Bremen

Die Verteidiger des Regenwaldes

Immer wenn Pilot Guido Jiménez auf der holperigen Buschpiste zum Start ansetzt, kommt das ganze Dorf angelaufen. In der nahen Grundschule unterbrechen die Kinder den Unterricht, die Alten nehmen am Rand des Rollfeldes Platz und schauen, wie Jiménez nach 20 Sekunden Wackeln und Holpern auf dem unebenen Grund die Nase der Cessna T206H über dem dichten Dschungel hochzieht.
03.01.2017, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Klaus Ehringfeld
Die Verteidiger des Regenwaldes

Guido Jiménez (Zweiter von rechts) ist einer von drei Piloten bei Aero Sarayaku. 200 Familien des gleichnamigen Indio-Dorfes haben die Mini-Airline gegründet.

Immer wenn Pilot Guido Jiménez auf der holperigen Buschpiste zum Start ansetzt, kommt das ganze Dorf angelaufen. In der nahen Grundschule unterbrechen die Kinder den Unterricht, die Alten nehmen am Rand des Rollfeldes Platz und schauen, wie Jiménez nach 20 Sekunden Wackeln und Holpern auf dem unebenen Grund die Nase der Cessna T206H über dem dichten Dschungel hochzieht. Noch eine kleine Linkskurve und dann nehmen der Pilot und seine vier Passagiere in dem in die Jahre gekommenen Propellerflieger Kurs auf die nahe Kreisstadt.

Aus dem Flugzeug fällt der Blick auf das intensive Grün des Regenwaldes und den sich dort hindurch windenden Rio Bobonazo, man sieht die Palmdächer von Sarayaku, einem wehrhaften Indiodorf tief im ecuadorianischen Amazonasgebiet. Von dort unten werfen die alten und jungen Plainespotter dem kleinen Flugzeug sehnsüchtige Blicke hinterher. Kaum ist die Cessna am Horizont verschwunden, wird der Fußball ausgepackt und auf der Rollbahn gekickt. Der Flug in die Kreisstadt Puyo dauert rund 25 Minuten.

Der 25-jährige Jiménez ist einer von drei Piloten der vielleicht kleinsten, aber sicher ungewöhnlichsten Fluggesellschaft der Welt. „Aero Sarayaku“ heißt sie und gehört der Gemeinschaft der 200 Familien des gleichnamigen Dorfes der Kichwa-Indianer. Zwei Cessnas, drei Piloten, zwei Techniker, ein Chef und ein Hangar auf dem Flughafen in Puyo. Die Airline präsentiert sich in einem Prospekt fast poetisch: „Aero Sarayaku – den Himmel über dem lebenden Regenwald durchqueren“.

Das Motto der Fluggesellschaft könnte kaum besser zu diesem Dorf passen, das die einen rebellisch finden und die anderen mutig und standhaft. Denn dass der Regenwald auf den 135 000 Hektar, die zu Sarayaku gehören, noch lebt und intakt ist, ist Ergebnis eines langen Kampfes. Während die Originalvölker in aller Welt von der Zivilisation überrollt werden, steht diese kleine Kichwa-Gemeinde in Ecuador über die Grenzen Lateinamerikas hinaus als Symbol indigenen Widerstands.

Die Geschichte begann 2002, als eines Tages Hubschrauber unangekündigt in der Idylle landeten und Ölarbeiter in gelben Overalls ausspuckten, die Vorbereitungsarbeiten für eine spätere Untersuchung verrichten wollten. Schließlich liegt unter dem Urwaldboden von Sarayaku reichlich Erdöl. Die Regierung im kalten Quito hatte dem argentinischen Konzern CGC die Lizenz zur Erdölförderung gegeben – ohne allerdings die Bewohner zu konsultieren.

Doch die Einwohner Sarayakus vertrieben die Eindringlinge, mobilisierten die internationale Gemeinschaft, suchten sich Anwälte und zogen vor Gericht. 2012 sprach der Interamerikanische Gerichtshof in Costa Rica dem Dorf umgerechnet 1,2 Millionen Euro Entschädigung zu. Und ein Großteil des Geldes floss in das Projekt der ersten indigenen Airline der Welt. Mit dem Rest der Entschädigung gründeten sie eine kleine Bank, die günstige Kredite vergibt, kauften eine Satellitenschüssel und installierten Internet. Denn in Sarayaku wissen die Menschen: Kommunikation ist unerlässlich, damit die Welt von dem Kampf des David gegen die Goliaths erfährt.

Wer den Ort tief im Regenwald besucht, merkt sehr schnell, warum die Menschen am „Maisfluss“, wie Sarayaku in der Sprache der Kichwa heißt, so um ihre Idylle kämpfen. Wer nicht die Propellermaschine nimmt, fährt mit dem Einbaum aus der Kreisstadt fünf bis sieben Stunden über den Rio Bobonazo, der sich in dieser Jahreszeit wie eine schmale braune Ader durch den grünen Dschungel zieht. Mit einem kleinen Außenborder hinten und einem Steuermann vorne geht es vorbei an Stromschnellen und Untiefen. Manchmal ist das Wasser so flach, dass die Passagiere aussteigen und das Kanu schieben müssen. Unterwegs kreischen die Vögel, springen die Fische.

In Sarayaku leben die Menschen mit und von dem Fluss. Die Kinder spielen und baden darin, Frauen waschen, die Männer und Jungs fischen traditionell mit der Harpune. Die Häuser des Dorfes sind aus gestampftem Boden oder aus Holz, viele mit Palmdächern und auf Stelzen. Die Menschen leben im Rhythmus der Sonne. Strom gibt es nur stundenweise. Das Leben konzentriert sich um den Dorfplatz, im Gemeinderaum hängt ein Plakat: „Sarayaku – libre de petroleo“ („Sarayaku, frei von Erdöl“).

„Dieses Dorf widersteht den Herausforderungen der Multis und der unterschiedlichen Regierungen seit fast 20 Jahren“, sagt im Gespräch in der fernen Hauptstadt Quito Alberto Acosta, einst Energieminister unter Präsident Rafael Correa: „Es ist wie bei Asterix und Obelix und dem widerspenstigen gallischen Dorf“. In Sarayaku stellen sie ihr Recht, nach alten Sitten und Gebräuchen leben zu wollen, über das Geld und die Errungenschaften, die mit der Ölausbeutung gekommen wären: „Die Vision von Sarayaku ist der Respekt gegenüber anderen und gegenüber dem Regenwald. So trägt unser Dorf mit dazu bei, dass die Welt im Gleichgewicht bleibt“, sagt Patricia Gualinga. Die 43-Jährige ist die Außenbeauftragte im Dorfrat, reist in dieser Funktion um die Welt und erklärt den Widerstand Sarayakus. Im vergangenen Jahr sprach sie vor der UN-Klimakonferenz in Paris.

Anfang Dezember war Gualinga auf Einladung von „Adveniat“ auch in Deutschland. Das katholische Lateinamerika-Hilfswerk hatte 2016 die Weihnachtsspendenaktion „Bedrohte Schöpfung – bedrohte Völker“ der Amazonas-Region gewidmet. Und es unterstützt über das „Panamazonische Kirchliche Netzwerk“ (Repam) Indio-Gemeinschaften wie Sarayaku im Kampf gegen Energiekonzerne, Vertreibung und die Zerstörung der Ökosysteme.

Denn die Bedrohung der indigenen Völker in der gesamten Amazonasregion steigt. Die linken und rechten Regierungen in Lateinamerika setzen gleichermaßen auf die Ausbeutung der Ressourcen und eröffnen dafür Öl- und Holzkonzernen den Zugang zum Amazonasgebiet. In Ecuador beutet der Staat über eigene Firmen die Ressourcen sogar selbst aus. Rücksicht auf die Urvölker und die Umwelt wird dabei kaum genommen.

Nur zwei Prozent des Amazonasgebiets gehören zu Ecuador, aber rund 40 Prozent der Erdölreserven des Landes liegen hier. Das Erdöl sei von enormer Wichtigkeit, erklärt der ehemalige Energieminister Acosta: „Die Hälfte aller Exporte sind Öl, ein Drittel der Staatseinnahmen kommen vom Verkauf, und es trägt 13 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei“, sagt der Ökonom, der in Köln Wirtschaftswissenschaften studierte. Selbst im Biosphärenreservat Yasuni hat Präsident Correa jetzt die Suche nach Öl freigegeben. Umweltschützer sind entsetzt, die Ureinwohner fürchten um ihre Lebensgrundlage.

Die Folgen dieser exzessiven Ausbeutung seien Entwaldung, Umweltverschmutzung und die Vertreibung der Urvölker aus ihren Gebieten, warnte kürzlich auch der brasilianische Kurienkardinal Cláudio Hummes. „Das ist eine zerstörerische Form des Wachstums“. Die Kirche müsse die Indígenas in ihrem Kampf für Selbstbestimmung und Erhalt ihres Territoriums unterstützen, betont Hummes, einer der engsten Berater von Papst Franziskus. Um dies besser zu koordinieren, wurde vor gut einem Jahr das Repam-Netzwerk gegründet, dessen Präsident Kardinal Hummes ist. Laut Repam ist bereits ein Viertel des Amazonasgebiets abgeholzt. Dabei liegen in der rund acht Millionen Quadratkilometer großen Region 20 Prozent der weltweiten Wasservorräte und 20 bis 30 Prozent der Sauerstoffvorräte.

Und die Gefahren bleiben und steigen sogar, wie Patricia Gualinga sagt. Denn nahe von Sarayaku gibt es wieder neue Bemühungen der „Petroleras“, der Erdölfirmen, mithilfe staatlicher Konzessionen doch noch an das Amazonas-Öl heranzukommen. Der italienische Eni-Agip-Erdölkonzern und die chinesische, extra für die Region gegründete Firma Andes Petroleum wollen an das schwarze Gold im grünen Paradies.

Doch die Kichwa werden auch gegen diese Eindringlinge so entschlossen kämpfen wie damals gegen die Argentinier. Die Menschen in Sarayaku sehen sich als die „Verteidiger des Regenwaldes“. Dass sie dabei die Tradition mit der Moderne verbinden, ist vielleicht das Besondere an diesem Dorf im ecuadorianischen Urwald. Internet, Banken und eine eigene Fluggesellschaft sollen nicht die alten Bräuche ablösen, sondern sie zu bewahren helfen.

Und Aero Sarayaku, die indigene Airline, durchquert den Himmel über dem ecuadorianischen Amazonas erst seit einem Jahr, hat sich seither für weite Teile der Region unentbehrlich gemacht. „Wir fliegen viele Gemeinden an und erleichtern den Menschen das Leben“, erläutert Direktor José Gualinga, ein Verwandter von Patricia, und zeigt im Hangar der Airline in der Kreisstadt Puyo auf die hinter ihm hängende Karte der Region, wo die Pisten im Regenwald eingezeichnet sind.

„Wir kommen dieses Jahr gerade so ohne ein Minus aus“, sagt Airline-Direktor Gualinga, der sein Haar als Pferdeschwanz trägt. Um den Hals baumelt eine Kette aus Tapir-Zähnen. Dass die Bilanz nicht besser ist, liegt auch daran, dass Aero Sarayaku als Luft-Ambulanz fungiert, etwa wenn bei einer Schwangeren die Wehen zu früh einsetzen oder nach einem Schlangenbiss Lebensgefahr besteht. Wenn der Patient mit dem Kanu über den Bobonazo mehrere Stunden nach Puyo gefahren werden muss, kommt er meist nur noch tot an. „Diese Flüge zahlen wir in der Regel selber, weil wir uns auch als eine Art fliegende Solidargemeinschaft verstehen“, betont Direktor Gualinga.

„Wir kommen dieses Jahr gerade so ohne ein Minus aus.“ Airline-Direktor José Gualinga
„Den Himmel über dem lebenden Regenwald durchqueren.“ Werbeslogan von Aero Sarayaku
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