Pfadfinder wandern in Schweden / Ein Reisebericht aus erster Hand Eine Reise zurück zur Natur

Burglesum·Arvika. Es ist nun knapp drei Wochen her, seit wir aus der Wildnis wieder zurück in die Zivilisation traten. Eingehüllt von Gerüchen, Geräuschen und Farben.
28.09.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Es ist nun knapp drei Wochen her, seit wir aus der Wildnis wieder zurück in die Zivilisation traten. Eingehüllt von Gerüchen, Geräuschen und Farben. Der erste Schluck frische Milch ist eine pure Geschmacksexplosion. In den nachfolgenden Tagen war es unmöglich, ruhig auf einem Stuhl zu sitzen. Nach 18 Tagen in denen wir damit beschäftigt waren, die grundlegendsten Dinge zum Leben zu gewährleisten: Wasser abkochen, einen Lagerplatz finden, ein Kochfeuer entzünden und Essen zu kochen.

Mit elf Personen zwischen elf und 27 Jahren gingen wir auf unsere Reise. Unser Ziel war es, unsere Grenzen kennenzulernen und herauszufinden, wie viel mehr jeder von uns kann und schafft.

24 Stunden lang dauerte unsere Anreise mit dem Zug bis zur Stadt Arvika in Mittelschweden, nahe dem Naturreservat Glaskogen. Ein Abenteuer für sich und das Schöne daran ist, dass wir jetzt schon fühlten, wie weit wir von zu Hause weg waren: Handys, Computer, Gameboys und alle elektronischen Geräte liegen ausgeschaltet weit entfernt am Heimatort. Jetzt beginnt das Abenteuer Freiheit.

An unserem Zielort, auf einem Platz nahe der Siedlung Lenungshammar, verbrachten wir mit gut 100 weiteren Pfadfindern aus Deutschland fünf Tage am See. Einige waren beauftragt worden, Spiele und Aktionen zu organisieren. So gab es ein buntes, abwechslungsreiches Programm für Jung und Alt. Ein typisch schwedischer Krimi wurde inszeniert, bei dem die Mädchen und Jungen den Mörder eines Mädchens entlarven und vor Gericht stellen mussten.

Wandern mit Wölfen

Unsere Gruppe, der Stamm Walhall, baute mit großer Freude eine Bank in den See hinein. Wir warfen Ufersteine ins Wasser und formten daraus zwei Sockel. Darüber wurden tote Fichten als Sitzfläche gelegt und mit Steinen fixiert. Jeder half mit – denn es macht schließlich eine Menge Spaß, ein gemeinsames Projekt zu verfolgen. So begleiteten uns in den folgenden Tagen jede Menge Programm, im und auf dem See sowie ein großes Geländespiel. Abends rundeten wir diese Tage mit einer Singerunde am Feuer ab.

Nach den Tagen auf dem Standlager begann unsere Zeit, ständig wechselnde, unbekannte Orte aufzusuchen. Wir packten unsere Zelte, unsere Kochmaterialien, unser Essen und unsere Klamotten zusammen und verstauten alles in unseren Rucksäcken. In einer großen Runde verabschiedeten wir uns bei den 100 Pfadfindern des Lagers und machten uns auf in Richtung Süden, denn wir wollten einmal um den See wandern – rund 100 Kilometer zurück bis nach Arvika. Auf einer Fahrt wie dieser, gibt es zwei Aufgaben, die jeden Tag aufs Neue übernommen werden müssen: das Bestimmen des Tagesziels und Führen der Gruppe mit Hilfe von Karte und Kompass, sowie das Kochen des Abendessens. Für diese beiden Aufgaben mussten sich täglich je zwei Personen finden, damit die Gemeinschaft weiter kommt. Ganz bewusst, haben sich die drei „Alten“ aus den Gruppen heraus gehalten; ganz nach den Grundsätzen unserer Pfadfinderbewegung „Learning by doing!“ und „Jugend führt Jugend“. So lernen die Kinder und Jugendlichen selbstständig zu werden und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen.

Doch Wandern bedeutet nicht immer nur Vorwärtsgehen. Es bedeutet, Hügel und Berge zu erklimmen, durch dichte Büsche und Wälder zu streifen, tiefe Täler und Flüsse zu durchqueren. Das Erleben großer Momente, der Anstrengung, oder auch ganz kleiner schöner Augenblicke, macht das Wandern sehr facettenreich. All das wird wahrgenommen und bildet das Fahrtenerlebnis. Fröhliche Lieder lassen das schwere Gepäck auf dem Rücken leichter werden und kurzzeitig bis zu den erlösenden Pausen vergessen.

Folgendes Erlebnis sollten wir lange in Erinnerung behalten: Eines Mittags kamen wir bei einer Hütte an, dort trafen wir auf zwei Jäger und zwei Pfadfinder, die mit dem Kanu den See erkundeten. Am Abend erklang dann ein einsames Flötenspiel eines Jägers. Die einen kochten dazu, die anderen standen ganz vorne auf den Felsen und blickten auf den See hinaus. Die Sonne ging unter und alles schien wie im Traum. Unsere Gitarre fing an, die Flöte zu begleiten und schon bald sangen alle mit.

Am nächsten Morgen hieß es für alle „Waschtag“. Das heißt, Klamotten und vor allem sich selbst gründlich zu waschen. Mit Kernseife und biologisch abbaubaren Shampoos wuschen wir alles, was wir nicht gerade am Körper trugen. Der kühle See und der wunderschöne Ausblick hielt uns noch lange im Wasser. Auch Zähne putzen im oder am See gehörten dazu. Für viele von uns war der Waschtag der Ruhetag. Schon während der Wanderung erblickten wir den See und sahen mit großer Sehnsucht in das kühle Nass. Jeden Tag, an dem wir an dem See schliefen, gingen wir Abends oder Morgens baden.

In den darauf folgenden Tagen hörten wir Wölfe heulen. Eine Frau erzählte uns, dass die Wölfe bereits bis in die Dörfer kamen. Abends, würde man die Augen der Wölfe in den Büschen sehen. Auch Bären seien hier, und auch sie kommen bis ins Dorf. Viele der Einheimischen haben Angst um ihre Haustiere und ließen auch die Kinder abends nicht alleine hinaus. Wir blieben verschont.

In den letzten Wandertagen wurde das Wetter immer unberechenbarer. Oft sah es aus, als ob es gleich Regnen und Stürmen würde. Manchmal kam etwas, manchmal aber auch nicht. Aber unsere Schnelligkeit, Zelte aufzubauen, wenn es denn anfing zu regnen, war atemberaubend. Wir leben in der Natur, wir erleben die Natur und wir leben mit der Natur. Irgendwann ging die Fahrt aber zu Ende: Glücklich, müde, mit Zugverspätung und nicht mal einem einzigen Zeckenbiss.

Jetzt starten zwei neue Gruppen für Kinder im Alter von sieben bis neun Jahren. Der Ansprechpartner für den Treff in Burglesum ist Hakon Wind. Seine E-Mail-Adresse lautet Hakon@stamm-walhall.de. In Osterholz-Scharmbeck gibt es auch eine Gruppe. Ansprechpartner dort ist Sebastian Vetter unter der E-Mail-Adresse

Sebastian@stamm-walhall.de. Weitere Infos auch unter www.stamm-walhall.de.

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