Segelnd nach Neuseeland: Zwischen stürmischen Wellenbergen fand die Bremerin Brit Gebhardt innere Ruhe Im Auge des Orkans

Bremerhaven. Plötzlich ist der Wind da. Ohne Vorwarnung.
15.05.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Im Auge des Orkans
Von Katharina Elsner

Plötzlich ist der Wind da. Ohne Vorwarnung. Er brüllt, so laut wie der Donner, der durch die Nacht tobt. Windstärke 11. Rund 60 Knoten schnell, ein Orkan in der Nacht – mitten auf dem Meer. Die Wellen, sechs Meter hoch, peitschen auf das Schiff. Die beiden Menschen, winzige Punkte im Meer, zurren alles fest und schließen sich unter Deck in der Kabine ein. Mehr können nicht tun.

Brit Gebhardt erinnert sich. Sieben Jahre ist es jetzt her, dass sie zusammen mit ihrem Partner auf ihrer Jacht im Südpazifik in den Orkan gekommen ist. Heute nimmt sie es mit Humor. So schnell wie damals sei sie noch nie gesegelt. Angst um sich oder ihren Partner hatte sie nicht – sagt sie. Nur um das Schiff. Heute sitzt sie auf genau diesem Boot in Bremerhaven. Die Sonne steht hoch. Den roten Blazer muss sie ausziehen. Eine leichte Brise streift durch ihr schulterlanges, braunes Haar. Das Boot wiegt sich sanft hin und her – und Brit Gebhardt ist entspannt. Ihre Hände liegen ineinander gefaltet auf dem ausgeklappten Holztisch auf Deck. Die Erinnerung an ihre vierjährige Segeltour bringt sie nicht aus der Ruhe. „Hello World“ heißt das Schiff – passend zu ihrem Lebenstraum: Einmal um die ganze Welt zu segeln – einen Traum, den unzählige Bremer und Bremerinnen teilen. Gebhardt hat es ein Stück weiter geschafft. Im Jahr 2006 segelte sie von Wilhelmshaven nach Spanien, vorbei an den Kanaren und über den Atlantik nach Panama, dann über den Pazifik bis nach Neuseeland. Der Rest des Erdballs fehlt ihr noch. Das will sie nachholen – obwohl sie eigentlich Angst vor dem Wasser habe, besonders vor zu viel Wellen. „Wasser ist nicht mein Ding“, sagt sie und lacht – nicht laut, eher nach innen gerichtet, irgendwie beseelt.

Spielball der Wellen

Dezember 2007. Irgendwo auf dem Atlantik. Es ist kalt, dabei sollte es eigentlich wärmer werden. Brit Gebhardt und ihr Mann fahren gen Süden, so lange „bis die Butter schmilzt“. So nannten es die Seeleute früher, die noch keine Kühlschränke an Bord hatten und erst nach Westen abdrehten, wenn das besagte Milchprodukt weich wurde. Brit Gebhardt aber trägt dicke Baumwollsocken und Schwerwetterkleidung. Das Essen hüpft von ihrem Teller, der Gulasch und die Kohlrouladen. Draußen türmen sich die Wellen auf vier Meter auf, die Köpfe brechen, weiße Schaumflecken schwimmen auf dem Blau des Wassers. Der Wind dreht ständig. Brit Gebhardt ist ständig müde. Wachen, Schlafen, Wachen, Schlafen. Immer im Drei-Stunden-Rhythmus, immer im Wechsel mit ihrem Partner. 16 Tage lang.

Trotzdem: Für die 43-Jährige ist Segeln ein Lebensgefühl, eine besondere Art zu reisen. Mit 16 Jahren ist sie das erste Mal gesegelt, seitdem ist es ihre „große Liebe“. Mit ihrem Partner hat sie jemanden gefunden, der diese Leidenschaft teilt. Es war 1998, sie kannten sich gerade ein paar Wochen, Gebhardt studierte BWL in Köln. „Es war mitten in der Nacht, um drei Uhr, als das Telefon klingelte. Er fragt mich nur, ob ich wisse, wo Bora Bora liege“, erzählt sie. Gebhardt wusste es sofort – auch nachts um drei. Acht Jahre sollte es dauern, bis die beiden losfuhren. Sie mussten Geld sparen, das Boot bauen lassen, Erste-Hilfe-Kurse und Krisen-Seminare bei der Bundeswehr belegen, Feuer löschen und Lecks abdichten lernen. Dann verkaufte ihr Partner seine Firma. „Das Segeln steht nicht im Vordergrund, das bleibt immer gleich. Es sind die Leute und die Länder, die ich dadurch kennen lerne“, sagt sie. „Man wird von den Einheimischen anders betrachtet, wenn man mit seinem eigenen Boot ankommt. Die Polynesier zum Beispiel sind eine alte Seefahrernation. Sie wissen, was es bedeutet, auf See zu sein.“ Immer wieder streicht sie beim Erzählen ihre Haare hinter das Ohr und gibt den Blick auf ihre Ohrringe frei, die, ähnlich wie ihre Kette, mit einer dunklen Perle verziert sind. Den Schmuck stellt sie selbst her, hat die Muscheln an Stränden in Panama und Polynesien gesammelt und mit einem Perlenfarmer ausgewählt. Sie hat Zugang zu den Einheimischen gefunden, hat auf den Tuamotu-Inseln mit ihrem Werkzeug geholfen, einen Backofen zu bauen und mit den Einheimischen Pizza gebacken. Das unterscheide sie von Touristen, die mit einem Kreuzfahrtschiff ankämen, sagt sie.

Zurück auf dem Atlantik. Sechs Tage sind Brit Gebhardt und ihr Partner schon im Sturm. Dann tritt der „worst case“ ein. Der Autopilot fällt aus. Er steuert das Schiff zuverlässig, die Sensoren wissen, woher der Wind kommt, wohin das Schiff will. Das ist der Moment, vor dem Brit Gebhardt am meisten Angst hat. Es ist stockdunkel, der Wind heult, der Regen prasselt auf das Schiff. Doch es hilft nichts. Entweder reparieren sie den Piloten oder steuern selbst. Doch das ist anstrengend und die nächste Küste noch weit entfernt. „Es gibt niemanden, auf den man in diesem Moment wütend sein, dem man die Schuld geben kann.“ Also sucht sie selbst unten in der Kabine das Ersatzteil, kramt Kisten und Kästen vor, die hin und her fliegen, immer im Rhythmus der meterhohen Wellen. Sie findet das Ersatzteil in der untersten Kiste – und weint vor Erleichterung. Nach zwei Wochen Wasser taucht am Horizont Land auf. „Grün ist eine tolle Farbe, wenn man sie das erste Mal sieht“, sagt sie. Auf der Karibikinsel Barbados riecht Gebhardt wieder Land. Ein Gemisch aus Wald, aus Kiefer und Erde und frisch geerntetem Stroh. Dann schläft sie erst einmal.Gebhardt hat das Segeln stark und unabhängig gemacht. Es erlaubt ihr eine Freiheit und Selbstbestimmtheit, die sie nicht wieder aufgeben wollte, als sie nach vier Jahren wieder in Bremen landete. Vor der Reise hatte sie angestellt als Marketing-Leiterin gearbeitet. Jetzt besitzt sie ihre eigene Firma, vermittelt Führungskräfte, kann sich ihre Zeit selbst einteilen – und deshalb auch an einem Donnerstagmittag in der Sonne auf ihrem Boot sitzen. „Mit meiner Erfahrung wollte ich keinen Vorgesetzten mehr, der mir vielleicht etwas völlig Stupides befiehlt“, sagt sie. Für sie war die Selbstständigkeit die logische Konsequenz der Reise. Und: Sie hat dadurch ist ruhiger, entspannter geworden. Nichts an ihr ist hektisch, weder ihre Hände, die nur locker gestikulieren, noch ihre Art zu sprechen – überlegt, mit leiser aber bestimmter Stimme.

Segeln gibt Selbstvertrauen

Das Boot, auf dem sie sitzt, gibt ihr Sicherheit. Es hat sie durch stürmische Tage sicher an Land gebracht. „Bedenken habe ich heute kaum noch, auch nicht im Beruf. Es wird schon irgendwie alles klappen“, sagt Gebhardt und lacht.Wer einem Orkan ins sprichwörtliche Auge geblickt hat, hat leicht Reden. Vertrauen in sich und die Welt hat Brit Gebhardt während ihrer Reise gefunden, das hat aber auch noch andere Gründe. Fernsehen und Internet gab es damals auf dem Schiff nicht. Die Finanzkrise, der Tod von Michael Jackson oder das Erdbeben auf Haiti gingen an ihr vorbei. Heute ist sie darüber froh. „Ich habe Sachen verpasst, über die sich alle aufgeregt haben, vieles wurde und wird aufgebauscht. Ein paar Tage später redet aber niemand mehr darüber“, sagt sie. Aber: Sie habe eine Veränderung in Deutschland bemerkt. „In Ecuador sprachen die Menschen mich an, zeigten mir den Weg, luden mich als Gast in ihre Häuser ein und waren nicht neidisch auf mein Boot“, erzählt sie. Seitdem die Flüchtlinge da sind, trifft sie auch hier mehr und mehr auf Menschen, die wie selbstverständlich anderen helfen.

Als sie wieder zu Hause war, hörte sie die Leute zu Hause sagen, ob die hygienischen Zustände in den Ländern nicht fürchterlich gewesen wären. „Dabei fand ich es am Anfang hier schrecklich. Das Laute, das Hektische, daran musste ich mich erst gewöhnen.“ Als Gebhardt und ihr Partner 2010 in Neuseeland ankommen, wird er krank und muss operiert werden.Beide fliegen zurück nach Deutschland.

Jetzt muss sie doch ins Büro zurück nach Bremen. Sie bring Wassergläser und Sitzkissen unter Deck, holt die Leiter ein und macht die Schotten dicht – bis zur nächsten Tour. Möwen kreischen. Hinter ihr ertöntdas Signal der Schleuse am alten Leuchtturm, die Schiffen den Weg durch den Kanal zum offene Meer freigibt. Im Sommer wird Brit Gebhardt dort hinaus segeln. Da ist sie sich sicher. „Ich habe nicht nur einen Plan A und B, ich habe sie alle, bis Plan Z.“

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