Es geht nicht immer alles gut

45 Seenotretter haben in der Geschichte der DGzRS im Einsatz ihr Leben verloren. Die Chroniken erzählen, wie Männer in offenen Ruderrettungsbooten beim Kampf gegen die entfesselten Gewalten des Meeres an Erschöpfung starben, ganze Mannschaften nicht mehr zurückkamen.
24.05.2015, 00:00
Lesedauer: 9 Min
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Von Volker Kölling

45 Seenotretter haben in der Geschichte der DGzRS im Einsatz ihr Leben verloren. Die Chroniken erzählen, wie Männer in offenen Ruderrettungsbooten beim Kampf gegen die entfesselten Gewalten des Meeres an Erschöpfung starben, ganze Mannschaften nicht mehr zurückkamen. Aber auch in der Neuzeit scheinbar unzerstörbarer Rettungskreuzer hat es tragische Unfälle gegeben. So hatten die Männer der „Adolph Bermpohl“ schon 184 Menschen aus Seenot gerettet, bevor sie 1967 selbst einem Orkan zum Opfer fielen. Dies ist ihre Geschichte.

Der gebürtige Spiekerooger Hinnerk Pick war Mitte der 1960er-Jahre oft an Bord des Rettungskreuzers „Adolph Bermpohl“ zu Besuch. Als Seemann auf dem Helgoland-Versorgungsschiff „Atlantis“ fuhr er als Nachbar im Hafen mitunter auch schon mal mit auf dem mit 26 Meter damals größten Schiffstyp der DGzRS: „Das war ein ganz tolles Schiff und wir verbrachten darauf viel Zeit zusammen.“ Bis heute ist Pick als Freiwilliger zweiter Vormann auf dem Seenotrettungsboot „Eckernförde“ auf der gleichnamigen Station im Ostseefjord. Am 23. Februar 1967 steht der damals 25-jährige Hinnerk Pick am Ruder der „Atlantis“ auf dem Weg von Cuxhaven nach Helgoland, als sich plötzlich der Orkan aufbaut.

„Beim Feuerschiff ,Elbe II‘ frischte der Wind plötzlich enorm auf. Da hatten wir schon Orkan. Unser Reeder Cassen Eils sagte noch per Funk durch, dass wir umkehren sollten. Unser Kapitän sagte nur trocken auf Plattdeutsch: Cassen, das geht nicht mehr, dann dreht sich der Pott in der Runde.“ An Bord des Helgolandversorgers sind auch zwei Rettungsmänner, die turnusgemäß zwei der vier Besatzungsmitglieder der „Adolph Bermpohl“ auf Helgoland ablösen sollen. Aus den zweieinhalb Stunden, die die „Atlantis“ normalerweise zur Insel braucht, werden mehr als sechs Stunden Kampf über meterhohe Wellen bis in den Südhafen der Hauptinsel. Die Besatzung der „Atlantis“ und die beiden Rettungsmänner verfolgen über Funk die Alarmierung und den Einsatz der „Adolph Bermpohl“ mit. Sie erleben auch, wie von dem Schiff nichts mehr zu hören ist.

Der Funkverkehr, der zwischen dem Seenotkreuzer, der Küstenfunkstelle Norddeich-Radio und dem in Seenot geratenen holländischen Fischkutter „Burgemeester van Kampen“ geführt wurde, hat man damals auf Tonband aufgezeichnet. Beide Schiffe lagen dabei von Gischt umweht in haushohen Wellen, was die Funkprobleme erklärt. Während der Rettungsaktion in der Dämmerung war zudem die Sicht minimal. Hier die Aufzeichnung des Funkverkehrs:

17.13 Uhr Bermpohl: Ja, Norddeich, wir sind jetzt bei dem Kutter. Ich habe ihn gerufen, aber er antwortet nicht – nun wissen wir nicht, ob die Leute von Bord wollen oder wir versuchen sollen, ihn zu schleppen – nicht? Weiß nicht, ob wir zu dicht dran sind und er uns deshalb nicht hört – oder wir ihn nicht hören. Können Sie mal mit ihm sprechen? Vielleicht hört er Sie besser.

Norddeich: Er hat Sie bereits gesehen, er sagte mir zum Schluss, er hat Sie bereits gesehen. Sie sind ganz nahe. Aber ich werde ihn mal fragen: Hallo, Bürgermeister van Kampen, hören Sie mich?

Kampen: Wir verstehen Sie.

Norddeich: Bitte wiederholen Sie.

Kampen: Wir verstehen Sie.

Norddeich: Ja, das ist das Rettungsboot das ist das Lifeboat. Wollen Sie von Bord oder soll das Boot Sie schleppen – schleppen – towed or would you leave the ship?

Kampen: Das weiß ich niet, das weiß ich noch niet. Wir können auch ... (Störung) ... niet mehr ver ... (Störung) ... aber ... (Störung) ... nach Helgoland.

Norddeich: Bitte wiederholen Sie: Wollen Sie von Bord geholt werden oder wollen Sie nach Helgoland geschleppt werden – do you want to tow to Helgoland?

Kampen: Bermpohl schleppen ... wir haben ... voll Wasser ... und der muss raus.

Norddeich: Bitte wiederholen Sie.

Kampen: (unverständlich)

Norddeich: Ja, Bermpohl. Also ich kann den guten Mann nicht verstehen. Haben Sie was verstanden?

Bermpohl: Nein, Norddeich-Radio, ich habe da nichts verstanden.

Kampen: Dat is möglich, dat de Rettungsboot Bermpohl – dat he vorausdampft – habt you dat verstanden.

Norddeich: Verstanden: Achtung Bermpohl – ich glaube, er will, dass Sie vorausdampfen. Er will hinterherkommen.

Bermpohl: Ja, das haben wir gut verstanden, hinterherdampfen ... (Störung) ... ja, wir sollen ihn nach Helgoland reinbringen. Ja, das ist in Ordnung. Was ist mit dem anderen Kutter, mit der J. C. Wrieden, ist was unterwegs?

Norddeich: Bürgermeister van Kampen – einen Moment bitte. Ja, Bermpohl, da haben eben beide gesprochen, der Kutter und Sie. Aber ich habe ungefähr beide verstanden. Also, Sie würden ihm jetzt vorausdampfen. Ich sage ihm Bescheid, dass er ihnen folgen soll, ja? Wenn Schwierigkeiten sind, dann höre ich ja hier mit. Bürgermeister van Kampen, Adolph Bermpohl hat verstanden. Er dampft Ihnen voraus – er fährt vor ihnen nach Helgoland – Bermpohl. Nochmal Frage, ob verstanden?

Kampen: Ich dampfe hinterher ... (Störung) ... ich dampfe genau – haben sie gut verstanden.

Norddeich: Jawohl, gut verstanden. Bermpohl, er hat gut verstanden – er dampft hinterher.

Bermpohl: Ja in Ordnung. Ja, und wenn was ist, dann rufen Sie uns – falls die von Bord wollen, ja?

Norddeich: Ja, ich verstehe. Hier läuft gerade noch ein anderer Fall an. Ja, also, wenn was ist, ich höre ja mit – schönen Dank – also dann viel Erfolg.

Kampen: Hallo Norddeich, hören Sie mich?

Norddeich: Ich höre, bitte?

Kampen: ... umdrehen können wir nicht – dat lifeboat ...

Norddeich: Adolph Bermpohl, bitte kommen.

Kampen: ... (Störung) ... die Lotsenboot ... umdrehen können wir nicht ... Wind ...

Norddeich: Ich habe verstanden – sie können nicht drehen, einen Moment, ich werde Bermpohl rufen. Bermpohl von Norddeich-Radio, Bermpohl von Norddeich-Radio, Bermpohl bitte melden, Bermpohl bitte melden.

Bermpohl: Norddeich, hier Bermpohl, bitte kommen.

Norddeich: Er sagt mir eben, er kann nicht wenden, er kann nicht drehen, es geht nicht.

Bermpohl: Jawohl, so was Ähnliches hab’ ich mir wohl gedacht. Er ist nicht hinter uns hergekommen. Wir fahren jetzt wieder ran an den Kutter.

Norddeich: Was schlagen Sie denn vor?

Bermpohl: Ja, wir können ihn ja auch nicht in Schlepp nehmen, wenn er nicht drehen kann. Er kann nicht drehen, ja, dann können wir ihn auch nicht in Schlepp nehmen.

Norddeich: Ja, verstanden, dann gibt es also nur: die Leute runterzunehmen. Dann ist also die einzige Möglichkeit, die Leute da runterzuholen.

Bermpohl: Das habe ich jetzt nicht verstanden – noch mal.

Norddeich: Die einzige Möglichkeit ist dann, die Leute herunterzuholen, wenn sie wollen, ja?

Bermpohl: Ja, wenn sie wollen, dann nehmen wir sie mit – und wenn sie nicht wollen? Dann sollen wir nicht oder dicht bei ihnen bleiben? Erst mal sehen, wollen erst mal ranfahren.

Norddeich: Ja, verstanden, ich sage ihm Bescheid. Bürgermeister van Kampen: Bermpohl hat verstanden. Er kann Sie aber auch nicht in Schlepp nehmen. Er wird erst mal zu Ihnen ranfahren. Er kommt jetzt auf Sie zu, um die Situation zu klären – over ob verstanden.

Kampen: ... (Störung) over.

Norddeich: Ja, verstanden – Bermpohl ... ich muss mich erst einmal um einen anderen Fall kümmern – das geht erst mal so, ja?

Bermpohl: Es geht so – wir sind gleich ran. Wir sind auf 200 Meter ran – tschüss dann.

Norddeich: Ja, tschüss – ja. Wenn’s kritisch wird, ruft man ruhig dazwischen – aber nur, wenn es kritisch wird.

Bermpohl: Bürgermeister van Kampen – wollen Sie das Schiff verlassen? Do you want to leave ship, or what ... to do? Please come.

Kampen: Wir wollen das Schiff verlassen.

Bermpohl: Haben wir verstanden – Sie wollen das Schiff verlassen – ist das richtig so? Over.

Kampen: Ja, wir wollen das Schiff verlassen, wir wollen das Schiff verlassen, over.

Bermpohl: Ja, ist in Ordnung, wir werden eine Leine rübergeben – wir werden achtern rankommen und – ich melde mich gleich wieder – wir besprechen eben die Lage und dann melde ich mich wieder, hören Sie?

Kampen: Ja, das ist gut gehört – Sie melden sich wieder.

Bermpohl: Ja, wir melden uns gleich wieder.

Minuten später:

Bermpohl: Bürgermeister van Kampen – hören Sie mich?

Kampen: Gut verstanden, over.

Bermpohl: Ja, wir setzen unser kleines Tochterboot aus, wir setzen unser kleines Boot aus und kommen achtern ran, nicht? Binden Sie bitte Schwimmwesten um und dann nehmen wir Sie von Bord mit unserem Tochterboot. Mit unserem kleinen Boot vom Achterdeck kommen wir an Sie heran – achtern – haben Sie das verstanden?

Kampen: Ja, dat hab ich gut verstanden: Sie kommen mit de kleine Boot – holen uns ab – hab ich dat gut verstanden?

Bermpohl: Ja, haben Sie richtig verstanden – seien Sie vorsichtig und nehmen Sie Schwimmwesten um, binden Sie Schwimmwesten um.

Es ist 17.38 Uhr, als Vormann Paul Denker das Rettungsmanöver einleitet. 40 Minuten später kommt von ihm die Meldung, dass drei Mann des Fischkutters Burgemeester van Kampen fünf Seemeilen nordnordöstlich von Helgoland geborgen wurden. Die Besatzung sei vollzählig. „Adolph Bermpohl“ laufe getrennt vom Tochterboot langsam vor dem Tochterboot her zurück nach Helgoland. Das Tochterboot konnte wegen der groben See nicht wieder aufgenommen werden. Der Seenotfall wird nach kurzer Besprechung aller Beteiligter aufgehoben, der holländische Kutter für aufgegeben erklärt. Es ist die letzte Funkmeldung der „Adolph Bermpohl“.

Gegen 18.45 Uhr beobachtet der Helgoländer Leuchtturmwärter Krüss zwischen zwei schweren Regenböen kurz ein kleines Fahrzeug in der Nordeinfahrt von Helgoland in der schmalen Rinne zwischen der Hauptinsel und danebenliegenden Düne. Mit dem Scheinwerfer suchte das Schiff nach Backbord das Wasser ab, offenbar nach der Suche nach den Seezeichen, welche die Einfahrt markieren. Es ist das letzte Lebenszeichen der „Adolph Bermpohl“. Stunden vergehen, ohne dass sich das Schiff meldet.

Auf der „Atlantis“ horchen alle gebannt auf den Funkverkehr. Hinnerk Pick: „Der eine Rettungsmann sagte dann auch schon, dass er schwarz sieht für das Schiff, als die sich nach Stunden nicht gemeldet hatten.“ In der Nacht knallt der „Atlantis“ an der Pier im Südhafen Helgolands eine Landleine nach der anderen weg, so wütet der Orkan sogar noch bis in den Hafen hinein. Überall in der Deutschen Bucht geraten weiterhin Schiffe in Seenot. Alle DGzRS-Einheiten sind im Einsatz. Trotzdem sterben in diesem Orkan 80 Seeleute.

Am nächsten Tag hat der Sturm an Stärke verloren und die „Atlantis“ läuft trotz zerschlagener Sitzmöbel auf dem Oberdeck und zerfetzter Persenninge an der Reeling wieder aus, Richtung Cuxhaven. Hinnerk Pick sieht plötzlich etwas: „Ich sagte, da Kapitän: Zwei Strich Backbord ist ein kleiner schwarzer Punkt.“ Es ist die „Adolph Bermpohl“, ganz in der Nähe des Großen Vogelsandes, wie eine Sandbank in der Einfahrt in der Elbe heißt. Das sind mehr als zwanzig Seemeilen Fahrweg zur letzten bekannten Position. Der Rettungskreuzer hat noch die Maschinen an, aber ausgekuppelt. Das Schiff ist ramponiert, hat Rettungsnetze an den Seiten hängen und liegt wehrlos in der immer noch meterhohen Welle. Pick: „Wir hatten nur ein Drei-Meter-Schlauchboot, konnten damit also unmöglich übersetzen. Also haben wir mit der Signalpistole fünfmal Richtung Brücke von denen geschossen und auf Lebenszeichen gehofft.“

Die bleiben aus und als die „Arwed Emminghaus“ ihrem Schwesterschiff zu Hilfe gekommen ist, findet auch deren Tochterbootbesatzung niemanden mehr an Bord der „Adolph Bermpohl“. Picks Freunde sind einfach verschwunden: „Diese Momente neben dem dunklen Schiff, ohne zu wissen, ob da nicht doch noch einer schwer verletzt drin liegt, das ist die schlimmste Erinnerung, die ich überhaupt habe,“ sagt der heute 73-Jährige.

Die Rekonstruktion der Ereignisse nach dem Aufnehmen der holländischen Seeleute auf das Tochterboot wird zum Puzzlespiel der Indizien. Pick beispielsweise weiß von Vormann Paul Denker, dass dieser ab einem bestimmten Seegang das ausgesetzte Tochterboot aus Sicherheitsgründen nie wieder zurück an Bord ließ. Die Nordeinfahrt nach Helgoland gilt schon ab acht Windstärken als tückisch – das wusste Denker. Doch offenbar blieb der „Adolph Bermpohl“ kein anderer Weg, um das Tochterboot im Windschatten des großen Kreuzers heil nach Hause zu bringen. Gegen den Wind und die Welle westlich um die Insel zu gelangen war unmöglich, östlich wird das Wasser flacher und die Wellen sind dort oft noch höher.

Was Paul Denker an dem Tag nicht wissen konnte: Nicht nur die Leuchttonne Sellebrunn zur Einfahrt war seit Tagen verloschen und vertrieben, auch die westliche Ansteuerungstonne Nathurn brannte nicht mehr. Er tappte praktisch blind auf Helgoland zu. Auf der „Adolph Bermpohl“ schrieb der Tiefenmesser mit, wie das Schiff immer mehr in flaches Wasser geriet. Man geht davon aus, das Rettungskreuzer und Tochterboot auf das Sellebrunn-Riff vor der Düne gerieten, wo sich die anlaufenden Seen zu Wellenmonstern auftürmten. Die seitlich am Kreuzer ausgebrachten Kletternetze deuten drauf hin, dass die Geretteten – vielleicht aufgrund ihres Zustandes – offenbar auf den Seenotkreuzer übergeben werden sollten.

Aus den mittleren Orkan-Wellen von zu der Zeit zehn Metern Höhe versetzte eine Riesenwelle von 15 Metern Höhe demnach der Besatzung den Todesstoß: Die „Adolph Bermpohl“ legte sich nach Ölspuren in der Maschine in diesem Moment wohl 90 Grad auf die Seite und begrub das Tochterboot und die Menschen unter sich. Das Tochterboot wurde später kieloben treibend wiedergefunden. Der Seenotkreuzer jedoch ist – entgegen einiger anderslautender Berichte in den Medien – nicht gekentert, sondern hat seine bei der Konstruktion vorausberechnete Seetüchtigkeit bewiesen. Nur drei der vier Rettungsmänner der „Adolph Bermpohl“ gab die See nach erfolgloser Suche Monate später zurück. Ihre Namen: Paul Denker, Hans-Jürgen Kratschke, Otto Schülke und Günter Kuchenbecker. Nachdem die schwer beschädigte „Adolph Bermpohl“ am Tag nach dem Orkan nach Cuxhaven eingeschleppt worden war, stand Hinnerk Pick noch lange vor dem Schiff: „Aber raufgehen konnte ich nicht. Da waren doch vorher schließlich immer meine Freunde drauf gewesen.“

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