Direkt am Gleis Wohnen im Bahnhof

Seit 1991 gehört das Bahnhofsgebäude in Ottersberg einem Kulturverein, der es nach und nach in Wohnraum umgewandelt hat. 17 Menschen leben derzeit dort.
21.01.2018, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ilias Subjanto

Es dauert 17 Minuten von Bremen bis in die niedersächsische Abgeschiedenheit. So lange benötigt die Regionalbahn 41, um die 23 Kilometer vom Bremer Hauptbahnhof zum Flecken Ottersberg zurückzulegen. Die Haltestelle heißt „Ottersberg (Han)“, das „Han“ steht für das historische Land Hannover. Wer hier aussteigt und einige Minuten wartet, bis die Regionalbahn davongerauscht ist, befindet sich inmitten geisterhafter Stille.

Der Bahnhof wurde 1876 in einiger Entfernung zum Ortskern erbaut, weil vor allem die Kirche Vorbehalte gegen das neuartige Transportmittel Eisenbahn hatte. Die Gemeinde zählt heute knapp 12 500 Einwohner; über die Ottersberger Grenzen hinaus bekannt ist das Einkaufszentrum Dodenhof im Ortsteil Posthausen und die „Hochschule für Künste im Sozialen“. Ansonsten ist in Ottersberg nicht viel los, vor allem nicht im Ortsteil Ottersberg-Bahnhof südlich der Wümme.

Dem Bahnhof gegenüber stehen ein Geschäft für Tierzuchtgeräte, ein Reisebüro und ein Geschenkartikelladen. Dann gibt es noch ein kleines Gewerbegebiet, eine Bäckerei und viele Wohnhäuser. Der nächste Supermarkt ist zwei Kilometer entfernt, bis zur Hochschule braucht man zu Fuß länger als eine halbe Stunde. Trotzdem ist die Ottersberger Haltestelle kein heruntergekommener Geisterbahnhof, stündlich halten hier Züge von Bremen nach Hamburg und in entgegengesetzter Richtung.

Zudem wurde der Bahnhof 2015 mit großem Aufwand barrierefrei umgebaut. Aus dieser Zeit stammen auch die abschließbaren blauen Fahrradboxen und die Park-&-Ride-Anlage. Inmitten des Bahnhofsgeländes, direkt am Gleis 1, steht das ehemalige Bahnhofsgebäude, das seit 1991 den „Kulturverein Bahnhof e. V. – Initiative für neues Wohnen“ beherbergt. Durch Spenden, Kredite, Bürgschaften und eine Leih- und Schenkgemeinschaft konnte der von Studierenden der Hochschule Ottersberg gegründete Verein damals das Bauwerk kaufen und es zum Wohnraum umbauen.

Auch sind die Bewohner für die Bewahrung der Bausubstanz und die Verwaltung des denkmalgeschützten roten Backsteingebäudes verantwortlich. 17 Bewohner gibt es derzeit, mehr als die Hälfte von ihnen sind Studierende an der Ottersberger Hochschule. Auch Christoph Pauger und seine Kommilitonin Sama Mousavimofakhar – die beiden Mittzwanziger belegen den Master-Studiengang „Kunst und Theater im Sozialen“. Die Gemeinschaft möchte jedoch nicht als reines „Studentenwohnheim“ wahrgenommen werden, zumal der Anteil der Studierenden unter ihnen in den vergangenen Jahren stetig abgenommen hat.

Die vier Wohnbereiche im Gebäude haben ulkige Namen: Urzelle, Basis, Turm und die englisch ausgesprochene Enterprise. Jeder dieser Wohnbereiche stellt eine Wohngemeinschaft mit vier bis fünf Bewohnern dar. Sama Mousavimofakhar lebt im Turm, dem renovierten Dachstuhl des Bahnhofsgebäudes, Christoph Pauger ein Stockwerk tiefer in der Enterprise. Bunte Vorhänge und liebevoll zusammengebaute Möbelstücke dekorieren die verwinkelten Räume – man sieht es dem zeitlosen Interieur an, dass hier Kunststudierende leben.

Viel Holz, hohe Decken, lange Flure: Würde man einen Film über eine Künstlerkommune der 1970er oder 80er drehen wollen, wäre dies der richtige Platz. Mobiliar von Ikea sucht man vergeblich. Und trotz aller alternativen und kunstsinnigen Ästhetik ist es vor allem jugendlich-heimelig. Auch Unerwartetes hat das Gebäude zu bieten: Stolz präsentieren Pauger und Mousavimofakhar die gusseiserne Dachbodenleiter, die den
Turm mit der Enterprise verbindet. „So spart man sich den Weg durchs Treppenhaus“, lacht Christoph Pauger, schwindelfrei sollte man allerdings schon sein.

Im Erdgeschoss wurde die ehemalige Bahnhofskneipe zur Bar umgebaut, die nun immer zu den Kulturveranstaltungen geöffnet ist. Im Organisationsbüro des Vereins, das früher das Kabuff des Stationsleiters war, hat das einzige Haustier sein Zuhause: ein Kater mit dreifarbig geschecktem Fell und dem schönen Namen „Sharan“.

In der Güterhalle ist ein Basketballkorb an einem Dachbalken und einer Konstruktion aus Holzpaletten befestigt; ansonsten steht der über 100 Quadratmeter große Raum leer. Dessen maroder Zustand soll in diesem Jahr beseitigt werden: Geplant ist eine Sanierung samt Umbau zu einer zeitgemäßen Veranstaltungsstätte. Für dieses Großprojekt hat der Bahnhofsverein bereits entsprechende Fördergelder bei der Europäischen Union beantragt. Der Keller wurde schon an die Bedürfnisse der Bewohner angepasst, Bastel- und Werkstatträume wurden im Untergeschoss eingerichtet, auch steht dort ein modernes Blockheizkraftwerk.

In der gemütlichen Küche des Wohnbereichs Enterprise berichten der Österreicher Pauger und die gebürtige Iranerin Sama Mousavimofakhar bei einem Kaffee über die drei Säulen, die die Gemeinschaft zusammenhalten und die den größten Unterschied zu einer herkömmlichen Zweck-WG ausmachen. „Die erste Säule ist ‚Kunst und Kultur‘. Als Mitbewohner lebt man hier nicht nur, man beteiligt sich auch an den Veranstaltungen, die wir ausrichten“, erzählt Pauger.

Regelmäßig finden in den „Kultur-Freiräumen“ des Bahnhofsgebäudes Events aus den Bereichen Theater, Ausstellungen und Konzerte statt. Für Sama Mousavimofakhar ist die zweite Säule die wichtigste, das „geschwisterliche Wohnen.“ Vor allem das Achtgeben aller auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten jedes Einzelnen stehe hier im Vordergrund. Pauger legt auf die dritte Säule besonderen Wert: Den „Freikauf von Grund und Boden“ mit der Idee, dass Wohnraum nicht in Privateigentum übergehen sollte, sondern von den Menschen nur verantwortungsvoll genutzt werden kann. Da im Ottersberger Bahnhof kein klassisches Mieter-Vermieter-Verhältnis existiert und die Bewohner das Gebäudemanagement selbst übernehmen, ist das Wohnen ziemlich günstig: Eine Miete gibt es nicht, alle laufenden Kosten deckt eine Monatspauschale von 160 Euro pro Bewohner ab.

An diesem Abend findet die wöchentliche Haussitzung statt, eine öffentliche Diskussionsrunde der Bewohner für interne Themen und darüber hinaus. Dafür wird in der Mitte des Saals, der einst die Wartehalle des Bahnhofs war, ein Stuhlkreis gebildet. Normalerweise finden hier Kulturveranstaltungen statt: An der Decke hängen Scheinwerfer und eine Diskokugel, in der Ecke stehen eine Beschallungsanlage und ein Klavier.

Draußen zischt ein Güterzug vorbei, entfernt ist das Quaken der Lautsprecherdurchsage zu hören. Die Haussitzung startet mit einer Befindlichkeitsrunde, bei der die 13 anwesenden Bewohner erzählen, was sie gerade umtreibt. Anschließend werden Tagesordnungspunkte gesammelt. Gemäß der Säule des „geschwisterlichen Wohnens“ trifft die Gemeinschaft Entscheidungen nach dem „basisdemokratischen Prinzip des Konsens“, was zwangsläufig zu zeitintensiven Diskussionen führt. Als um 21.47 Uhr der Zug Richtung Bremen abfährt, ist nach knapp zwei Stunden Haussitzung erst die Hälfte der Agenda abgearbeitet.

Die Bewohner scheinen sich an dieser Diskussionskultur nicht zu stören, zumindest verfährt die Gemeinschaft seit bald 30 Jahren auf diese Weise. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es im Jahr 2026, wenn der Bahnhof Ottersberg seinen 150. Geburtstag feiert, immer noch so sein wird.

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