Vor 50 Jahren strandete das Frachtschiff „Pella“ vor Amrum / Zeitzeuge schreibt Buch über Unglück

Versunken und vergessen

Die „Pella“ war mit 135 Metern Länge ein stattlicher Frachtdampfer, bis zu jener Nacht, als sie vor der Küste Amrums strandete und keine 48 Stunden später auseinanderbrach. Anfangs noch Attraktion für Inselbewohner und Strandräuber, versank die „Pella“ immer tiefer im Sand und geriet nach und nach in Vergessenheit. 50 Jahre nach dem Unglück erinnert der Buchautor Clas Broder Hansen an die Geschichte der „Pella“.
12.10.2014, 00:00
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Von Swantje Friedrich
Versunken und vergessen

Zwei Tage, nachdem das Frachtschiff „Pella“ vor Amrum gestrandet war, brach es auseinander und versank langsam im Meer.

Clas Broder Hansen

Die „Pella“ war mit 135 Metern Länge ein stattlicher Frachtdampfer, bis zu jener Nacht, als sie vor der Küste Amrums strandete und keine 48 Stunden später auseinanderbrach. Anfangs noch Attraktion für Inselbewohner und Strandräuber, versank die „Pella“ immer tiefer im Sand und geriet nach und nach in Vergessenheit. 50 Jahre nach dem Unglück erinnert der Buchautor Clas Broder Hansen an die Geschichte der „Pella“.

Das Wasser kommt von unten und von oben. Es regnet in Strömen bei Windstärke acht. Plötzlich ein Donnerknall. Gegen 3.30 Uhr nachts bricht die vor Amrum gestrandete „Pella“ auseinander. Eine dramatische Rettungsaktion beginnt. 30 Anläufe braucht der Seenotkreuzer „Bremen“, um die Besatzung zu bergen. Ein Mann nach dem anderen springt von Bord des Wracks auf das rettende Schiff. Kurz nach Sonnenaufgang dann das Aufatmen: Die gesamte Mannschaft, 24 griechische Seeleute und ein holländischer Funker, wird zur sicheren Küste gefahren – vorbei an den beiden Schiffshälften, die nun parallel zueinander im Wasser treiben.

Der 135 Meter lange Frachter war am frühen Abend des 31. Juli 1964 vor Amrum gestrandet. Knapp zwei Tage später brach das Schiff auseinander, um dann allmählich im Meer zu versinken. Heute, rund 50 Jahre später, sieht man allenfalls ein Stück der Masten aus dem Meer ragen, etwa siebeneinhalb Seemeilen von der Inselküste entfernt.

Der Hamburger Buchautor Clas Broder Hansen hat das Wrack als kleiner Junge zusammen mit seinem Vater besucht. In seinem kürzlich veröffentlichten Buch „Gestrandet vor Amrum – Die Geschichte der ‚Pella‘“ erinnert er an das Schicksal des Unglücksfrachters. Monatelang hat Hansen recherchiert: in Archiven und bei Bewohnern der Nordfriesischen Insel, die zugleich sein Zweitwohnsitz ist. „Jedes Schiff ist ein Spiegel der Zeitgeschichte“, sagt Hansen.

Und die „Pella“, so ergaben seine Recherchen, hat turbulente Zeiten durchfahren, seit sie am 27. März 1943 in der kanadischen Kleinstadt Sorel als „Elm Park“ vom Stapel lief. Bis zum Kriegsende fuhr sie für die kanadische Regierung als Frachtschiff in Geleitzügen über den Atlantik, und entging nur knapp dem Angriff deutscher U-Boote. Die wertvolle Ladung blieb unversehrt: Stückgut, Fleisch, Getreide, Mehl und Munition. Nach dem Krieg kauften griechische Reeder das Schiff, das zuletzt unter libanesischer Flagge fuhr.

Als die „Pella“ am 22. Juli 1964 den Hafen der spanischen Stadt Cartagena verließ, hatte sie 10 026 Tonnen Eisenerz an Bord, das nach Bremen verschifft werden sollte. Doch auf dem Weg Richtung Weser kam der Frachter auf bis heute unerklärliche Weise stark vom Kurs ab. „Nach dem Unglück kursierten unter den Insulanern die wildesten Gerüchte“, sagt Broder Hansen. „Es hieß, der Reeder habe das Schiff absichtlich stranden lassen, um die Versicherungsprämie zu kassieren.“ Der Autor indes zeigt sich von derartigen Behauptungen nicht überzeugt. Man müsse bedenken, dass es damals keine Satellitennavigation gab und die Sicht am Unglückstag sehr schlecht gewesen sei.

Eine Bergung des auseinandergebrochenen Wracks wäre zu aufwendig und zu teuer gewesen – und so überließ man die „Pella“ dem Meer. Ganz zur Freude der Insulaner und Touristen, die die gestrandeten Schiffshälften bald als Ausflugsziel entdeckten und mit spannenden Geschichten aufs Festland zurückkehrten.

Neben den Geschichten brachten sie aber auch allerlei Dinge von Bord mit: Zigaretten, Schnaps, Baumaterial und Souvenirs, die noch heute einige Inselhäuschen schmücken. „Anscheinend ist jeder, der auf Amrum, den Halligen oder sonst irgendwo ein Boot hatte, hinausgefahren und hat irgendetwas abmontiert“, erzählt Broder Hansen.

Das Plündern des Wracks sei freilich nicht legal gewesen. „Auch wenn die Amrumer seit Jahrhunderten der Ansicht sind, Strandgut gehöre dem, der es findet.“ Die „Pella“ lag außerhalb der Dreimeilenzone – und damit außerhalb der Zuständigkeit deutscher Behörden, die erst eingreifen konnten, wenn die Beute deutsche Hoheitsgewässer erreichte. Der Eigner jedenfalls zeigte nach der Strandung kein Interesse mehr an seinem Schiff. „Ohne die Räuber wären all die schönen Dinge einfach versunken“, sagt Broder Hansen. Heute, da alle Schnäpse getrunken und alle Zigaretten geraucht sind, würden die ursprünglich wertlosesten Dinge den größten Wert besitzen, so der Autor. „Hinter jedem Messer, jeder Laterne und jeder Seekarte steckt die Geschichte eines Abenteuers

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