „Und wie kommen wir da jetzt rein?“, fragt einer. „Springen!“, sagt Ausbilder Reinhard Lademann und lacht. „Mit ein bisschen Erfahrung bekommt man das einigermaßen elegant hin. Da die meisten von euch die nicht haben, werden sie da ziemlich ungelenk reinplumpsen.“

Und so kommt es dann auch. Einer nach dem anderen springt vom Deck der „Hans Hackmack“ in die Mitte der Rettungsinsel, die meisten landen irgendwie auf allen Vieren. Aufrappeln und auf den Rand setzen, der Nächste wartet schon. Als Reinhard Lademann als Sechzehnter und Letzter mit einem gekonnten Sprung vom Boot auf die Kautschuk-Insel wechselt, müssen die Freiwilligen noch weiter zusammenrücken, damit auch er auf dem Rand Platz findet. Seine Stimme kämpft gegen den Wind, als er erklärt: „Die ersten fünf von euch werden auf die ‚Siegfried Boysen‘ gebracht, die nächsten fünf auf die ‚Eduard Nebelthau‘. Das sind die beiden kleinen Seenotrettungsboote. Die letzten fünf kommen wieder hier auf den Kreuzer.“

Dann wird das Verbindungsseil ausgehakt. Die „Hans Hackmack“ nimmt Fahrt auf, die Rettungsinsel bleibt zurück. Doch der Sea King ist schon unterwegs.

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