Jan Reiners hat in Lilienthal einen längeren Aufenthalt / Kleinbahn ist beliebt bei Ausflüglern

Hier darf die Lok ihren Durst löschen

Lilienthal. Für das leibliche Wohl der Fahrgäste wurde auf den meisten Bahnhöfen der Kleinbahn Bremen-Tarmstedt, besser bekannt als Jan Reiners, bestens gesorgt – auch wo kein richtiges Bahnhofsgebäude stand, sondern nur ein Haltestellenhäuschen, war meistens eine Wirtschaft in der Nähe.
11.09.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Johannes Kessels
Hier darf die Lok ihren Durst löschen

Der Lilienthaler Bahnhof am Jan-Reiners-Weg beherbergt inzwischen einen Kindergarten.

Klaus Göckeritz

Lilienthal. Für das leibliche Wohl der Fahrgäste wurde auf den meisten Bahnhöfen der Kleinbahn Bremen-Tarmstedt, besser bekannt als Jan Reiners, bestens gesorgt – auch wo kein richtiges Bahnhofsgebäude stand, sondern nur ein Haltestellenhäuschen, war meistens eine Wirtschaft in der Nähe. In Lilienthal durfte aber auch die kleine tapfere Dampflok etwas für ihren Magen tun. Deshalb werden wir hier einen längeren Aufenthalt einlegen. Zudem ist der Lilienthaler Bahnhof nicht nur die wichtigste Zwischenstation auf der gesamten Strecke, sondern auch, seit wir vom Bremer Parkbahnhof losgefahren sind, der erste, der heute noch vollständig erhalten ist – natürlich abgesehen von den Gleisanlagen.

Die Wümmebrücke wurde ein paar Monate nach Kriegsende wieder aufgebaut, womit der Halt in Trupe und der Fußmarsch über die Franzosenbrücke der Vergangenheit angehörten, jetzt fährt Jan Reiners wieder durch. Am Truper Pfarrhof vorbei geht es zum Lilienthaler Bahnhof. Bevor wir dort einfahren, lässt die Lok noch einen schrillen Warnpfiff ertönen, der den Verkehrsteilnehmern auf der Feldhäuser Straße gilt.

Wie lange wir bisher unterwegs sind? Das hängt davon ab, in welcher Zeitepoche wir uns befinden. Nach dem ersten Fahrplan von 1900, „gültig vom Tage der Betriebseröffnung“, werden vom Bremer Parkbahnhof bis Lilienthal 35 Minuten benötigt. Im Fahrplan vom 1. März 1949 dauert die Fahrt dann zehn Minuten länger, weil sich die Fahrtzeit zwischen Parkbahnhof und Bahnhof Hemmstraße erheblich verlängert hatte. Das lag wohl auch daran, dass in Findorff inzwischen Straßenbahnen verkehrten, mit denen die Kleinbahn sich irgendwie arrangieren musste. Auch von der Hemmstraße bis Horn wurden ein paar Minuten mehr benötigt, zumindest wenn auf der Ausweichstelle an der Munte, die es 1900 noch nicht gegeben hatte, der Gegenzug vorbeigelassen werden musste. Aber viel länger als ein Auto, das heute vom Bremer Hauptbahnhof bis Lilienthal im Stau steht, brauchte Jan Reiners auch nicht. Im weiteren Streckenverlauf von Lilienthal nach Tarmstedt geriet die Kleinbahn allerdings weit ins Hintertreffen. Aber jetzt ist sie ja erst einmal in Lilienthal eingetroffen, und dort haben wir fünf Minuten Aufenthalt, so lange wie sonst nirgends auf der Strecke – an den meisten Stationen fährt der Zug nach Ein- und Aussteigen sofort weiter, nur an der Hemmstraße und in Wörpedorf sind im Fahrplan von 1900 Pausen von einer beziehungsweise zwei Minuten Dauer vorgesehen.

In Lilienthal steigen nicht nur Passagiere ein und aus. Am Packwagen wird Gepäck ein- und ausgeladen – und Post, die Jan Reiners praktischerweise von und nach Bremen beförderte. Die Kohlen- und Düngemittelhandlung Kohlmann besitzt sogar ein eigenes Ladegleis, das kurz vor dem Bahnhof nach rechts abzweigt und parallel zu den beiden Bahnhofsgleisen verläuft, aber deutlich kürzer ist. Auf dem Nebengleis läuft der Zug aus Tarmstedt ein, in den ersten Jahren noch, wie man es von Dampfzügen gewohnt ist, mit dem Schornstein voraus, später fährt die Lok die gesamte Strecke rückwärts, also mit dem Führerstand nach vorn. Das mag mit der Windrichtung und der Belästigung des Fahrpersonals durch Rauch zusammengehangen haben, vielleicht auch mit der besseren Übersicht. Aber jedenfalls sah es recht seltsam aus.

Auf dem Lilienthaler Bahnhof können die Loks kurz verschnaufen: Hier wird Wasser nachgebunkert, wofür es zwei Tiefbrunnen gibt. Das Lokpersonal hat wenig Zeit zur Erholung, der Lokführer muss das Triebwerk überprüfen.

Für das leibliche Wohl der Fahrgäste war dagegen anfangs noch nicht gesorgt, hier strafte das Bahnhofsgebäude, das 1899 von dem Bremer Bauunternehmer Vollmer errichtet wurde, sein repräsentatives Äußeres Lügen: Eine Gaststätte enthielt es nicht. Und der Empfangsraum sei „eher ernüchternd“ gewesen, erinnern sich Herbert Fittschen und Hermann Frese in ihrem Buch „Jan Reiners. Auf den Spuren einer liebenswerten Kleinbahn.“ Die ganze Herrlichkeit habe aus einem verhältnismäßig schmalen Durchgang zum Bahnsteig, einem Fahrkartenschalter und einem Fahrplan an der Wand bestanden. Auch nachdem die Station 1919 mit elektrischen Bogenlampen ausgestattet worden war, sei die Beleuchtung eher spärlich gewesen.

Aber wer in Lilienthal ausstieg, konnte trotzdem etwas für seinen Magen tun, schließlich gab es auch damals schon viele Gaststätten im Ort, und nun wurde Lilienthal zum bevorzugten Ausflugsort der Bremer, was sich sogar in einem Lied niederschlug, das in dem von Heinz Schobeß verfassten Heft „750 Jahre Lilienthal 1232-1982“ abgedruckt ist: „Heute fährt zum erstenmal Jette mit de Muff nach Lilienthal. Lilienthal ist wunderschön, da kann man gut spazierengehn. Und wenn dann blüht der weiße Flieder, dann kommen wir wieder.“ Karl-Heinz Sammy, alteingesessener Moorhauser und heute zweiter Vorsitzender des Heimatvereins Lilienthal, kann sogar noch die Melodie, wie er bei einem Vortrag im vergangenen Jahr zeigte. Der Ursprung des Liedes ist unbekannt, Fittschen und Frese vermuten, dass es schon gesungen wurde, als Ausflügler mit der Postkutsche nach Lilienthal kamen. Das kann aber nicht stimmen: Fittschen und Frese deuten „Muff“ als Kleidungsstück, das dem Wärmen der Hände dient. Aber es heißt in dem Lied „de Muff“, das steht für „die Muff“, und damit ist die schnaufende Kleinbahn gemeint. Das Lied ist also einzig Jan Reiners zu eigen.

Die Kleinbahn kurbelte auch einen schwungvollen Ausflugsbetrieb an: An Sonntagen fuhren Züge mit 16 Wagen, von zwei Dampfloks gezogen, von Bremen nach Lilienthal. Da die Bahngesellschaft anfangs nur über acht Personenwaggons verfügte, wurden auch offene Güterwagen eingesetzt. Am Sonnabend waren sie gereinigt worden, es wurden Bänke aufgestellt und ein Wetterschutz angebracht und für die Rückfahrt sogar eine Notbeleuchtung mit Kerzen oder Petroleumlampen installiert. Wenn geschlossene Gesellschaften transportiert wurden, halfen diese zuweilen selbst bei den Vorbereitungen, indem sie etwa die Wagen zu einer Fahrt in den Mai mit frischem Birkengrün schmückten.

In Lilienthal wurde der Zug geteilt: Eine Lok fuhr mit acht Wagen zurück nach Bremen, der restliche Zug fahrplangemäß weiter nach Tarmstedt. Die Ausflügler, die oft sogar mit Musik empfangen wurden, wurden durch die Bahnhofstraße zu Peters Sommergarten an der Hauptstraße, einem der beiden größten Lilienthaler Gasthöfe, geleitet. Andere Besucher kehrten allerdings lieber in Murkens Hof oder im Klosterhof in der Klosterstraße ein.

Dorthin kamen sie über den Kaffeepad. Dieser Weg hieß ursprünglich, wie im Lilienthaler Straßenlexikon zu erfahren ist, Poggenpad (niederdeutsch für Froschpfad), so dass man sich vorstellen kann, in welchem Zustand er sich damals befand – in einem vorwiegend feuchten. Nach dem Bauern Bohne, der dort seinen Hof hatte, wurde er auch Bohnenpad genannt, und mit der Inbetriebnahme von Jan Reiners etablierten sich für eine Zeitlang die Namen Philosophenweg oder Jungfernstieg – oder eben Kaffeepad, weil er zu Kaffee und Kuchen führte. Die gab es im Bahnhof erst ein Jahr nach der Eröffnung, weshalb wir hier noch bis zur nächsten Folge verweilen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+