Wie die englische Motorradmarke Norton die Fans begeistert – ein Besuch im Lager der Legenden Kult im Pulk

Es gibt Motorräder, und es gibt die Norton. Sie ist nicht irgendeine Maschine, sondern die Maschine, eine Lady: schlank und schmal. Was Biker, die einer britischen Marke huldigen, eben so sagen. Besonders oft, wenn sie im Pulk zusammenkommen und Schaulustige haben: in Schweden, Frankreich, Österreich. Oder in Bremen, wo sie sich jetzt zum ersten Mal treffen – und den Campingplatz am Stadtwaldsee zum Ort für legendäre Maschinen und Legenden machen.
17.08.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Kult im Pulk
Von Christian Weth

Es gibt Motorräder, und es gibt die Norton. Sie ist nicht irgendeine Maschine, sondern die Maschine, eine Lady: schlank und schmal. Was Biker, die einer britischen Marke huldigen, eben so sagen. Besonders oft, wenn sie im Pulk zusammenkommen und Schaulustige haben: in Schweden, Frankreich, Österreich. Oder in Bremen, wo sie sich jetzt zum ersten Mal treffen – und den Campingplatz am Stadtwaldsee zum Ort für legendäre Maschinen und Legenden machen.

Nun ist es passiert. Kevin Feltoe kniet neben seinem Motorrad und hält zwei Metallstücke in den Händen. Eigentlich sollten beide ein Ganzes ergeben. „Broken“, sagt er, kaputt. Feltoe kommt aus Norfolk, einer Grafschaft im Osten Englands. Weil er seiner betagten Norton, Baujahr 1957, die 465 Meilen, also rund 750 Kilometer bis nach Bremen nicht zumuten wollte, hat er sie schonend befördert: weich gebettet auf einem Anhänger. Wie es sich für eine Lady gehört, sagt Feltoe.

Lady sagen alle auf dem Campingplatz am Stadtwaldsee zu ihren Maschinen. Sie sind nicht bullig und klotzig wie andere Motorräder, sondern schlank und schmal. „Wie eine Frau.“ Es ist Bernd Lienstädt, der das sagt. Der Mann trägt schwere Stiefel, eine schwarze Motorradhose und ein knallrotes T-Shirt. „Norton Owners Club“ steht darauf. Der Klub vereint die Jünger der alten britischen Motorradmarke weltweit. Und Lienstädt hat es mit Hans Heitmann geschafft, dass sie sich mal nicht in Schweden, Frankreich, Belgien oder England treffen, sondern in Bremen, zum ersten Mal.

Auf dem Campingplatz geht es zu wie auf einer Rastanlage an der Autobahn, 174 Norton-Fans sind gekommen. Pausenlos fahren Maschinen über den Platz. Organisator Lienstädt sagt, dass es 110 sind. Motoren starten oder verstummen. Qualm wabert wie Nebel zwischen den Zelten und Wohnmobilen. Es riecht nach Benzin, nach Öl – und aus einem Wohnmobil nach Keksen. Rose, Kevin Feltoes Frau, hat sie gebacken. Und weil sie ihren Mann liebt und seine Motorradleidenschaft teilt, prangt in der Mitte jedes Gebäcks das Firmenlogo von Norton.

Zur Teatime, zur Teezeit hat Kevin Feltoe keine Zeit. Seine Hände, mittlerweile rußverschmiert, wechseln rastlos zwischen Lappen und Fahrgestell. Immer wieder stecken er und Dieter Cordes die Köpfe zusammen. Cordes ist Norton-Fahrer und Mechaniker, der einzige auf dem Platz. Seine Norton Commando, Baujahr 1974, hat er in der Garage gelassen. Cordes ist mit dem Auto zum Motorradtreffen gekommen: „Im Kofferraum habe ich alles, was ich für eine Notreparatur brauche.“

Zwei Maschinen hat er an diesem Tag wieder flottbekommen: Mal hatte ein Anlasser Zicken gemacht, mal der Bautenzug einer Bremse. Der dritte Fall ist heikler. Feltoes Metallspange, die dafür sorgt, dass der Beiwagen an seiner Norton nicht ausschlägt, muss geschweißt werden. Cordes will nachher nach Hause fahren, um das zu erledigen. Nein, umsonst will Feltoe den weiten Weg von Norfolk nicht gemacht haben. Er müsse unbedingt bei der Schau auf dem Marktplatz am Sonnabend dabei sein. Sein Beiwagen, sagt der Engländer, sei zwar nicht von Norton, aber von einem beinahe ebenso legendären Hersteller: B-u-s-m-e-a-r“, buchstabiert er. Es seien die Initialen der drei Gründer einer Firma, die es längst nicht mehr gebe.

Warum Norton so legendär ist, kann jeder auf dem Platz erzählen. Am längsten aber Chris Grimmet. Der Mann aus Manchester holt weit aus. Er berichtet von den Anfängen Nortons 1898, von vielen Tiefschlägen und vom zeitweisen Ende der Produktion, um dann mit erhobener Stimme zu erklären: „Keine andere Motorradmarke hat das europäische und weltweite Renngeschehen so lange dominiert wie Norton.“ Jahrzehnte seien es gewesen. Und kein anderer Hersteller habe es geschafft, einen der härtesten und anspruchsvollsten Wettbewerbe so oft zu gewinnen wie Norton. Knapp 20-mal, eine unerreichte Serie an Siegen. Und das bei einem Rennen, bei dem es regelmäßig Tote gegeben habe: der Tourist-Trophy auf der Isle of Man in der irischen See.

Manche Club-Mitglieder verehren die Marke so sehr, dass sie nicht nur eine Norton haben. Grimmet hat neun und schon lange keinen Platz mehr in der Garage. Darum musste er einige Maschinen im Haus unterbringen. Ein Motorrad stehe im Flur im Erdgeschoss, ein anderes im ersten Stock neben dem Bad. Und eine dritte Norton habe er – no joke, kein Witz – im Schlafzimmer. Die sei allerdings in ihre Bestandteile zerlegt.

So hat auch Kurt Harries sein Motorrad bekommen, Schrottstück für Schrottstück. Jahre, sehr viele Jahre, habe er in der Garage verbracht, um die Maschine zusammenzusetzen. Jetzt steht sie neben ihm auf dem Campingplatz und stiehlt allen anderen Motorrädern die Show. Harries hat sich untergemogelt. Er fährt zwar ein britisches Motorrad, aber keine Norton. Er hat den Rolls-Royce auf zwei Rädern, wie ein Schaulustiger sagt, eine Brough Superior, Baujahr 1939. Auf so einer Maschine, erklärt Harries, ist Lawrence von Arabien verunglückt – noch eine Legende.

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