Historiker Florian Nikolaus Reiß hat spannende Geschichten für eine neue Sonderausstellung im Museumsdorf Cloppenburg zusammengetragen Per Bahn ans Meer

Als die erste Eisenbahn durchs Oldenburger Land ratterte, hatte die technische Innovation im Norden nicht nur Freunde. Bauern fürchteten, ihre Kühe könnten durchdrehen angesichts des gewaltigen Tempos.
02.04.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Per Bahn ans Meer
Von Martin Wein

Als die erste Eisenbahn durchs Oldenburger Land ratterte, hatte die technische Innovation im Norden nicht nur Freunde. Bauern fürchteten, ihre Kühe könnten durchdrehen angesichts des gewaltigen Tempos. Und weil die Oldenburger kein Geld für teure Import-Kohle hatten, heizten sie mit Torf. Jedes Dampfross stieß deshalb einen gefährlichen Funkenregen aus und zwang die Anwohner, ihre Fachwerkhäuser zum Schutz vor Bränden weiß zu kalken. Lange weiß blieben sie freilich nicht.

Spannende Geschichten rund um 150 Jahre Eisenbahngeschichte im Großherzogtum Oldenburg hat der Wildeshauser Historiker Florian Nikolaus Reiß jetzt für eine neue Sonderausstellung im Museumsdorf Cloppenburg zusammengetragen. An diesem Sonntag, 2. April wird sie unter dem Titel „Höchste Eisenbahn“ eröffnet und ist bis zum 5. November zu sehen. Auf einem nachgebauten Bahnsteig mit Gleisanschluss reisen die Besucher durch die Zeit – von den Anfängen im Zuge des preußischen Kriegshafenprojektes am Jadebusen bis zu Triebwagen mit Brennstoffzellenantrieb.

Kurator Reiß hat sich in den vergangenen sechs Jahren in Cloppenburg zu einem Experten für die Mobilitätsgeschichte Nordwestdeutschlands entwickelt. Geboren wurde er 1963 aber in Schlüchtern zwischen Fulda und Frankfurt am Main. In Bamberg, Hamburg sowie Bonn studierte er Geschichte und Kunstgeschichte, anschließend war er für die Schlossverwaltung Rheinland-Pfalz vor allem auf den Höhenburgen im Rheintal tätig. Weil die Fahrerei zwischen Berg und Tal für die beiden berufstätigen Eltern mit ihren drei Kindern zu lästig wurde, zog die Familie schließlich ins norddeutsche Flachland nach Wildeshausen.

Für größere Einkäufe nutzt Reiß noch heute gerne die stündliche Bahnverbindung der Nordwestbahn nach Bremen. Den Einsatz einiger couragierter Bürger für deren Erhalt in den 1980er-Jahren hat er deshalb gleich auch in der Ausstellung dokumentiert. „Sonst wäre das die längste Streckenstilllegung in Deutschland geworden“, erklärt er.

Das agrarisch geprägte und mit Straßen und Kanälen noch kaum erschlossene Großherzogtum Oldenburg war im 19. Jahrhundert mit den erheblichen Kosten für den Eisenbahnbau eigentlich vollkommen überfordert, resümiert Reiß. Vor allem die Bremer ließen sich den Gleisanschluss zwischen Delmenhorst und Bremen auf ihrem Land teuer bezahlen. Und aus Mangel an Kies konnten nur Spezialloks über das Gleisbett aus Sand rollen. Trotzdem habe der Nordwesten erheblich profitiert. Während die Marschbewohner ihre Rinder lange lukrativ per Schiff nach England verkaufen konnten, hatten die Menschen auf der sandigen Geest vorher nur eine Bedarfswirtschaft betrieben, die vorrangig der Selbstversorgung diente und sogar kleiner war als die Nachbarn von der Küste. Erst mit dem ersten Zug 1867 konnten sie ihre Mastschweine ohne langen, kräftezehrenden Fußweg ins Ruhrgebiet liefern. „Oldenburg wurde damit zum Hauptversorger des Ruhrgebiets. Die Schweine als Restefresser waren eine lukrative Einnahmequelle.“ Und weil die Briten alsbald ihre Grenzen für deutsches Rindfleisch schlossen, rettete die Gleisverbindung nach Heppens – heute Wilhelmshaven – auch den Marschbauern das Geschäft.

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