Luxustour durch die Länder Mehr Afrika geht nicht

6000 Kilometer durch Steppe, Savanne und Regewald - mit dem Zug von Daressalam nach Kapstadt.
14.08.2021, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Mehr Afrika geht nicht
Von Marie-Chantal Tajdel

Kapstadt. Zugreisen in Afrika erfüllen offenbar Sehnsüchte: „Es muss noch einmal sein“, erklärt jemand. Wir sind in einem Luxuszug unterwegs, eine Reiseform, oft im krassen Gegensatz zu den Verhältnissen hier, in denen Menschen manches mit dem Eselskarren erledigen, vieles zu Fuß. Ein anderer sagt: „Wenn sie uns Bleichgesichter im noblen Zug sehen, bestätigen wir ihre Bilder über uns: weiße, reiche Leute!“

Afrika ist 100 Mal so groß wie Deutschland, 3000 Sprachen werden gesprochen. Wir werden durch Tansania, Sambia, Simbabwe, Botswana und Südafrika reisen, oft aussteigen, Menschen treffen, in ihre Kultur und Geschichte eintauchen. Es wird Vorträge über die Länder geben. Und idealerweise bekommen wir ein Gefühl für Afrika, so gut, wie es in so kurzer Zeit vielleicht möglich ist.

Die Reise beginnt mit einem Stück dunkler deutscher Kolonial- und afrikanischer Wirtschaftsgeschichte. An der Straße nach Bagamoyo, unserem ersten Besuch, stehen strahlend blaue Jacarandabäume neben feuerroten Nelkenbäumen. Hier begann eine wichtige Karawanenroute Ostafrikas, gehandelt wurde mit Elfenbein, Salz, Kopra und auch mit Sklaven. Der Sultan von Sansibar – die Insel liegt gegenüber der Stadt im Indischen Ozean – mehrte seinen Reichtum. Später wurde Bagamoyo von 1888 bis 1891 erste Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Ostafrika, das die heutigen Länder Tansania, Burundi und Ruanda sowie ein kleines Gebiet in Mosambik umfasste.

Es geht zur Heilig-Geist-Kirche von 1874, älteste christliche Kirche in Ostafrika. Hier fand einst eine Trauerfeier zu Ehren des angesehenen britischen Afrikaforschers und Gegners des Sklavenhandels David Livingstone statt, bevor dessen Leichnam in die Heimat überführt und der Kirchturm zum Livingstone-Turm getauft wurde.

Die Citytour führt uns vorbei an geschnitzten Sansibartüren, wie sie damals beim Hausbau in Ostafrika Mode waren, und zum Fort der Stadt, das die Deutschen als Garnison nutzten. Unter einem Baum hockt eine Frau mit einem schlafenden Kleinkind im Schoß. Blickaustausch, Lächeln. Heute ist Bagamoyo auf dem Weg zum Welterbe.

Bunte Truppe in dunkelrotem Holz

Fast wie ein Fremdkörper wirkt der in chinesischem Stil errichtete Tazara-Bahnhof in Daressalam, wo wir in unseren Edelzug einsteigen. 65 Gäste verschiedenen Alters werden mitreisen: Paare, Alleinreisende, umsorgt vom 30-köpfigen Personal, das für drei Schichten täglich an Bord gekommen ist.

In den mit dunkelrotem Holz ausgekleideten Kabinen fehlt es an nichts: Schrank, Bett, Duschkabine, Waschecke und eine Toilette sind vorhanden. Unbemerkt sind wir losgefahren, Menschen winken. Die Vegetation ist bunt und vielfältig – noch. Alles fliegt mit steigendem Tempo immer schneller vorbei.

Bevor man sich eingerichtet hat, ertönt schon der Gong zum ersten Abendessen. Auch den Speisewagen dominiert dunkelrotes Holz. Gedeckt ist mit weißen Tischtüchern und feinem Geschirr, eine kleine Vase mit dunkelroten Protea-Blüten zur Zierde. Heute, wie auch die anderen Tage, wird in dieser charmanten Atmosphäre ein köstliches Drei-Gänge-Menü gereicht, dazu ausgewählte Weine. Am Ende der Reise werden etwa 1500 Liter getrunken sein.

Der Safarizug entpuppt sich in der ersten Nacht als Rüttelexpress. Die Fahrt geht nach Westen, durch dichter werdendes Buschland. Am Morgen der erste planmäßige Halt: Offene Geländewagen warten direkt am Zug für die Fahrt in die Savanne vom Selous, eines der größten Wildreservate Afrikas, seit 1982 Unesco-Weltnaturerbe. Es ist trocken, was die Tiere an die Wassertümpel treibt. Später treffen sich einige der Gäste auf der offenen Veranda des letzten Zugwaggons. Das Erlebte von vorhin – Zebras, Elefanten, Giraffen, Büffel – ist Hauptgesprächsthema. Alle sind begeistert, während die Fahrt weitergeht. Graubraune Buschlandschaft zieht vorbei, ein sanft-scharfer Geruch umströmt uns. Unvermindert ruckelig geht die Fahrt auf den alten Gleisen voran.

Die Landschaft wird vorübergehend wieder grüner. Und bergiger, nun gilt es üppig bewachsene Steilhänge zu durchbohren und saftige Täler zu überqueren.

Auf rund zwei Stunden Fahrt zählen wir 23 Tunnel und um die 300 Brücken. Wir sind in der Gegend des Great Rift Valley, des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Über eine Bruchlinie von Äthiopien über Kenia und Tansania bis nach Mosambik könnte sich Ostafrika in Jahrmillionen vom Rest Afrikas abgetrennt haben.

In Gedanken über diesen Prozess von bis zu 60 Millionen Jahren, erscheinen die individuellen Sorgen des Alltags auf dieser Reise auf einmal sehr klein. Dann der Stopp bei den von Regenwald umgebenen ChishimbaFällen in Sambia, die über 70 Meter in die Tiefe stürzen.

Immer wieder muss frisches Trinkwasser getankt werden. Bei jedem Zughalt aber werden Nahrungsmittel, die nicht mehr gebraucht werden, an Einheimische abgegeben. Das gibt den Gästen ein gutes Gefühl. Wenn die 1200 Tonnen schwere Lok mit den 22 Waggons zum Stehen kommt, können die Fahrgäste oft aussteigen. So auch in Kapiri Mposhi im zentralen Sambia, einst eine reiche Stadt aufgrund der hiesigen Kupfermine. Die Weiterfahrt im 500 Meter langen Rovos-Zug geht durch fruchtbares Land, wo Gemüse gedeiht, später durch ausgedörrtes, wo mageres Vieh steht.

Die Menschen in dieser Gegend leisten harte Arbeit. Oft wird ihnen unter zweifelhaften Umständen Land abgekauft, sodass nicht mehr viel zum Leben bleibt: Landgrabbing heißt das.

Victoriafälle als Highlight

Wir erreichen die Victoria-Falls-Bridge, die den Sambesi und damit die Grenze zwischen Simbabwe und Sambia auf einer Höhe von 128 Metern überspannt. Für viele der Gruppe ist der Spaziergang an den Victoriafällen das Highlight der Reise. Manche buchen einen Rundflug. Der Blick von oben lohnt sich, besonders vor der Regenzeit, denn so sind mäandernde Wasserläufe zu erkennen, die an der Abbruchkante rauschend in die Tiefe stürzen.

Im Chobe-Nationalpark in Botsuana, bekannt für seine vielfältige Tierwelt, hat die Hitze des Tages nachgelassen. Wir unternehmen eine Bootsfahrt. Die Abendsonne taucht die Landschaft in ein mildes Licht, und wir erspähen Giraffen, die mit ihrem langen Hals Sträucher rupfen. Elefanten, die auf einer Landzunge rasten. Befleckte Wildhunde mit Löffelohren, Antilopen, Zebras, Nilpferde, Wasserbüffel, bunte Vögel. Eine Affenbande türmt im Rudel als wir uns nähern, während die Krokodile cool bleiben und verharren. Auch diese Nacht verbringen wir in einer Lodge.

Wir rattern weiter nach Simbabwe hinein, früher oft Brotkorb Afrikas genannt. Einst gab es genug für die eigene Bevölkerung, Weizen und Mais wurden sogar exportiert. Doch dann machte Robert Mugabe, anfänglich ein erfolgreicher Premier, seine politische Kehrtwende zum Diktator. Hungersnöte, Korruption und Intrigen erschütterten das Land, 2017 wurde der greise Mugabe abgesetzt. Heute leiden noch immer 60 Prozent der Simbabwer Hunger.

Uns Reisende begleitet die Sonne, nur die Nächte werden kühler, je weiter wir in den Süden vordringen. Mittags reicht eine leichte Bluse, morgens und abends ist etwas Wärmeres nötig. Wir statten Francistown einen Besuch ab, benannt nach einem Briten, der im Goldrausch des 19. Jahrhunderts hier Schürfrechte erwarb. Beim Spaziergang in der warmen Abendsonne ergeben sich nette Kontakte zu den Einheimischen. Mit einem offenen „Hello, where do you come from?“ eröffnet eine korpulente Frau ein Gespräch. Ein netter Austausch mit ihr und ihrer Tochter folgt.

Dann gibt es noch mal Futter für Safarifans: Von Gaborone aus, Botswanas Hauptstadt, besuchen wir für zwei Tage das Madikwe-Wildreservat, schon in Südafrika gelegen. Das ist die letzte Chance, Klippspringer, Hyänen, Löwen, Geparden, Impalas oder Kudus zu beobachten. Eine Mitreisende im Safariauto, mit dem wir indem 1991 eröffneten Park durchs weite Buschland kreuzen, regt die wilde Natur zu tieferen Gedanken an: „Fremdes ist interessant. Da ist die Fremdheit außerhalb des Zuges: die Menschen, ihre Sprachen und Geräusche, die Farben und Düfte der Vegetation. Dann gibt es die Fremdheit drinnen: die Mitreisenden und ihre Allüren.“

Selbstreflexion wird Teil der Reise

Tatsächlich kommt eine Bahnreise über fast drei Wochen nicht ohne kleine Spannungen und Diskussionen aus. Später im Zug geht es hoch her: Nicht über die Menschen zu reden, sondern sie reden zu lassen, wünscht sich ein Gast und lässt Kritik am Verhalten anderer durchsickern. Geredet wird über Folgen für die lokale Wirtschaft durch Kleidung und Schuhe aus Europa auf den Märkten, über Schulbildung, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Ahnenkult, medizinische Versorgung und darüber, wie die traditionelle Medizin der Schamanen funktioniert. Dann tritt nachdenkliches Schweigen ein, bis kurz vor Pretoria, Südafrikas Hauptstadt.

Vor den Regierungsgebäuden auf dem Hügel steht die Statue von Nelson Mandela, der 2013 starb, neun Meter hoch, ausladend die Arme und offene Hände als Symbol zur Versöhnung aller Völker. Doch Südafrika hat noch immer viele Probleme: Schon vor Corona galten 55 Prozent der Menschen als arm, 27 Prozent sind arbeitslos.

Afrika ist reich an Bodenschätzen und verfügt über gut ausgebildete Fachkräfte. Dennoch steht statistisch für 5000 Menschen nicht einmal ein Arzt zur Verfügung. Traditionelle Heiler, Wahrsagerinnen und Medizinmänner kennt man überall. Sie sind schneller erreichbar als ein westlich ausgebildeter Arzt, und ihre Methoden zur Linderung von körperlichen und seelischen Störungen werden von den Leuten angenommen. In der Dämmerung fahren wir durch Kapstadts Vororte. Der berühmte Tafelberg schiebt sich vor das Fenster. Der Abschied nähert sich. Der letzte Tag bleibt, um Kapstadt zu erkunden. Bald wird sich der luxuriöse Rovos-Zug mit 3000 Eiern, 350 Kilogramm Käse, 700 Litern Milch und all der anderen Verpflegung an Bord auf die Rückreise nach Daressalam begeben. Trotz aller Widersprüche: Eine Zugreise wie diese bietet in kürzester Zeit viele Einblicke in Länder und Gesellschaften wie keine andere. Mehr Afrika geht nicht.

Die Reise wurde von Lernidee Erlebnisreisen unterstützt.

Zur Sache

Mit dem Zug durch Afrika

Afrikareisen und Anbieter: Neben der beschriebenen 19-tägigen Gruppenreise im Zug von Daressalam nach Kapstadt ist der Anbieter Rovos Rail auch auf weiteren Strecken mit Sonderzügen unterwegs, etwa zwischen Daressalam und Lobito in Angola oder Pretoria in Südafrika und dem Etosha-Nationalpark in Namibia. Die Gäste werden in historischen, aber modernisierten Zügen befördert. Die Abteile der nostalgischen Waggons sind in drei Kategorien unterteilt. Angekoppelt sind zwei Restaurantwagen und ein Lounge-Wagen am Ende des Zugs mit offener Aussichtsplattform. Trotz Corona werden auch 2021 Reisen angeboten. Diese sind buchbar bei Rovos Rail direkt (rovos.com) oder über deutsche Veranstalter. Ein alternativer Anbieter von Rovos-Reisen ist Venter Tours (ventertours. de). Ein anderer, im südlichen Afrika zwischen Südafrika, Namibia und Simbabwe verkehrender touristischer Luxuszug ist der Blue Train des südafrikanischen Transportunternehmens Transnet (bluetrain.co.za).

Corona-Situation: Die Länder im südlichen Afrika gelten als Corona-Risikogebiet. Bei Rückreise nach Deutschland müssen sich Reisende in Quarantäne begeben. Zur Einreise ist zum Teil ein negativer Corona-Test verpflichtend. Da sich die Vorschriften häufig ändern, sollten sich Reisende an das Auswärtige Amt wenden. Dort gibt es aktuelle Informationen unter www.auswaertiges-amt.de.

Info

Béatrice Hecht-El Minshawi lebt in Bremen, hat als interkulturelle Trainerin gearbeitet und ist Weltreisende. Von ihren Reisen hat sie bereits mehrere Bücher veröffentlicht.

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