Auf Juist gilt Pferdemist als Exportartikel / Ladungen werden aufs Festland verschifft

Die Äpfel von der Insel

Juist. Wer auf Juist nach dem Bus sucht, der sollte den Pferdeäpfeln auf den Straßen besondere Beachtung schenken. Die Insel ist nicht nur autofrei.
29.11.2015, 00:00
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Die Äpfel von der Insel
Von Martin Wein
Die Äpfel von der Insel

Ob Touristen, Gepäck oder Güter – auf Juist wird beinahe alles mit zwei Pferdestärken bewegt.

Foto: Munier

Wer auf Juist nach dem Bus sucht, der sollte den Pferdeäpfeln auf den Straßen besondere Beachtung schenken. Die Insel ist nicht nur autofrei. Auch der öffentliche Personennahverkehr wird bis heute mit Pferdegespannen abgewickelt. Immerhin acht Menschen kann Fuhrunternehmerin Inka Munier mit ihrem Pferdebus zu Unterkünften oder zum Flugplatz kutschieren oder vom Dorf in einer guten Stunde am Strand entlang zur Domäne Bill im Westen der Insel. Munier leitet einen von fünf Fuhrbetrieben, die während der Saison mit rund 20 Arbeitskräften fast die komplette Versorgung von bis zu 10 000 Insulanern und Feriengästen übernehmen. „Und im Winter fahren wir Baustoffe vom Hafen zu den Baustellen“, sagt die Unternehmerin. 13 Pferde und acht Ponys hat sie dafür im Stall stehen. Schließlich halte der Immobilienboom auf den Inseln ungebremst an.

Anders als auf anderen autofreien Inseln wie Langeoog oder Wangerooge, wo zahlreiche Elektrofahrzeuge fast geräuschlos für den Warentransport unterwegs sind, besitzt auf Juist nur die Post zwei Elektro-

karren mit einer Ausnahmegenehmigung. Andere Paketversender wie UPS oder DPD geben ihre Sendungen inzwischen ebenfalls einem Kutscher mit oder lassen sie per Fahrrad transportieren. Auf Juist war das mit den Pferden schon immer so. Als der Hafen noch nicht im Dorfkern lag und es keine feste Landungsbrücke gab, fuhren Kutschen raus zu den Booten im Watt und holten die Passagiere an Land. Später baute man einen Damm und verlegte darauf Schienen. Auch die erste Inselbahn wurde von Pferden gezogen.

Die abgelegene Insel, die sich selbst als Zauberland vermarktet, bewahrt sich auch durch ihre rund 100 Arbeitspferde einen nostalgisch-verträumten Charakter. Zudem ist sie praktisch abgasfrei und damit mitten im Nationalpark besonders umweltschonend. Allerdings macht es viel Arbeit und erzeugt nicht geringe Kosten, den Fuhrbetrieb aufrecht zu erhalten. Denn auch die schwarzen Kaltblüter von Inka Munier und die Pferde ihrer Kollegen

leben nicht von Luft und Liebe. Alle Anwohner sind deshalb durch Ortsrecht verpflichtet, die Straßen vor ihrem Haus in der Saison täglich bis neun Uhr zu fegen, im Winter mindestens zweimal in der Woche. Der energiereiche Pferdemist landet im Restmüll und wird vom Landkreis Aurich anschließend mit der Fähre aufs Festland gebracht und dann deponiert beziehungsweise in Bremen verbrannt.

„Auf der ganzen Insel gibt es nur zwei Wiesen, wo gelegentlich etwas ausgebracht werden kann. Auch wenn ein Bauplatz neu eingesät wird, nehmen die schon mal ein paar Wagenladungen. Alles andere muss aufs Festland“, sagt Munier. Auch sie fährt deshalb jede Woche eine Ladung Mist die fünf Kilometer von ihrem Stall zur Müllsammelstelle am Hafen.

350 Euro zahlt die Unternehmerin pro Fuhre. Während der Mist von den Straßen nur als Restmüll verwertet werden darf, bringt ein Landwirt in Ostfriesland den Stallmist der Inselpferde auf seinen Feldern aus. „Im Gegenzug liefert er uns Heu und Hafer für den Winter“, sagt Fuhrunternehmerin Munier.

In die Dünen auf der Insel oder auf die Salzwiesen vor dem Deich darf der Mist nicht gekarrt werden. Die Gefahr wäre zu groß, dass sich standortfremde Pflanzenarten ansiedeln könnten oder aber die Nährstoffe mit der nächsten Springflut ins Meer gespült werden. Während manche Städter, die Pferde sonst nur aus dem Fernsehen kennen, bisweilen die Nase rümpfen, hoffen die Insulaner, dass ihnen die Tiere noch lange erhalten bleiben. Nicht nur Ausritte sind zunehmend beliebt. Auch der Speditionsbedarf sei insgesamt gestiegen, erzählt Munier. Schließlich werden auch auf Juist mehr Waren im Internet bestellt, und viele Menschen aus dem Binnenland investieren in attraktive Ferienwohnungen.

Inzwischen besteht nicht nur für Bauplätze deutlicher Mangel, sondern auch für die rund 100 Pferde auf der Insel. „Heute ist unser Stall von Ferienwohnungen umgeben. Als ich vor 25 Jahren anfing, war da noch nichts. Ein Fuhrbetrieb wie meiner würde an dieser Stelle jetzt gar nicht mehr genehmigt“, glaubt Munier. Dass es jemals Benzinkutschen auf die Insel schaffen, kann sie sich andererseits wirklich nicht vorstellen. Dafür seien die meisten Straßen viel zu eng und nur mit maximal sechs Tonnen belastbar. Dann müssten eben alle zu Fuß gehen oder das Fahrrad nehmen. Und das kann bei den heftigen Herbststürmen dieser Tage schon reichlich unangenehm werden.

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