Grünes Bremen Urban-Gardening in Schwachhausen

Größe: Ein Grünstreifen zwischen Fußweg und Parkzone, sieben Meter lang, einen Meter breit.Lage: Georg-Gröning-Straße 10, 28209 Bremen- Schwachhausen.
19.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Urban-Gardening in Schwachhausen
Von Patricia Brandt

Besonderheit: Urban Gardening, die gärtnerische Nutzung städtischer Fläche, wird hier als Gemeinschaftsprojekt gelebt. Nachbarn pflanzen Obst und Gemüse, Passanten dürfen probieren.

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Pflücken erlaubt

Urban Gardening heißt der Trend, der Großstädte zum Blühen bringt. Die Idee, Obst und Gemüse in der Stadt anzubauen, hat Irmtraud Beneke auf dem schmalen Grünstreifen vor ihrer Haustür umgesetzt. Sie hat zwischen Fußweg und parkenden Autos Kisten und Jutebeutel platziert und mit Erdbeeren, Tomaten und Kartoffeln bepflanzt. Seitdem kommt die Arzthelferin noch häufiger mit ihren Nachbarn ins Gespräch – bei der Kartoffelernte mitten in Schwachhausen.

Georgsgarten hat sie ihr Gärtchen genannt, weil es an der Georg-Gröning-Straße liegt. Noch bis vor drei Jahren sei der grüne Streifen zwischen Fußweg und Parkzone eher als Hundetoilette genutzt worden, berichtet die Mittfünfzigerin. Das brach liegende Stück Land bot damals nicht gerade einen erbaulichen Anblick. Die trostlose Aussicht brachte die Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder auf eine Idee: „Meine Idee war, etwas Schönes anzupflanzen, das jeder gerne anschaut. Zur Freude derer, die vorbei gehen und natürlich auch für den eigenen Spaß.“ Sie dachte gleich an Gemüse- und Obstsorten, denen man beim Wachsen zuschauen kann und „deren Früchte ausdrücklich von jedem geerntet werden können.“

Sie hatte von solchen gemeinschaftlichen Projekten aus Amsterdam gehört, wo ihre Tochter Marie Biotechnologie studiert hat. Ein bisschen habe sie sich auch vom Urban-Gardening-Projekt in der Bremer Neustadt inspirieren lassen, das die Umnutzung des Lucie-Flechtmann-Platzes an der Westerstraße zum Ziel hat. Der graue Platz soll zur grünen Oase, zum Treffpunkt der Generationen, werden. Dieses Ziel hat Irmtraud Beneke in Ansätzen mit ihrem Georgsgarten erreicht.

„Als ich mit meiner Tochter die ersten Säcke aufgestellt hatte, da habe ich gedacht, dass die bestimmt umgekippt werden. Aber nie wurde etwas zerstört“, freut sich die Bremerin. Stattdessen sorgt ihr Taschengarten seit 2013 dafür, dass sie regelmäßig mit Wildfremden ins Gespräch kommt. Die ersten in Jutebeutel gepflanzten Erdbeeren und Tomaten zogen viele Blicke auf sich: „Das Wachsen der Pflanzen wurde von den Kindern auf ihrem Schulweg, von Nachbarn und von Passanten begeistert begleitet. Schon morgens schauten die Kinder nach reifen Früchten.“

Irmtraud Beneke beobachtet erfreut, wie die Kinder die Erdbeeren naschen. Auch Erwachsene greifen zu. „Nur einer hat gesagt: ,Ich verstehe nicht, warum Sie das nicht in Ihrem Garten machen. Das wird Ihnen doch hier alles geklaut.‘“ Dabei hat Irmtraud Beneke doch extra Schilder aufgestellt: „Pflücken erwünscht.“

Positive Rückmeldungen, gute Gespräche und Tipps für die nächste Gartensaison haben dafür gesorgt, dass der Georgsgarten größer geworden ist, quasi Beutel um Beutel gewachsen ist. Inzwischen ist die Taschengärtnerin auf Kisten umgestiegen. „Die sind stabiler“, hat sie festgestellt. Bald ein Dutzend Kisten hat sie mit Komposterde des Bremer Recyclinghofs gefüllt und mit Erdbeeren, Erbsen, Kohlrabi, Mais und Gurken bepflanzt.

Autofahrer, die am Georgsgarten vorbei fahren, recken schon mal die Hälse. Eine ältere Frau mit Rad stoppt so abrupt, dass ihre Fahrradklingel bimmelt. Sie beugt sich kurz hinab, um die noch jungen Pflanzen unter Joghurtgläsern zu beäugen: „Ich finde es so toll, dass jede Gurke ein eigenes Gewächshaus hat“, lobt die Frau Irmtraud Benekes neueste Idee.

Vor allem abends belüftet, gießt und zupft die Arzthelferin im Georgsgarten. Oft bietet sich dabei die Gelegenheit für ein Schwätzchen auf der Holzbank, die an der roten Ziegelsteinmauer ihres Hauses aus den 1930er Jahren steht. „Es hat so wundervolle Begegnungen gegeben“, schwärmt Irmtraud Beneke. „Offenbar gibt es eine große Sehnsucht danach, die Stadt zu begrünen.“ Dies liege ihr selbst am Herzen. „Ich finde, dass man sich nicht nur über den Verkehr beschweren sollte und darüber, dass alles zugebaut wird. Man kann dem auch etwas entgegensetzen.“

Die Idee vom Garten in der Tasche ist nach Irmtraud Benekes Erfahrungen nicht schwer umzusetzen. Der Ertrag aus Jutebeuteln und Kisten habe vergangenes Jahr sogar ein kleines Erntedankfest mitten in Schwachhausen möglich gemacht. Dieses Jahr könnte das Festessen noch opulenter ausfallen: Die Georg-Gröning-Straße wird langsam zum Kartoffelacker. Vor dem Nachbarhaus stehen schon die ersten Jutebeutel mit Erdknollen. Und eine Nachbarin von gegenüber habe angekündigt, ebenfalls einen Georgsgarten anzulegen. Auch in anderen Straßen wird auf städtischem Grund und Boden gegärtnert: „In der Bachmannstraße hat jemand auf einem Grünstreifen ein Kräuterbeet angelegt“, hat Irmtraud Beneke gesehen.

Die gebürtige Bremerin hat eine Vision: Schwachhausen muss nicht wie die grüne Stadt Andernach am Rhein essbar werden, aber: „Es wäre toll, wenn ganz viele Anwohner mitmachen würden und es dann einen grünen Schulweg gäbe.“ Als wir uns verabschieden, passiert ein junger Mann die Straße. Der ungewöhnliche Gemüsegarten ist ihm einen Seitenblick wert. Wie findet er die Idee? „Toll finde ich die“, antwortet er und stellt sofort eine Gegenfrage: „Warum gibt‘s so was eigentlich nicht überall?“

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Besichtigung

Die Kisten bleiben den ganzen

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