Die Fahrkarte ins Glück, sie steckt in einem großen, beigefarbenen Umschlag. „Houston. 11.15 PM“, steht in schwarzer Schrift auf dem Kuvert, das Maria Bonilla hütet wie einen Schatz. Um 23.15 Uhr geht der Greyhound-Bus, der sie in die texanische Millionenstadt bringt, zu einem Onkel, bei dem sie wohnen kann. Solange, bis ein Richter entscheidet, wie lange ihr Glück währt. Ob sie mit Fernando, ihrem elf Monate altem Sohn, Asyl erhält. Oder abgeschoben wird, zurück über den Rio Grande nach Mexiko.
„Wenn sie mich deportieren, dann war‘s das“, sagt Maria Bonilla und zeigt auf den Jungen, dessen kränklich blasses Gesicht in auffälligem Kontrast steht zu seinen pechschwarzen Locken. „Noch einmal tue ich ihm das nicht an, diese Fahrt durch die Hölle.“ 15 Tage war Maria Bonilla unterwegs. Von La Union, ihrer Heimatstadt in El Salvador, ging es durch Guatemala, dort irgendwo auf ein Fischerboot, um die Südgrenze Mexikos auf dem Meer zu umgehen. Zu neunt waren sie, darunter fünf Kinder, alle nass bis auf die Knochen. Alle seekrank. „Ich hatte solche Angst, dass Fernando stirbt“, sagt Maria. Von Südmexiko fuhren sie in Bussen gen Norden, schließlich auf einem Floß über den Rio Grande, wo sich Maria Bonilla den Grenzschützern der Border Patrol stellte.
Ein paar Tage verbrachte die 23-Jährige in einer zugigen Lagerhalle, einer Notunterkunft der Einwanderungsbehörde. Ihr Fall wurde geprüft, man fand, dass sie Anspruch auf ein ordentliches Verfahren hatte, statt zurückgeschickt zu werden.
Szenenwechsel. Falfurrias, eine schäbige Kleinstadt im bettelarmen Brooks County, liegt 90 Kilometer nördlich vom Rio Grande, in einer Stunde zu erreichen auf einem dreispurigen Highway. Es sei denn, man reist ohne gültige Papiere und muss dem Checkpoint der Border Patrol vor Falfurrias ausweichen. Überwachungskameras, Drogenspürhunde, strenge Kontrollen. Auf einer Tafel meldet Brooks County seine Erfolge: Seit Januar wurden 80 631 Pfund Rauschgift konfisziert und 32 974 illegale Immigranten verhaftet.
Luis Reyes weiß sie einzuordnen, die fünfstelligen Zahlen. Von den armen Teufeln, die mit einem positiven Richterbescheid gar nicht erst rechnen und deshalb mit den Schleppern durch die Halbwüste ziehen, werden neun von zehn nicht gefasst. 45 bezahlten den Trip allein in diesem Jahr mit ihrem Leben, die 45, deren Leichen man fand – in Wahrheit sind es wahrscheinlich viel mehr.
Reyes quält sich durchs Gestrüpp, er ist übergewichtig. Nach drei Minuten steht er schweißüberströmt auf einer Lichtung zwischen stachligen Mesquite-Sträuchern. In den Dornen haben sich eine schwarze Lederjacke und ein Fußballtrikot verhakt. Im Gras liegen leere Plastikwasserflaschen, schwarz bemalt, damit sie nachts das Licht der Suchscheinwerfer der Grenzschutzhelikopter nicht reflektieren. Hier hat sich ein Schleuser mit seiner Gruppe versteckt, bis vorn auf der Landstraße das Auto hielt, das sie nach Houston bringen sollte. Vorausgegangen war ein quälender Fußmarsch, drei Tage, schätzt Reyes. Um einen Bogen um den Checkpoint zu machen, lassen die Schmuggler ihre menschliche Fracht ein paar Kilometer davor aus den Autos steigen. Irgendwo dahinter lesen andere sie wieder auf. „Big Business“, sagt Reyes, „straff organisiert, nach exakten Fahrplänen“. Wer nicht mithält, den lassen die Coyotes, die Schlepper, zurück.
Reyes kennt die Tragödien, er muss die Leichen derer aufsammeln, die es nicht schaffen. „Ich verstehe, warum die Leute kommen. Jeder hat seine Gründe“, sagt er. „Aber die Coyotes, denen geht es nur um den schnellen Reibach.“ Verantwortungslos gaukelten sie einen Katzensprung nach Houston vor, wo es die reinste Tortur sei.
Spätabends, auf der nächsten Patrouillenschicht, zeigt Reyes‘ Kollege Elias Pompa schockierende Fotos, gespeichert auf seinem iPhone. Aufgedunsene, blaufleckige Gesichter. In einem Fall nur noch ein Skelett. Pompa versteht sich als Retter. Gelingt es ihm, einen Wagen der Schleuser zu stoppen, bevor der Trupp seinen Marsch durch die Einöde beginnt, erspart er manchem vielleicht den Tod. Mit geübtem Auge liegt er auf der Lauer, auf dem Mittelstreifen der Autobahn, und mustert die Fahrzeuge, die vorbeirauschen. Liegt eines zu tief, scheint es zu schwer beladen, schöpft Pompa Verdacht. In ihre Pkw, weiß er, quetschen die Coyotes bisweilen acht Erwachsene, in einen Pick-up mehr als zwanzig. „Officer 807, nehme Verfolgung auf“, meldet Pompa seinem Dispatcher und bleibt einem Nissan dicht auf den Fersen. Diesmal ist es falscher Alarm.
Maria Bonilla hat den Coyotes achttausend Dollar gezahlt, viertausend für sich, viertausend für Fernando – auf Pump finanziert. Ihr Mann, der auf dem Markt von La Union Fische anbietet, soll nachkommen, sobald der Kredit abgezahlt ist, erzählt sie. Sie selber besaß einen kleinen Laden und biss sich durch, bis die Bande, die alle zwei Wochen 25 Dollar Schutzgeld kassierte, noch höhere Summen verlangte. In anderen Familien waren Kinder entführt wurden, Maria wusste also, was ihr blühte, falls sie sich sträubte.