Die letzten Querschipper der Mittelweser

Jeden Morgen setzt Detlef Meyer, Bürgermeister der Samtgemeinde Grafschaft Hoya, mit der Schweringer Weserfähre ans andere Ufer über. Die Mini-Kreuzfahrt über den großen Fluss sei für ihn einfach „entschleunigend“, erzählt Meyer, dass er die Grafschaft so einmal von einer ganz anderen Perspektive aus kennenlerne.
23.07.2017, 00:00
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Von Jörn Dirk Zweibrock
Die letzten Querschipper der Mittelweser

Weser von Oben - Weserfähre Schweringen

Rafael Heygster

Jeden Morgen setzt Detlef Meyer, Bürgermeister der Samtgemeinde Grafschaft Hoya, mit der Schweringer Weserfähre ans andere Ufer über. Die Mini-Kreuzfahrt über den großen Fluss sei für ihn einfach „entschleunigend“, erzählt Meyer, dass er die Grafschaft so einmal von einer ganz anderen Perspektive aus kennenlerne. Der Verwaltungschef sagt: „Ich bin der Fährgemeinschaft unglaublich dankbar, sonst hätten wir in diesen Wochen ein Riesenproblem.“

In der Tat – würden die Schweringer Fährleute keine Sonderschichten schieben, würde der Verkehr in der Grafschaft Hoya momentan komplett zum Erliegen kommen. Die Hauptkreuzung in der Grafenstadt Hoya wird gerade in einen Kreisverkehr verwandelt, außerdem saniert die Verdener Tiefbaufirma dort aktuell unter Vollsperrung eine wichtige Landesstraße. Gäbe es die Fähre nicht, müsste Meyer also einen riesigen Umweg zurücklegen, um zur Arbeit ins Rathaus zu gelangen.

Die Weserfähre Schweringen ist die letzte verbliebene Wagenfähre an der gesamten Mittelweser. Zwischen Bremen und Minden verkehrt sonst keine weitere Autofähre mehr. Betrieben wird die Hochseilfähre vom Realverband Strohfelder Schweringen. Bei dieser Fähr-Interessentenschaft handelt es sich um einen privaten Zusammenschluss von Schweringer Landwirten, die ihre Ländereien auf dem gegenüberliegenden Weserufer haben. „22 Leute sind bei uns im Besitz eines Fährscheins“, sagt Jürgen Wahlert, Vorsitzender des Realverbandes. Darunter befinden sich auch drei Frauen.

Eine von ihnen ist Andrea Hellmann. „Es macht einfach viel, viel Spaß, Fähre zu fahren“, gerät sie regelrecht ins Schwärmen, wenn sie mit der rund 25 Meter langen schwimmenden Brücke (Tragfähigkeit: 40 Tonnen) zwischen den beiden Teilen der Gemeinde Schweringen pendelt. Auf dem Grund der Weser befindet sich eine schwere Antriebskette aus Eisen, an einem Hochseil wird die schwimmende Brücke über die Mittelweser geführt. „Weil wir quer zur Strömung fahren, werden wir auch Querschipper genannt“, erläutert Fährmann Christian Müller (79) mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

Seit Beginn der Bauarbeiten in Hoya – seit Anfang Mai – umschiffen die Fährleute nun schon die Großbaustellen in der Grafenstadt. Auf Wunsch der Samtgemeindeverwaltung haben sie ihre Fährzeiten erheblich ausgedehnt, sorgen dafür, dass Berufstätige wie Detlef Meyer morgens pünktlich ins Büro kommen und nicht extra über Verden oder Nienburg zur Arbeit fahren müssen. „Um den Ansturm zu bewältigen, sind wir jetzt meistens zu zweit unterwegs. Einer steuert die Fähre, der andere weist die Fahrzeuge ein, kassiert und kontrolliert“, erklärt Wahlert. Fährmann Christian Müller ergänzt: „Wie leben gerade im Ausnahmezustand, da sind natürlich Wartezeiten programmiert.“

Wer übersetzen will, zahlt für einen Pkw 2,50 Euro, Laster bis 7,5 Tonnen sind mit fünf Euro dabei. „Wir haben lediglich die Preise für Vielfahrer (Saisonkarten) angehoben, die während der erweiterten Fährzeiten unterwegs sind“, betont der Vorsitzende des Realverbandes Strohfelder Schweringen. Befördert werden allerdings nur Lastwagen bis zu einem zulässigen Gesamtgewicht von zwölf Tonnen – aufgrund der Abmaße und Bodenfreiheit.

Seit vergangener Woche verfügt die letzte Wagenfähre an der Mittelweser zusätzlich zum Schifffahrts-Funk (Kanal 10) auch über ein sogenanntes AIS-System, ein automatisches Identifikations-System für die Schifffahrt. „Auf dem Monitor können wir jetzt erkennen, welche Schiffe gerade unterwegs sind. Außerdem wissen die Schiffer nun, ob die Fähre gerade übersetzt“, zählt Jürgen Wahlert die Vorteile der neuen Technik auf. „Früher mussten uns die Schiffe ja immer erst vorher anfunken oder gar hupen.“

Alle fünf Jahre muss die Schweringer Weserfähre zum Schiffs-TÜV. „Vor zwei Jahren hat uns ein Schiff aus Versehen den Kettenantrieb herausgerissen“, erinnert sich Wahlert nur ungern an diesen Zwischenfall auf dem Wasser. „Wir sind zwar gut versichert, aber so eine Havarie ist nun mal kein Nullsummenspiel“, weiß der Schweringer Landwirt. Umso froher ist er, dass Samtgemeinde und Gemeinde die Fährgemeinschaft damals einmalig bei der Reparatur unterstützt haben. Die neue Hochseilfähre, Nachfolger der alten Gierseilfähre, wurde im Jahr 2000 in Betrieb genommen. „Seit wir drei Fährfrauen an Bord haben, hängen draußen Blumenkästen“, freut sich Fährmann Christian Müller über die heimelige Atmosphäre.

Uwe Schindler von der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (Nienburg) geht davon aus, dass die Bauarbeiten in Hoya Ende September/Oktober abgeschlossen sind. „Das Engagement der Fährgemeinschaft bedeutet schon eine große Entlastung für die Region“, zollt er den Querschippern Respekt. Wenn der Hoyaer Samtgemeindebürgermeister morgens auf der Fähre seine Jahreskarte zückt, ist er schließlich genauso froh, dass er nicht extra den riesigen Umweg über Nienburg fahren muss.

„Die Fähre ist den Schweringer Bauern so viel wert, dass sie sich die schwimmende Brücke immer noch für ihr landwirtschaftliches Gerät leisten“, freut sich Fährmann Christian Müller. Aber nicht nur bei den Bauern aus der Region, sondern auch bei Privatleuten und Radwanderern (Stichwort Weser-Radweg) erfreut sich die letzte Fähre an der Mittelweser größter Beliebtheit. Was viele nicht wissen: Die schwimmende Brücke verbindet nicht etwa Schweringen und Gandesbergen miteinander, sondern die beiden Schweringer Gemeindeteile, wie Jürgen Wahlert betont. Weil die Weser früher ihren Verlauf geändert hat, wurden die Schweringer Bauern folglich von ihren Ländereien auf dem östlichen Flussufer abgeschnitten, die sie fortan nur noch mit der Fähre erreichen konnten. „Unsere Landwirte bewirtschaften auf der anderen Seite noch gut 300 Hektar Marschboden“, weiß Müller.

Während der Bauphase verkehrt die letzte Wagenfähre zwischen Bremen und Minden jeweils montags bis freitags von 6.30 bis 18 Uhr, sonnabends dagegen zwischen 13 und 18 Uhr. Am Sonntag ist sie in der Zeit von 10 bis 18 Uhr im Einsatz.

Tipp für Literaturliebhaber: Am Freitag, 18. August, findet auf der Weserfähre wieder die von der Kirche ins Leben gerufene Reihe „Literatouren“ statt
(19 Uhr). „Jeder, der Lust hat, etwas aus seinem Lieblingsbuch vorzulesen, ist dazu herzlich eingeladen“, freut sich Müller auf weitere Querschipper.

„Seit wir Fährfrauen an Bord haben, hängen draußen Blumenkästen.“ Christian Müller
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