Mehr als 1600 Aussteller aus über 60 Ländern präsentieren auf der Grünen Woche in Berlin ihre Spezialitäten

„Echte Wurst muss schlabberig sein“

Auf der Grünen Woche in Berlin geht es um die Landwirtschaft und um Ernährung. Doch vor allem geht es ums Kennenlernen. Ein Rundgang auf Berlins beliebtester Messe.
17.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Echte Wurst muss schlabberig sein“
Von Kathrin Aldenhoff
„Echte Wurst muss schlabberig sein“

Zwei Besucher freuen sich in der Niedersachsenhalle über ihren Luftballon. Dass der von einem bayerischen Stand kommt, stört nicht weiter.

Marco Petig

Auf der Grünen Woche in Berlin geht es um die Landwirtschaft und um Ernährung. Doch vor allem geht es ums Kennenlernen. Ein Rundgang auf Berlins beliebtester Messe.

In der Russland-Halle stehen die Sektflaschen in Reih’ und Glied, eine schöne junge Frau in russischer Tracht rückt ein Schälchen mit schwarzem Kaviar zurecht. Zwei ältere Damen stehen im Bremer Teil der Niedersachsen-Halle vor einem Tablett mit Schnapsgläsern, sie können sich noch nicht recht entscheiden, was es werden soll: Birne, Apfel oder doch lieber Kirsche? Eine niederländische Blaskapelle spielt bayerische Musik vor den Ständen des Gastlandes Lettland.

Es ist Grüne Woche in Berlin, zum 80. Mal. Seit gestern und noch bis zum 25. Januar geht es im Messezentrum im Westen der Stadt wieder um Landwirtschaft, Ernährung – gesund, in manchen Fällen, in manchen weniger – und um Gartenbau. Es ist die Berliner Messe mit den meisten Besuchern; 1658 Aussteller aus 68 Ländern präsentieren ihre Spezialitäten, 400 000 Besucher werden in diesem Jahr erwartet.

In der Niedersachsenhalle steht jetzt der Männergesangsverein Frohsinn aus dem Elbe-Wendland auf der Bühne und singt Lieder auf Platt. Die Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen (LVN) hat einen Stand in schwarz-weißer Kuhoptik. Rund 10 000 Milchviehbetriebe gibt es in Niedersachsen, mit insgesamt 786 000 Kühen – die LVN vertritt sie alle. Es gibt Bananenmilch, Joghurt und Buttermilch und den Hinweis: Milch macht schön.

Nebenan verkauft Bäcker Volker Kasing aus Delmenhorst sein Brot – laktosefrei, wie ein Schild wirbt. „Das liegt im Trend“, erklärt er. Und fügt dann hinzu, dass seine Familie schon seit 50 Jahren ohne Milcheiweiß und Zucker backe. Genau genommen war sein Brot also schon vor dem Trend da. Das Mehl für sein Bauernbrot, das Zwiebel- und Kümmelbrot kommt aus einer Mühle in Leer in Ostfriesland. Und das unabhängig davon, auf welcher Messe der Wanderbäcker gerade unterwegs ist. Eine feste Backstube hat er nämlich nicht.

Ein Landcafé aus dem niedersächsischen Uslar verkauft selbst gemachte Marmelade. Die Spezialität: Biergelee. Super zum Grillen, sagt die junge Verkäuferin. Auch der Bremer Martinshof ist auf der Grünen Woche und verkauft seine Produkte. Einen Stand mit Becks-Bier gibt es selbstverständlich auch, und unter Bremerhavener Flagge verkaufen Mitarbeiter mit Plastikfischen auf der Mütze Fischbrötchen.

Die Bremer und die Niedersachsen teilen sich ihre Halle mit den Thüringern. Und dort darf der Star des Bundeslandes natürlich nicht fehlen: Die Thüringer Rostbratwurst wird auf der grünen Messe vertreten von Jürgen Rüdiger, Fleischer aus dem thüringischen Landkreis Sömmerda. Er ist zum ersten Mal da und hofft, dass es sich lohnt. Rüdiger ist mit viel Geld in Vorkasse gegangen, allein die Logistik kostet: Jeden Tag müssen rund 1000 Würste aus Thüringen nach Berlin geschafft werden. Vor ein paar Tagen war seine Lieblingswurst in den Medien, da ging es um das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA. Doch er beruhigt: Seine Würste kommen zu 100 Prozent aus Thüringen, auch die Schweine.

Dann holt er einen Plastikbehälter mit rohen weißen Würsten: „Ich sag’ immer, die echte Thüringer Rostbratwurst ist schlabberig“, und hält zum Beweis eines seiner Werke in die Luft. Es schlabbert. Die Schweine, die für seine Wurst geschlachtet werden, müssen mindestens fünf bis sechs Zentner wiegen, also 250 bis 300 Kilogramm. Und sie müssen mindestens ein Jahr alt sein. Warum? Das Fett ist Geschmacksträger, antwortet der Fleischer. Und für eine gute Thüringer brauche es reifes Fleisch.

Am Stand nebenan möchte ein Naturschützer von „Weidewonne“ die Leute überzeugen, mehr Lamm zu essen. Und zwar nicht neuseeländisches, sondern das aus Thüringen. Die Schäfer, die mit ihren Tieren über die Wiesen ziehen, sorgen dafür, dass die Flächen frei bleiben und seltene Pflanzenarten dort wachsen. Sind die Schafe weg, wachsen die Flächen mit Büschen zu und die anderen Pflanzen kommen nicht mehr durch.

Dass die Grüne Woche ein Ort der Völkerverständigung ist, lernt man zum Beispiel am Stand von Köstritzer. Dort steht der Alphornbläser Georg Riesenacker mit zwei Kollegen, die bayerische Tracht am Leib, das Alphorn in der Hand, und trinkt Schwarzbier. Seit 36 Jahren kommt der 66-jährige Allgäuer zur Grünen Messe. „Ohne Unterbrechung“, wie er betont. Die ersten Jahre hat er an einem bayerischen Stand Käse aufgeschnitten, aber immer wenn ein besonderer Gast da war, sollte er Alphorn spielen. Die besonderen Gäste kamen oft, und irgendwann hat er dann gesagt: „Entweder Käse oder Alphorn.“ Er grinst. Seitdem spielt er, sechs bis acht Stunden pro Tag, an jedem einzelnen Messetag.

Gastland der diesjährigen Grünen Woche ist Lettland. Tomass Kotovics ist Direktor der Kommunikation für das Partnerland auf der Grünen Woche. Auch er erwartet sich viel von der Schau, von den vielen Besuchern. In seinem Land sind 54 Prozent der Landesfläche von Wald bedeckt. In Sachen ökologische Produkte habe Lettland viel Erfahrung: Ein Land, so groß wie die Schweiz, aber mit nur zwei Millionen Einwohnern und wenig Industrie. Da sei die Luft rein und der Boden gut, versichert er. Perfekt für die Bioprodukte, die in Deutschland gerade so gefragt sind.

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