Unterwegs mit einem Krabbenfischer Die Freiheit und das Meer

Bevor die Krabbe auf dem Teller landet, fährt Stephan Hellberg dafür 12 bis 14 Stunden raus auf die Nordsee, fünf Tage die Woche. Zu Besuch bei einem der letzten Krabbenfischer.
11.12.2016, 00:00
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Die Freiheit und das Meer
Von Katharina Elsner

Bevor die Krabbe auf dem Teller landet, fährt Stephan Hellberg dafür 12 bis 14 Stunden raus auf die Nordsee, fünf Tage die Woche. Zu Besuch bei einem der letzten Krabbenfischer.

Sie können es schon riechen. Das Salz, die Algen. Sie wissen, wenn die Netze sich aus dem Wasser erheben, wenn die Seilwinde die schweren Netze hievt und so laut knarzt, dass sie das Tuckern des Motors übertüncht: Dann ist es Zeit. Es ist halb sechs Uhr morgens – und ihr Kampf beginnt. In weißen Scharen schwirren sie über dem Heck des Kutters, der Wind trägt ihre Flügel. Dann stoßen sie die Schreie aus. Der erste Fisch klatscht von Bord, verschwindet zwischen der gekräuselten Wasseroberfläche – und ihr Sturzflug beginnt.

Die Möwen sind schlechte Fischer, deswegen brauchen sie so einen wie Stephan Hellberg. Sie sind sein ständiger Begleiter, draußen auf dem Krabbenkutter, 20 Meilen von der Dorumer Nordseeküste entfernt. Sie fressen den Beifang, also das, was Stephan Hellberg wieder ins Meer schüttet, wenn sich neben seiner Nordseekrabbe auch noch Fische, Quallen oder Seesterne in seinen Netzen verfangen.

Ein pragmatischer Mann

Seit 30 Jahren fischt er Krabben, seit elf Jahren auf der „Nixe II“, 15,09 Meter lang, 4,90 Meter breit und 300 PS – dank „Johann“, dem Volvo-Motor. Hellberg ist das, was man einen alten Seebären nennen würde. Er ist ein pragmatischer Mann, es sei nicht jeder Tag Sonntag, sagt er. Hellberg schnackt Plattdeutsch und ist ein wenig abergläubisch – nie fährt er ohne seine blaue Schiffermütze raus, auf seinem Kompass im Fahrerhaus steht immer Tweety, der Vogel aus den Zeichentrickserien, der immer von dem Kater Sylvester gejagt wird.

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Hellberg trinkt Kaffee und Tee aus seiner „Muck“, auf der ein Leuchtturm abgebildet ist. „Die wird auch bloß alle vier Wochen gewaschen, der Geschmack muss da drinnen sein, wenn die ausgewaschen wurde, schmeckt das nicht so“, sagt er und lacht. Sein Lachen klingt wie das einer rauchenden Comicfigur – denn Stephan Hellberg mag Zigaretten, viele Zigaretten.

Der 50-Jährige liebt seinen Beruf, er liebt das Fischen, liebt es, draußen auf dem Meer zu sein. Obwohl der Beruf sich verändert hat – und am Aussterben ist. Gerade einmal 160 deutsche Krabbenkutter gibt es noch, doch die Menschen wollen die Nordseekrabbe weiterhin essen. Sie ist eine Delikatesse, teurer als andere Krabben, und Stephan Hellberg weiß auch, warum. Diese Art, die Crangon crangon, gebe es nur in der Nordsee zwischen Dänemark und Belgien, erklärt er.

"Einfach so, ungewaschen"

„Sie hat einen leicht süßlichen Geschmack, keine andere Krabbenart hat diesen Geschmack. Das ist einfach so. Bei den anderen muss man immer noch so viel würzen. Es geht nix über die Krabbe frisch vom Kutter oder aus dem Geschäft“, sagt Hellberg. „Einfach so, ungewaschen.“

Bevor die Krabbe aber auf den Tellern eines Bremers oder einer Bremerin landet, fährt Stephan Hellberg dafür 12 bis 14 Stunden raus auf die Nordsee, an fünf Tagen die Woche, sieben bis acht Mal holt er die Netze ein. Alles, was darin schwappt, wird über einer Siebanlage entleert. Sieben Mal flatschen Fische, Quallen, Seesterne und eben die Krabben in metallene Behälter, fahren dann über eine Art Rolltreppe nach oben – und landen in einer Trommel, einer größeren und einer kleineren. Die dreht sich wie eine Waschmaschine und sortiert die Krabben vom Beifang. Während der zurück ins Meer geschwemmt wird, landen die Krabben in Eimern. Kevin, der Decksmann, schleppt die Eimer, um die 15 Kilo schwer, zum Heck des Kutters. Er kippt die Tierchen dort in einen großen Kochtopf, rührt ein paar Mal hin und her und nach ein paar Minuten – voilà, die Nordseekrabbe ist essbar.

Ob Kevin den Kutter übernimmt, ist ungewiss

Kevin soll mal Hellbergs Schiff übernehmen, soll sein Nachfolger werden. Ob er das macht, weiß Hellberg nicht genau. Die Krabbenfischerei ist zwar nicht mehr körperlich anstrengend – aber für die Familien der Fischer. Stephan Hellberg war oft nicht da, nicht, wenn seine zwei Kinder aufgestanden oder von der Schule nach Hause gekommen sind. Er war oft nicht da, um Windeln zu wechseln oder zuzusehen, wie sie laufen lernten. Mit Kevin verbringt er manchmal mehr Zeit als mit seiner Frau Sonja. Nur im Winter, von Dezember bis März, wenn er nicht fischen fährt, kann er Zeit intensiv nutzen − jetzt vor allem mit seinen Enkeln. Trotzdem, Hellberg würde alles genauso wieder machen. Jung heiraten, jung Kinder bekommen, jung Großvater werden − okay, fast alles. Er hätte nicht so viele Lütten über den Durst getrunken. Und nicht mit dem Rauchen angefangen. Aber Fischer würde er immer wieder werden. Denn da draußen auf dem Meer ist es zu schön. Es ist schön, die Natur zu spüren und die Freiheit. Da draußen ist Stephan Hellberg ein freier Mensch.

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