Eine Brücke nur für Tiere

Über diese Brücke dürfen keine Menschen spazieren und keine Autos fahren: Sie ist ausschließlich für Tiere reserviert. Denn hier sollen Hirsche, Rehe und Co.
22.09.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Über diese Brücke dürfen keine Menschen spazieren und keine Autos fahren: Sie ist ausschließlich für Tiere reserviert. Denn hier sollen Hirsche, Rehe und Co. sicher von einer Seite der Autobahn auf die andere laufen. Zu Besuch auf einer Grünbrücke in Nordrhein-Westfalen.

„Wen die Infrarotkameras wohl diese Nacht aufgenommen haben?“ Thomas Munzert klettert auf eine Leiter, holt einen kleinen Chip aus der Kamera und steckt ihn in seinen Laptop. Er hat Glück: In den letzten Tagen haben die Kameras viele Bilder von Tieren gemacht, die abends, nachts oder in der Morgendämmerung über die Autobahnbrücke bei Schermbeck in Nordrhein-Westfalen spaziert sind.

„Vor zwei Tagen war eine Rehmutter mit ihrem Kind da“, sagt Thomas Munzert und zeigt auf den Bildschirm. Zudem hat die Kamera einen Hirsch erwischt, der direkt in die Kamera guckt. Auf einem anderen Foto sind allerdings nur verwischte Streifen zu sehen. Aber das kennt Thomas Munzert schon. „Wildschweine laufen so schnell über die Brücke, dass man auf den Fotos oft nur Streifen sieht“, sagt er. Die Kameras reagieren auf Wärme und Bewegungen. Bis sie richtig ausgelöst haben, sind die Wildschweine oft längst weg.

Hier oben ist es schön ruhig. Die ganzen Autos und Lastwagen, die unter der Brücke über die Autobahn 31 fahren, hört man kaum. Der Boden der 40 Meter langen und 50 Meter breiten Brücke ist mit Gras bewachsen. Die Tiere sollen sich wohlfühlen. Thomas Munzert kommt regelmäßig hierher und schaut sich genau an, welche Tiere zu welcher Uhrzeit über die Brücke gelaufen sind. Das funktioniert nur mit den Kameras , denn wenn er selbst auf der Brücke stehen würde, würden sich die Tiere nicht trauen.

Thomas Munzert studiert Biologie an der Uni. „Ich will herausfinden, wie die Brücke angenommen wird, welche Tiere sie benutzen, welche nicht und warum“, erklärt er. Seine Forschung ist wichtig, denn die Brücke ist noch recht neu, und es gibt in Deutschland noch nicht viele Autobahnbrücken für Tiere. Zurzeit sind es 39, die fertig sind. Aber in ein paar Jahren sollen es über hundert sein.

Die Tiere in Schermbeck haben es also echt gut. Das haben sie Gerhard Klesen zu verdanken. Er ist Forstdirektor beim Regionalverband Ruhr, einem Zusammenschluss der Städte im Ruhrgebiet. Gerhard Klesen hat fast zehn Jahre dafür gekämpft, dass hier eine Brücke für die Tiere gebaut wird. „Es geht darum, dass die Tiere sicher von einer Seite der Autobahn auf die andere laufen können und nicht von einem Auto erwischt werden“, sagt er.

Als die Autobahn vor vielen Jahren gebaut wurde, hat sie den Lebensraum der Tiere in zwei Teile zerschnitten. Auf der einen Seite lebten ungefähr 200 Hirsche, Füchse und so weiter. Auf der anderen Seite etwa 2000. Die Grünbrücke bringt sie nun wieder zusammen. Das ist wichtig. Denn wenn immer nur dieselben Tiere zusammen Kinder bekommen, werden Krankheiten eher weitergegeben.

Als die Brücke vor etwa einem Jahr eröffnet wurde, war Gerhard Klesen natürlich sehr gespannt. Er wollte wissen, ob die Tiere sich auch trauen, über die Brücke zu laufen. Das hat super geklappt. „Schon drei Tage später ist das erste Rotwild über die Brücke gelaufen“, sagt er. Das liegt sicher daran, dass die Experten sich viele Gedanken gemacht haben, wie die Brücke am besten gebaut wird. Damit sie von vielen Tieren genutzt wird, ist sie vielseitig bepflanzt worden: etwa mit Büschen, Rasen, Wiese und Heide. Über die Grünbrücke sollen nicht nur Hirsche, Rehe oder Wildschweine spazieren, sondern auch kleinere Tiere. Zum Beispiel Laufkäfer, Mäuse, Wiesel, Dachse oder Füchse.

„Für die kleinen Tiere haben wir extra alte, abgestorbene Baumstämme an den Rand der Brücke gelegt“, sagt Forstdirektor Gerhard Klesen. Eine kleine Maus etwa würde sich eher nicht ohne Deckung über die Brücke trauen. „Wenn Gefahr droht, kann sie sich schnell unter einem toten Ast verstecken“, erklärt Gerhard Klesen. Rechts und links sind hohe Wände. „Damit die Tiere nicht von den Scheinwerfern der Autos geblendet werden“, sagt Gerhard Klesen. Denn meist laufen die Tiere im Schutz der Dunkelheit über die Brücke, am späten Abend, nachts oder in der Morgendämmerung. Im Schutz der Dunkelheit fühlen sie sich sicherer als tagsüber. Anschließend hat Thomas Munzert dann ein Foto von ihnen auf seinen Kameras Katharina Heimeier

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