Zwischen Nord- und Ostsee Klangvolle Sommertage unter weißen Segeln

Bei einer musikalischen und kulinarischen Genusstour mit der "Sea Cloud Spirit" erleben Touristen exklusive Konzerte und bekommen bei Landgängen interessante Einblicke.
17.09.2022, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Ralf Lieske

Mit ihren rund 60 Meter hohen Masten überragt die „Sea Cloud Spirit“ die meisten Gebäude vor ihrem Liegeplatz im Herzen von Kiel am Sartorikai. Die neue Route der Reederei vereint den naturverbundenen Charme eines Segeltörns mit den Hochgenüssen klassischer Musik und den kulinarischen Verführungen der Küche an Bord des Drei-Mast-Vollschiffs. Während der Reise, die im Zeichen des Pianos steht, musizieren zwei Nachwuchstalente am Steinway-Flügel. Zudem erwartet die musikbegeisterten Reisenden ein Privatkonzert im Konzerthaus des Dänischen Rundfunks in Kopenhagen. Das Tasteninstrument gehört zum festen Inventar in der Lounge auf der „Sea Cloud Spirit“. Es wird vor jeder abendlichen Darbietung von dem Klavierstimmer Ulrich Gerhartz perfektioniert und auf die Bedürfnisse der Künstler angepasst. Der gelernte Klavierbaumeister wurde 1994 zum Direktor des Konzert- und Künstlerservices von Steinway befördert und unterstützt die weltweit besten Pianisten bei Auftritten. Zusätzlich unterrichtet er die Musikliebhaber an Bord über die Geschichte und Konstruktion des Klaviers.

Leinen los. Der imposante Großsegler gleitet mit seinen rund 100 Passagieren entlang der Kieler Förde hinaus auf die Ostsee, zunächst angetrieben durch die Dieselmaschinen. Wie üblich, begrüßen zu Beginn der Kreuzfahrt der Kapitän, Vukota Stojanovic, und die leitenden Offiziere ihre Gäste. „Wir werden so oft wie möglich die Kraft des Windes nutzen – aber Plan und Realität unterscheiden sich bei einer naturverbundenen Reise gelegentlich. Wir erwarten vor Aalborg Windgeschwindigkeiten von bis zu 18 Knoten“, sagt Stojanovic. Seine Prognose war korrekt, denn in der Tat prescht die „Sea Cloud Spirit“ mit voller Takelage und eindrucksvoller Schräglage durch den Belt. Am letzten Abend der Seefahrt wird der Kapitän resümieren, dass das Schiff 20 Prozent des Törns unter Segeln zurückgelegt hat. Ursprünglich steuerte der Montenegriner Containerriesen durch die Weltmeere. Dass er irgendwann eines der größten Segelschiffe der Welt kommandiert, hatte er sich nie träumen lassen – ja sogar abgelehnt. Der Knoten platzte bei seiner ersten 17-tägigen Transatlantikpassage auf der „Sea Cloud II“ 2014, und ab dann erklärte Stojanovic seine Begeisterung für Großsegler zu seiner Berufung.

Freier Blick auf windgestraffte Segel

Die achttägige Reise beginnt auf dem Weg zum ersten Hafen in Kopenhagen mit einem Seetag. Das verschafft Zeit, die Annehmlichkeiten an Bord zu erkunden, etwa den Spa-Bereich mit Saunalandschaft oder die windgeschützten Sonneninseln ganz oben auf dem Deck. Von dort genießt man einen freien Blick auf die vom Wind straff gespannten Segel und erahnt, wie sich deren Kraft auf den Vortrieb überträgt. Es empfiehlt sich auf Kreuzfahrten, den Wecker zu stellen, um die vornehmlich frühen Hafeneinfahrten und das Anlegen nicht zu verpassen. So auch in Kopenhagen. Die im Vergleich zu den schwimmenden Hotelburgen zierliche „Sea Cloud Spirit“ gleitet unter den Blicken einiger winkender Passagiere majestätisch bis zum Liegeplatz. Der liegt zentral vor dem Kastell von Kopenhagen – einer Befestigungsanlage gegen die Schweden aus dem Jahr 1625. Bis zum gebuchten Landausflug bleibt noch eine Stunde. Um das reichhaltige Frühstücksbüfett und die Speisen von der Live-Cooking-Station in Ruhe genießen zu können, ist die Zeit fast zu kurz. An diesem vielversprechenden Sommertag entschädigt allerdings die anstehende Stadtrundfahrt für die abgespeckte Kulinarik.

Der erste Stopp ist vor der berühmten Bronzeskulptur Lillie Havfrue. Schaut man von der Kleinen Meerjungfrau in Richtung Zentrum, sind die Masten des Segelkreuzers zu erkennen. Die nächste Etappe führt nur einige hundert Meter am Liegeplatz vorbei zum Fotostopp vor dem Schloss Amalienborg, der Winterresidenz der Königin Margrethe II. und ihrer Nachkommen. Der leere Fahnenmast über dem Palast der Monarchin signalisiert, dass sie nicht anwesend ist. Stolz blickt auch die seit fast 250 Jahren bestehende Royale Porzellanmanufaktur auf ihre Tradition als Lieferant des dänischen Hofs zurück. Noch heute beherrschen die geübten Porzellanmaler die Kunst, die aufwendig designten Muster freihändig auf das filigrane Geschirr zu pinseln. Das hat seinen Preis, denn eine einzige Espressotasse kostet rund 90 Euro. Fußläufig entfernt vom Flagship-Store der Manufaktur befindet sich das Schloss Christiansborg. Es vereint, weltweit einzigartig, die höchsten Vertreter von Exekutive, Legislative und Judikative unter einem Dach. Im Herzen des Palasts liegt der große Saal mit seinen 17 bunt gewebten Wandteppichen. Die Motive erzählen
1100 Jahre dänische Geschichte, angefangen in der Wikingerzeit mit Harald Blauzahn.

Stadtbummel und Exklusivkonzert

Wer jedoch das lebendige und quirlige Treiben in der Stadt bevorzugt, flaniert etwa am Nyhavn mit seinen farbenfrohen Häusern und den zahlreichen Restaurants. Oder man wagt sich vor in die Grauzone der Freistadt
Christiania, deren Bewohner sich unabhängig von den staatlichen Behörden verwalten.

Markanter könnte der Wechsel von Subkultur zu Hochkultur kaum ausfallen, als an diesem Abend. Der Grund ist der bevorstehende Höhepunkt der Reise: ein 60-minütiges exklusives Konzert im 2009 eröffneten Koncerthuset des Dänischen Rundfunks. Eine architektonische Glanzleistung ist der große Konzertsaal mit Platz für 1800 Besucher. Er „schwebt“, trotz seiner rund 14.000 Tonnen Gewicht, getragen durch die Treppenhäuser über dem Foyer mit den drei darunterliegenden Studios. Bevor das Trio con Brio Copenhagen aufspielt, wird ein speziell kreierter Cocktail im Steinway-Saal gereicht. Das alles hat die Hamburger Reederei unter Führung von Petra Quasdorf organisiert. „Ich liebe es, Events zu gestalten und hole mir die nötige Inspiration etwa bei einem Besuch eines Konzerts in der Elbphilharmonie“, sagt die 57-Jährige, deren Laufbahn mit einer Ausbildung zur Hotelfachfrau in Bremen anfing. 24 Monate braucht sie, um ein Landevent wie dieses generalstabsmäßig zu planen. Angefangen bei der Locationwahl direkt vor Ort, über die Anfahrt und das Catering der Gäste bis hin zur Bereitstellung von ausreichend WCs hat sie alles im Griff. Seit
20 Jahren ist die heutige Prokuristin bei Sea Cloud Cruises beschäftigt und freut sich, dass auch wegen den besonderen Events zahlreiche Kunden der Reederei treu bleiben.

Landgang in Aalborg

Über Nacht führt Kapitän Stojanovic den Großsegler aus dem Öresund hinaus auf das Kattegat, hinein in den Limfjord und bis zum Anleger direkt im Zentrum von Aalborg. Ein Besuch im Musikken Hus steht auf dem Programm, wieder mit Privatkonzert. In dem Gebäude sind 86 Räume schallentkoppelt eingebaut. Einer davon ist der große Saal mit Platz für 1200 Gäste und bis zu 120 Musiker. Zur optimalen Schallausbreitung werden abhängig von der Orchestergröße die wuchtigen, 36 Tonnen schweren, frei hängenden Akustiksegel in der Höhe verstellt.

Zurück an Bord lockt bei strahlendem Sonnenschein das Mittagsbüfett an Deck. Von dort aus lässt sich das Ablegemanöver verfolgen. Dem imponierenden Großsegler, der zum ersten Mal in Aalborg war, winken viele Schaulustige hinterher. Eine Mitreisende kommentiert das Geschehen mit „es ist schön, auf der richtigen Seite zu stehen“ und wendet sich zufrieden wieder ihrem hausgemachten Eisbecher zu. Weltlicher wird es am Abend. Statt zu einem opulenten Dinner lädt der Küchenchef zum BBQ an Deck ein. Dazu edler Wein und Seemannslieder vom Shanty Chor der „Sea Cloud Spirit“. Dass die sonst doch so kritischen Liebhaber ernster Musik es auch verstehen, ausgelassen zu feiern, beweist diese Nacht mit Musik des Bordpianisten Rufat Khalilov.

„Kontakt zu Menschen und Umweltschutz sind für mich wichtig. (Kreuzfahrtdirektorin Devi Moeller)

Das Reiseerlebnis liegt auch in den Händen der Kreuzfahrtdirektorin Devi Moeller. Sie kümmert sich als Gastgeberin unter anderem um Entertainment und Ausflüge. Beispielsweise organisiert sie die Auftritte des Shanty Chors oder informiert die Passagiere über alle Details zu den Landausflügen. Sollte etwas unplanmäßig verlaufen, löst die gebürtige Kielerin das Problem. „Kontakt zu Menschen und Umweltschutz sind für mich wichtig. So habe ich mich bereits im Jahr 2001 dafür entschieden, für Sea Cloud Cruises zu arbeiten“, erläutert die studierte Juristin.

Nachwuchstalente musizieren auf dem Schiff

In Aalborg zugestiegen ist der Pianist Alexey Trushechkin. „Die Zuhörer folgten meinem Spiel außerordentlich konzentriert“, sagt der 31-jährige Steinway-Preisträger nach dem ersten Konzert an Bord. Gewöhnungsbedürftig für ihn ist das Rollen des Seglers. „Um die Tasten zu treffen, musste ich weiter greifen – aber es ist eine unvergessliche und großartige Erfahrung, auf einem Schiff zu musizieren“, sagt das Nachwuchstalent. Besonders hingerissen sind die Schweizer Christine Sigwart-Sartorius und ihr Ehemann Ulrich Sigwart. Sie haben nach respektablen pädagogischen wie auch künstlerischen Erfolgen 2003 die Jonas Foundation gegründet. Zweck der Organisation ist, jungen Leuten aus teilweise prekären sozialen Gruppen durch Musik, Theater und Tanz neue Perspektiven zu vermitteln. Den Pianisten Trushechkin haben die Musikkenner eingeladen, eines ihrer Vorhaben in der Schweiz mit Ratschlägen und einem Konzert zu unterstützen.

Der Windjammer dümpelt bei fast spiegelglatter See dem nächsten Etappenziel, List auf Sylt, entgegen. Noch weit draußen im Meer, etwa auf Höhe der dänischen Insel Roem, entscheidet der Kapitän, spontan die Segel einzuholen und die Gunst der Stunde für einen Badestopp zu nutzen. Die Mannschaft fährt die Badeplattform aus, lässt die Zodiacs zu Wasser und baut entlang der Bordwand einen gesicherten Wasserpark auf. Für zwei Stunden ein Riesenspaß, den man auf einem Segelschiff eher nicht erwartet hätte. Per Motorkraft legt das Schiff mit der Flut die letzten Seemeilen bis zum Liegeplatz zurück. Schon rasselt die Ankerkette und die „Sea Cloud Spirit“ liegt sicher auf Reede. Geschätzt wird Sylt insbesondere für seine Lebensart. So liegt es nahe, dass der offizielle Marken- und Kulinarik-Botschafter der Insel, Nils Lackner, der Gesellschaft an Bord die beiden Tage zur Seite steht. Los geht es mit einem Abend rund um die Auster Sylter Royal. Am nächsten Tag führt er die Gäste im voll ausgebuchten Wander-Falken, einem Borgward-Oldtimerbus von 1952, zu einem Weinberg in Rantum.

Am Nachmittag sticht der Großsegler wieder in See. Bevor die Reise rund um Dänemark an der Hamburger Überseebrücke endet, erwartet die Reisenden noch ein letztes Konzert an Bord und das obligatorische Fünf-Gang-Farewell-Dinner.

Die Reise wurde unterstützt von Sea Cloud Cruises.

Zur Sache

Sea Cloud Spirit

Musikreise auf der „Sea Cloud Spirit“: Das nächste Steinway-Musikfestival findet vom
22. Oktober bis 2. November 2023 statt. Die Route führt von Valencia über Cartagena,
Málaga, Gibraltar, Cádiz und Lissabon bis nach Funchal auf Madeira. An Land werden drei VIP-Konzertabende angeboten, unter anderem im Automobilmuseum Málaga sowie im Hotel Reid’s Palace auf Madeira.
Preise pro Person in einer Doppelkabine von 8495 Euro bis 15.245 Euro.

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