Äpfel von öffentlichen Bäumen darf nur pflücken, wer vorher fragt Verbotene Früchte

In der Erntezeit verrotten immer wieder Äpfel in Straßengräben und auf Obstwiesen. Einfach aufsammeln darf man sie aber nicht. Die Eigentümer der Bäume entscheiden, was mit den Früchten passiert.
28.09.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Verbotene Früchte
Von Jörn Hüttmann

In der Erntezeit verrotten immer wieder Äpfel in Straßengräben und auf Obstwiesen. Einfach aufsammeln darf man sie aber nicht. Die Eigentümer der Bäume entscheiden, was mit den Früchten passiert.

Sie säumen den Rand einer kleinen Landstraße irgendwo in der Nähe von Verden. Äpfel- und Birnbäume, voll behangen, als ob sie nur auf die Ernte warten. Doch es wird niemand kommen – zumindest nicht von offizieller Stelle. Zuständig ist der Fachdienst Straßen des Landkreises Verden, und der interessiert sich für die Sicherheit auf den Straßen, nicht für die Früchte der Bäume am Rand.

Aber darf man die Äpfel im Vorbeigehen abpflücken oder einfach aufsammeln, bevor sie vergammeln? Das entscheidet der Eigentürmer, in diesem Fall Werner Stadtlander, Fachdienstleiter Straßen beim Landkreis Verden. Es gebe immer wieder Anfragen von Privatleuten, sagt Stadtlander. „Aber das geht grundsätzlich nicht. Wenn da jemand mit einer Leiter an einem Baum steht und etwas passiert, bin ich mit im Boot.“ Das Verbot gilt auf allen Kreisstraßen, für die Stadtlander zuständig ist. Was hier an Früchten von den Bäumen fällt, wird von seinen Mitarbeitern entsorgt.

Insgesamt wird das Thema für Stadtlander aber immer unwichtiger. An seinen Straßen werden keine Obstbäume mehr gepflanzt, weil die Pflege zu aufwendig sei. „Alle Arten von Obstbäumen sind unpraktisch.“

Wer in der Stadt Verden selbst einen erntereifen Obstbaum findet, hat mehr Glück. Es ist nicht verboten, Früchte von Bäumen im öffentlichen Raum zu ernten – aber auch nicht erlaubt. „Wir haben kleinere Obstwiesen, aber die Ernte ist nicht geregelt, weil die Mengen so klein sind“, sagt Bernd Kiefer, der sich bei der Stadt Verden um Umwelt- und Naturschutz kümmert. Auf Flächen des Landkreises Verden ist das Pflücken hingegen grundsätzlich verboten.

Generell gilt: Wer Früchte ernten will, muss erst fragen. Schließlich lässt sich häufig nicht ohne Weiteres erkennen, ob ein Baum auf öffentlichem oder privatem Grund steht und ob jemand noch Pläne mit den Früchten hat. „Deshalb rate ich Menschen, die sich um Bäume kümmern, ein Schild an die Bäume zu hängen“, sagt Sabine Fortak. Sie ist Mitglied im Pomologen-Verein Niedersachsen Bremen, der sich für Erhalt und Pflege von Obstbäumen einsetzt. „Das läuft dann meistens sehr gut.“

Früher hatte fast jeder seine Orte, die zur Erntezeit regelmäßig inspiziert wurden. Aber die Zeiten, in denen alle Regale voll Marmelade und Apfelmus im Keller lagerten, sind vorbei, und mit ihnen ist auch das Wissen um die öffentlichen Obstbestände in Vergessenheit geraten. An diesem Punkt will die Internetseite Mundraub.org ansetzen. „Unser Ziel ist es, dass die Leute die eigene Umwelt neu entdecken und wertschätzen lernen“, sagt Mundraub-Mitarbeiter Konstantin Schroth.

Auf der Seite können die gut 20 000 bisher registrierten Nutzer Bäume auf einer Karte eintragen. Allerdings nur dann, wenn sie vorher überprüft haben, dass keine Eigentumsrechte verletzt werden. So wird das früher einmal gut gehütete Geheimnis, wo die besten Früchte zu bekommen sind, zum Allgemeinwissen im Internet.

Dass diese Initiative nicht nur auf positive Resonanz stößt, kann Sabine Fortak nicht verstehen: „Ich bin eine Freundin der Mundräuber.“ Die alten Leute, die gegen das Projekt schimpfen, sollten offen auf die jungen Leute zugehen. „Das ist eine neue Bewegung, die man in die richtigen Bahnen lenken kann“, sagt Fortak. So sei ihre Obstwiese fälschlicherweise gelistet gewesen, aber nach einem kurzen Kommentar wieder ausgetragen worden. „Vor den Mundräubern wurde auch schon geklaut.“

Die Früchte zu nutzen, sei dabei aber nur der erste Schritt, sagt Schroth. „Uns geht es um konkrete Projektarbeit.“ Zusammen mit Unternehmen, Behörden und Einzelpersonen will sich das Projekt für den Erhalt von Obstbäumen engagieren und kann erste kleine Erfolge vermelden. „Einige Städte und Behörden tragen ihre Bäume mittlerweile selber ein“, sagt Schroth. Und im Hasetal zwischen Osnabrück und Meppen haben sich 16 Gemeinden zur ersten Mundraub-Region zusammengeschlossen.

Auch die kleine Landstraße bei Verden hatte über Mundraub den Weg ins Internet geschafft – fälschlicherweise allerdings. Der Fachdienst für Straßen hatte sie nicht eingetragen und die Ernte auch nicht erlaubt. Mittlerweile hat alles wieder seine Richtigkeit: Der Eintrag ist entfernt, und die Straße ist nur noch eine schöne Obstallee, und kein Internet-Tipp für Obstliebhaber führt hier mehr her.

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