Einmal die Woche bringen Gudrun Gaber und Helmut Focken Bedürftige nach Berne Fahrdienst zur Lebensmittelausgabe

Jeden Donnerstag fahren ehrenamtliche Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und der Kirchengemeinde Altenesch Bedürftige zur Lebensmittelausgabe der Johanniter Unfallhilfe "Radieschen" in Berne. Was ihnen dort in die Tasche gefüllt wird, wissen die Männer und Frauen bei Fahrtantritt nicht, doch sie sind froh, dass es die Einrichtung gibt.
22.02.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Fahrdienst zur Lebensmittelausgabe
Von Barbara Wenke

Jeden Donnerstag fahren ehrenamtliche Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und der Kirchengemeinde Altenesch Bedürftige zur Lebensmittelausgabe der Johanniter Unfallhilfe "Radieschen" in Berne. Was ihnen dort in die Tasche gefüllt wird, wissen die Männer und Frauen bei Fahrtantritt nicht, doch sie sind froh, dass es die Einrichtung gibt.

Lemwerder·Berne. Helga Altmeyer (Name von der Redaktion geändert) hält vier großformatige Plastiktüten in der Hand. An zweien baumeln bunte Tücher. "Heute muss ich noch für drei andere etwas mitbringen", erklärt die Rentnerin den Umstehenden. Die Tücher zeigen ihr, für wen die in gut einer Stunde gefüllten Plastiktüten gedacht sind. Donnerstagmorgen, 9.30 Uhr, Parkplatz neben dem Kirchenbüro an der Schulstraße. Neun Männer und Frauen, allesamt Hartz-IV-Empfänger oder Rentner mit so geringem Einkommen, dass ihnen Sozialleistungen zustehen, treffen sich mit Gudrun Gaber und Helmut Focken. Die beiden Lemwerderaner werden die Wartenden in wenigen Minuten zur Lebensmittelausgabe der Johanniter Unfallhilfe "Radieschen" in Berne fahren.

"Wir sind heute ziemlich als erste dran", erzählt Gudrun Gaber, während sie auf dem Fahrersitz des silberfarbenen VW-Caddy Platz nimmt. Den hat die Awo für die Fahrten zur Verfügung gestellt. Zu Gaber gesellen sich an diesem Morgen Helga Altmeyer und Ibrahim Al Bagdad (Name von der Redaktion geändert), der das jüngste seiner sechs Kinder im Maxi-Cosy bei sich hat. Die übrigen sieben Bedürftigen steigen zu Helmut Focken in den von der evangelischen Kirche zur Verfügung gestellten Neunsitzer.

Einen Einkaufszettel haben die Mitfahrer nicht geschrieben. Schließlich ist die Lebensmittelausgabestelle kein Discounter, der jeden Geschmack bedienen kann. "Was ich kriege, das hilft mir", sagt Helga Altmeyer. "Der Wochenspeiseplan wird nach dem Besuch bei Radieschen geschrieben." In der vergangenen Woche gab es Pinkel. "Da haben wir mit vielen Leuten zusammen Grünkohl gegessen", schwärmt Helga Klein noch eine Woche später.

Ankunft in Berne. Gudrun Gaber biegt auf den kleinen Parkplatz hinter der ehemaligen LzO-Filiale, die seit einer Woche die Lebensmittelausgabe "Radieschen" beherbergt. Im Eingang drängen sich bereits zahlreichen Personen. Dirk Ellinghausen und Uwe Katscher achten darauf, dass höchstens vier bis fünf Bedürftige die Ausgabestelle betreten. So bleibt die Lage übersichtlich. Auf einem Beistelltisch im Eingangsbereich stapeln sich Kinderkleidung, Vasen und Geschirr. Alles zur freien Verfügung.

Dann wird die erste Gruppe Lemwerderaner aufgerufen. Circa ein Drittel der "Radieschen"-Kundschaft hat seinen Wohnsitz in der südlichsten Wesermarschgemeinde oder in Elsfleth. Zwei Drittel der etwa 200 Personen kommen aus Berne.

Ihr erster Gang führt zur Kasse. Gänzlich kostenlos ist das Essen nicht. Jeder Bedürftige zahlt einen Euro. Wer bezahlt hat, bekommt einen kleinen gelben Zettel mit der Anzahl der Personen, für die er Lebensmittel in Empfang nimmt. "Im Winter fehlt häufig Gemüse", bedauert Leiterin Christa Wedemeyer. Da bekomme jeder Bedürfte schon mal nur ein oder zwei Äpfel, eventuell auch mit einer kleinen Druckstelle.

Glücklich über den Blumenkohl

Helga Altmeyer ist an diesem Morgen trotzdem glücklich. Sie hat einen Blumenkohl ergattert. "Den kann ich mir im Geschäft nicht leisten", seufzt die Rentnerin. Ihr läuft bereits das Wasser im Mund zusammen, wenn sie daran denkt, wie sie das Gemüse am Abend zubereiten wird. Zusätzlich kann Helga Altmeyer einen Chinakohl, einige Paprikaschoten, abgepackten Aufschnitt, Fruchtmolke, Margarine und eine große Flasche Cola mit nach Hause nehmen. "Was Süßes wäre auch toll", hofft die Rentnerin auf eine Zugabe.

Ibrahim Al Bagdad ist auf der Rücktour ebenfalls zufrieden. Der vor 18 Jahren aus dem Irak geflüchtete Vater von sechs Kindern trägt drei riesige Konservendosen nach Hause. Die erste ist gefüllt mit roten Bohnen. Die zweite enthält eine Soße. Die dritte stellt eine Wundertüte dar: Ihr Etikett ist verloren gegangen. Für den jüngsten Spross der Familie konnte Ibrahim Al Bagdad zudem Babynahrung mitnehmen. Und Schuhe für den Nachwuchs gibt es obendrein. Fahrerin Gudrun Gaber hatte bereits auf der Hintour jede Menge Kleidung, Schuhwerk und Nippes im Kofferraum. Freunde und Nachbarn bringen ihr im Laufe der Woche stets ausrangierte, aber gut erhaltene Dinge vorbei. Die Tüten mit den Kinderschuhen hat sie gleich an den Lemwerderaner Vater weitergegeben.

Sobald er zu Hause ist, wird Ibrahim Al Bagdad die Lebensmittel sichten und sich notierten, welche weiteren er jetzt noch vor Ort kaufen muss, damit er alles verarbeiten kann. Das Schlimmste für ihn wäre, wenn er etwas liegen ließe, weil er keine passenden Zutaten hätte und die Lebensmittel dann verderben würden.

Gudrun Gaber beendet ihre Tour an diesem Morgen mit einem Umweg. Sie bringt sowohl Helga Altmeyer als auch Ibrahim Al Bagdad mit ihren vielen Taschen bis vor die Haustür. Eigentlich trennen sich Fahrer und Mitfahrer auf dem Parkplatz am Kirchenbüro, wo sich die Bedürftigen gleich wieder für die nächste Woche zu einer Fahrt zur Lebensmittelausgabestelle Radieschen in Berne anmelden können.

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