Bremen Es wird eng im Reich der Mitte

Ausverkauf“ steht auf einem Schild geschrieben. „70 Prozent auf alles“, ruft Zhang Wei den vorbeigehenden Passanten hinterher.
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Es wird eng im Reich der Mitte
Von Felix Lee

Ausverkauf“ steht auf einem Schild geschrieben. „70 Prozent auf alles“, ruft Zhang Wei den vorbeigehenden Passanten hinterher. Doch das sind nur wenige. Seitdem sich herumgesprochen hat, dass das Einkaufszentrum, in dem sich ihre kleine Boutique befindet, abgerissen werden soll, ist auch die Laufkundschaft weniger geworden. „Wir stehen praktisch vor dem aus“, sagt die 52-Jährige.

Zhang Wei hatte sich mit ihrem Laden einst auf Blumenmuster spezialisiert. Sie zeigt auf eine Kleiderstange mit Blusen, Röcken und Mänteln. Die Röcke sind mit Blumen bestickt, die T-Shirts mit Blumen bemustert. Sie stehe auf dunkle Farben, sagt sie. „Schwarz, lila, dunkles Grün.“ Sie selbst trägt ein weinrotes Oberteil mit einer Blumenrosette. Sie hat eine Jacke übergezogen, ohne Blumen. „Kontrast“, sagt sie. Damit ihre Ware mehr hervorsticht.

Die bunten Blumen erinnern sie an ihre Heimat im fruchtbaren Süden des Landes. Peking hingegen ist karg und trocken. Sie haut auf die Mäntel. Staub wirbelt auf. Dabei habe sie erst vor zwei Tagen die Kleiderstücke ausgeklopft, sagt sie. Pekings Trockenheit sei aber nicht der einzige Grund für den Staub. Sie zeigt auf das Ende des Gangs. Bauarbeiter reißen Zwischenwände ein. „Chai“ steht in großen chinesischen Schriftzeichen auf den Wänden geschrieben – das Wort für „Abriss“.

Noch vor Kurzem war diese Gegend in der Nähe des Pekinger Zoos im Westteil der Stadt bekannt für seine Kleidermärkte. Mehrere vier- bis sechsstöckige Einkaufskomplexe mit Tausenden von Boutiquen und Marktständen säumten die große Kreuzung entlang der Zweiten Ringstraße. Sie boten Mode für so ziemlich jeden Geschmack – grell, schlicht, Winter- und Sommerklamotten – zu jeder Jahreszeit. Die Ware war günstig und sie wurde in Massen angeboten. Mongolen, Kasachen, selbst Russen aus dem fernen Sibirien reisten in diese Ecke Pekings und stopften ihre riesigen Plastiktaschen mit Jeanshosen, Lederjacken und T-Shirts voll.

„Das ist nun vorbei“, sagt Zhang Wei. Sie zeigt auf die Straße gegenüber auf eine gigantische Baustelle. Dort stand mal Tianhaocheng, der größte Markt unter den Kleidermärkten in Peking. Er sei bereits aus dem Pekinger Stadtgebiet verbannt und würde im Umland in der Nachbarprovinz Hebei neu errichtet, sagt sie. Dem Einkaufszentrum, in dem Zhang Wei ihre Blusen und Mäntel verkauft, steht der gleiche Umzug unmittelbar bevor. Ihr Geschäft in Hebei fortführen? „Unrealistisch“, antwortet sie. „Wer fährt schon freiwillig nach Hebei?“

Jingjinji lautet das Zauberwort, dass die Regierung für die chinesische Hauptstadt ausgegeben hat. Jingjinji steht für Beijing, Tianjin, und Ji, dem traditionellen Namen der umliegenden Provinz Hebei. Nichts Geringeres als zur größten Megametropole der Hemisphäre soll diese Großregion bis 2030 zusammenwachsen: Auf fast 215 000 Quadratkilometer – was mehr als der dreifachen Fläche von Bayern entspricht. Und mit 130 Millionen Einwohner. Das übertrifft die Bevölkerung von Deutschland und Polen zusammen.

Damit die Infrastruktur bei der Ausdehnung mithalten kann, sind Schienen für Hochgeschwindigkeitszüge im Bau. Allein in den nächsten vier Jahren steckt die Regierung umgerechnet mehr als 30 Milliarden Euro in den Ausbau für weitere rund 1000 Kilometer Schienen. Auch im Bau: Die Siebte Ringstraße mit ebenfalls mehr als 1000 Kilometern Länge.

Die Idee der chinesischen Führung: Peking mit seinen mehr als 20 Millionen Einwohnern und die benachbarte Hafenstadt Tianjin mit weiteren zehn Millionen vereinen – beide Städte platzen aus allen Nähten. Wohnungspreise schießen in die Höhe, es fehlt an Schulen, Kindergärten, Spielplätzen und Grünanlagen.

Vor allem aber erstickt die Hauptstadt im Stau. Mehr als sechs Millionen Autos rollen täglich über eine der sechs Ringstraßen, die die Metropole durchziehen. Lücken in der Blechlawine tun sich selten auf. Entsprechend hoch ist der Aggressionspegel unter den Pekinger Autofahrern. Die U-Bahn ist für viele kaum eine Alternative. Auch sie ist die meiste Zeit am Tag verstopft. Und dann ist da die Luftverschmutzung. Fast die Hälfte der Zeit im Jahr umhüllt ein graugelber Schleier die Stadt. An besonders versmogten Tagen riecht es nach Schwefel und verbrannter Kohle. Die Passanten laufen mit Masken herum. Der beißende Gestank dringt trotzdem in die Atemwege.

Dehnen sich diese beiden Städte hingegen in die umliegende Provinz aus – mitsamt einer ausgeweiteten Infrastruktur – könnten die Innenstädte von Peking und Tianjin vom dichten Verkehr und der daraus entstehenden Luftverschmutzung zumindest ein Stück weit entlastet werden. So die Idee. Peking soll Zentrum für Politik und Kultur bleiben. Die Hafenstadt Tianjin wird sich als Zentrum für die Industrie positionieren, Hebei ein Zentrum für Handel werden. Lebenswert soll die Megametropole aber auch sein. Das derzeit noch trostlose Hebei soll viele grüne Oasen und Naherholung für die Menschen in Jingjinji bieten.

Doch viele Pekinger trauen diesen Plänen nicht. Sie wollen das ihr vertraute Stadtviertel nicht freiwillig verlassen. Doch die Regierung hilft entsprechend nach. Teile der Stadtverwaltung hat sie bereits in den Außenbezirk Tongzhou östlich von Peking verlegt. Die Zwangsverlagerung der großen Kleidermärkte rund um den Zoo gehört zum nächsten Schritt.

Ihre Nachbarn kennt Ning Xiaoxiao nur kaum. Freunde hat sie in ihrer näheren Umgebung auch keine. Sie seien allesamt weggezogen, sagt sie. Sie trägt eine helle Bluse, hat Schweißperlen im Gesicht, vom vielen Treppensteigen. Der Fahrstuhl ist mal wieder defekt. Dennoch ist sie froh, dass sie diese Zweizimmer-Wohnung ihr Eigen nennen kann. Die Wohnung ist alles andere als ein Juwel. Ein Hochhaus aus Betonplatten, in den 1980er-Jahren errichtet als in Peking noch nach sozialistischer Billigbauweise Häuser hochgezogen wurden. Die Wandfarbe bröckelt, die einst weißen Fensterrahmen sind dunkel verfärbt vom Smog. Im Treppenhaus stapelt sich der Müll.

Was aber für diese Wohnung spricht: Sie befindet sich etwas außerhalb des Dritten Rings, liegt für Pekinger Verhältnisse also zentral. Von ihrem Balkon aus blickt sie auf den Chaoyang-Park. Und dahinter auf ein Meer an Hochhäusern. Es ist später Abend. Sie hat lange gearbeitet. Kaum zu Hause, lässt sie sich auf ihren Stuhl fallen. „Ich bin so froh, dass ich damals zugeschlagen habe“, erzählt sie. Würde sie heute auf Wohnungssuche sein – sie könnte sich diese Stadt nicht mehr leisten.

Dabei gehört Ning zu den Wohlhabenden in der Stadt. Sie ist 32 und leitet ein Start-Up. Das Unternehmen betreibt ein Videoportal. Sie verdient rund 30 000 Yuan im Monat, das sind umgerechnet rund 4000 Euro, statistisch gesehen vier Mal so viel wie der durchschnittliche Pekinger.

Zur Miete könnte sie sich eine Wohnung in dieser Gegend trotzdem kaum leisten. 20 000 Yuan im Monat sind keine Seltenheit. Zum Kauf sowieso nicht. Hatte Ning mit finanzieller Hilfe ihrer Familie 2012 noch rund 3500 Euro pro Quadratmeter für ihre Wohnung bezahlt, ist der Preis nun mehr als doppelt so hoch. Allein seit Beginn des Jahres sind die Pekinger Immobilien um 30 Prozent gestiegen. „Wer heute jung ist, top ausgebildet und einen guten Beruf gefunden hat, kann trotzdem nicht nach Peking ziehen“, sagt Ning. „Zu teuer.“

Pekings Immobilienboom hat das gesamte soziale Gefüge der Stadt durcheinandergebracht. Pekinger, die schon früher in der Stadt lebten, haben Glück. Sie bekamen im Zuge der Liberalisierung des Wohnungsmarktes vor 20 Jahren die Wohnungen ihrer Arbeitseinheit für wenig Geld übertragen. Sie waren bis dahin allesamt in staatlicher Hand. Putzfrau, Taxifahrer oder Verwaltungsangestellter – der Immobilienboom hat sie zu Millionären gemacht.

Daran will die chinesische Führung nicht rütteln. Zumindest soll Jingjinji diesen Reichtum aber in die nahe gelegene Provinz tragen. Zumindest ein Stück weit geht diese Strategie auf. Diejenigen, die ihre Immobilien verkauft haben und nun in einen der neu errichteten Satellitenstädte in Hebei leben, sitzen auf viel Geld. Die Wohngegend ist langweilig. Dafür sind sie reich. Sehr reich.

Cai Canggong ist aus anderen Gründen nach Hebei gezogen. Der 51-Jährige ist Chef der Vicutu Clothing Company. Er hat kurzes, nach hinten gegeltes Haar. Ein Hemdzipfel hängt aus seinem Jacket heraus. Der Kragen sitzt schief. Stolz zeigt er auf die neue Halle. Die Wände sind frisch gestrichen, scharfer Geruch kribbelt in der Nase. Rund zwei Dutzend zumeist älterer Frauen sitzen an ihren Arbeitsplätzen und nähen Hosen. Keiner blickt auf, als Chef Cai an ihnen vorbeigeht.

Vor einem halben Jahr verlegte er sein Textilunternehmen nach Hengshui in Hebei, rund 130 Kilometer vom Pekinger Stadtzentrum entfernt. „Freiwillig“, sagt er. Ein günstigerer Pachtvertrag als er in Peking zahlen müsste, gab den Ausschlag. „Es war ganz sicher der richtige Schritt“, sagt er. Doch es gab auch andere Gründe: Die Kosten sollten auf absehbarer Zeit kalkulierbar bleiben. „Wir brauchen Planungssicherheit.“

Das ist derzeit für viele Unternehmen in Peking das größte Problem: die fehlenden Sicherheiten. Wer im Pekinger Stadtgebiet ein Geschäft zum Laufen gebracht hat, muss vielleicht im Folgemonat schon wieder schließen. Der Hauptgrund: die allzu schnell steigenden Mieten. Mitarbeiter kündigen, weil sie selbst mit zu hohen Mietkosten ihrer Wohnungen zu kämpfen haben. Sie wechseln zu einem anderen Arbeitgeber. Oder die Mitarbeiter verlassen Peking gleich ganz, weil sie sich die Stadt nicht mehr leisten können.

In den beiden Metropolen Peking und Tianjin liegen die Gehälter über dem Landesdurchschnitt, viele haben es zu einem bescheidenen Wohlstand geschafft. Die meisten Menschen in der umliegenden Provinz hingegen verdienen wenig, sie klagen über schlechte Krankenversorgung. Auch die Schulen und Jobaussichten sind schlecht. Mit Jingjinji sollen auch die Menschen im weniger entwickelten Hebei gewinnen.

Doch ob das klappen wird? China hat in den vergangenen 20 Jahren zwar bewiesen, wie man kolossale Städte in Rekordzeit aus dem Boden stampft. Landesweit gibt es bereits sechs Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, darüber hinaus zehn weitere Städte mit fünf bis zehn Millionen Menschen. Doch reicht diese Erfahrung aus, um eine Megalopolis wie sie Jingjinji werden soll zu errichten?

Boutique-Inhaberin Zhang Wei helfen diese Prognosen nicht. „Mir wird jetzt die Lebensgrundlage genommen“, beklagt sie. Sie klopft auf ihre Mäntel. Wieder wirbelt Staub auf. „Ich habe diese Gegend noch nie gemocht.“

„Mir wird jetzt die Lebensgrundlage genommen“.“ Boutique-Besitzerin Zhang Wei
„Wer heute jung und top ausgebildet ist, für den ist Peking trotzdem zu teuer.“ Start-Up-Gründerin Ning Xiaoxiao
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