Made in Niedersachsen: Lilienthaler Teichert Systemtechnik GmbH entwickelt Lösungen in der Sensortechnologie

Rettung vor dem Untergang

Unscheinbar sieht die neueste Entwicklung aus, die in einer Firma in der Gemeinde Lilienthal am Bremer Stadtrand entstanden ist. Eigentlich ist es „nur“ eine Röhre mit einem Durchmesser von knapp acht Zentimetern. Aber das ist nur die Hülle. Das Innere ist mit außergewöhnlicher Technik bestückt, die in Fachkreisen für Aufsehen sorgt. Denn was Entwickler Jens Teichert in Händen hält, kann Schiffe vor dem Untergang, Flugzeuge vor dem Absturz und Windräder vor Ausfällen bewahren. Die Wirkung des Geräts fußt auf Sensorik.
15.06.2014, 00:00
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Von Klaus Göckeritz
Rettung vor dem Untergang

Die Sensoren von Jens Teichert gibt es in verschiedenen Ausführungen. In der Fachwelt haben sie vielfach für Aufsehen gesorgt.

Klaus Göckeritz

Unscheinbar sieht die neueste Entwicklung aus, die in einer Firma in der Gemeinde Lilienthal am Bremer Stadtrand entstanden ist. Eigentlich ist es „nur“ eine Röhre mit einem Durchmesser von knapp acht Zentimetern. Aber das ist nur die Hülle. Das Innere ist mit außergewöhnlicher Technik bestückt, die in Fachkreisen für Aufsehen sorgt. Denn was Entwickler Jens Teichert in Händen hält, kann Schiffe vor dem Untergang, Flugzeuge vor dem Absturz und Windräder vor Ausfällen bewahren. Die Wirkung des Geräts fußt auf Sensorik.

Jens Teichert sitzt in seinem Büro an der Lilienthaler Entlastungsstraße und blickt ins Grüne. Hier hat sich der Diplom-Ingenieur beste Bedingungen geschaffen, um über neue Entwicklungen nachzudenken und sie in der eigenen Fertigung mit Labor und Werkstatt in die Tat umzusetzen. Wie aktuell den innovativen Formensensor für große Objekte, der zum Beispiel auf Schiffen eingesetzt wird. „Das in einer Röhre installierte Sensorsystem erstellt ein dreidimensionales Modell der Form- und Lageausprägung eines länglichen Objekts“, beschreibt der Lilienthaler Unternehmer das Prinzip.

Was zunächst sehr theoretisch klingt, hat einen großen praktischen Nutzen. Die eingebaute Technik registriert mit Hilfe von Lasermessstrecken jede Form- und Lageänderung des Schiffskörpers, kann Schwingungen erfassen und Beanspruchungsanalysen erstellen. Die mit der Sensortechnik ermittelten Daten liefern der Schiffsführung verlässliche Informationen, wenn der Schiffskörper in stürmischer See über Gebühr beansprucht wird und Gefahren für Mannschaft, Schiff und Ladung drohen. Werden Werte überschritten, liefern Sensoren nebst dazugehörender Software entsprechende Warnungen, auf die der Kapitän reagieren kann.

Möglichen Schaden verhindern

„Er kann die Geschwindigkeit reduzieren oder den Kurs ändern, um Schäden oder gar eine Katastrophe abzuwenden“, erklärt Jens Teichert. Die zwei bis sechs Meter langen Röhren können in beliebig großer Stückzahl zusammengesetzt werden und in Versorgungsschächten eingebaut werden. Vom Bug bis zum Heck, über Distanzen von einhundert, zweihundert oder noch mehr Metern.

Die Sensortechnik lässt sich aber auch bei der Beladung von Schiffen einsetzen. Werden die Lasten falsch verteilt und wird die Statik des Schiffes über das zulässige Maß hinaus belastet, lässt sich auch hier möglicher Schaden erkennen und verhindern.

„Formsensorik für große Objekte lässt sich nicht nur in der Schifffahrt einsetzen“, sagt der Diplom-Ingenieur Elektrotechnik und promovierte Informatiker Jens Teichert. Seine Sensoren können die Bewegungen von Flugzeugteilen wie Tragflächen erfassen und in Programmen verarbeiten. Einsatzgebiete sind auch große Baukräne oder Brückenbauwerke, die permanent überwacht und deren Belastung analysiert werden. So lassen sich auch hier Schäden eher erfassen und Wartungsintervalle besser planen. Überwacht werden können aber auch Rotorblätter von Windkraftanlagen oder hohe Gebäude. „Man kann Windlasten oder auch seismische Einflüsse erfassen, bei Hochhäusern ist eine einfache Montage des Sensorsystems im Fahrstuhlschacht möglich.“

Das Ende 2011 gegründete Unternehmen hat mit seinen Entwicklungen in der Fachwelt für Aufsehen gesorgt. Nicht nur für seinen Röhrensensor, sondern auch für einen kabelartigen Formensensor, der ähnlich wie ein Endoskop für den industriellen Einsatz erdacht wurde und eingesetzt wird. „Anwendungen für den kabelartigen Formensensor ergeben sich überall dort, wo flexible Verbindungen wie bei Kabelpaketen oder Tankschläuchen überwacht werden müssen“, erklärt Firmenchef Jens Teichert.

Für Industrieroboter entstehen teure Ausfallzeiten häufig dann, wenn sie ihre eigenen Kabelverbindungen abreißen. Ein Roboter mit Formensensor in der Kabelschleppe kann gestoppt werden, bevor ein Schaden entsteht. Der Sensor kann aber auch zum Führen von schweren Maschinen genutzt oder bei manuellen Klebevorgängen in der industriellen Fertigung eingesetzt werden. Bei Montagearbeiten kann ein Drehmomentschlüssel für verschiedene Schrauben unterschiedliche Drehmomente einstellen und die Arbeiten auch dokumentieren.

Verschwiegenheit über Details

Über die Details seiner Sensortechnik schweigt sich der Lilienthaler Unternehmer aus Wettbewerbsgründen verständlicherweise aus. Doch soviel verrät er zum Hintergrund: In den kabelartigen Formensensoren sind Folien gewickelt, deren Abstände sich bei Bewegung verändern. Die Daten werden optisch erfasst und an einen Computer weitergeleitet, der sie auswertet und zu einem virtuellen Modell „zusammenbaut“.

Jens Teichert ist von der Interaktion zwischen Mensch und Computer fasziniert. Teichert hat am Heidelberger European Media Laboratory gelernt, über den Tellerrand zu schauen. Das private Institut des SAP-Gründers Klaus Tschira beschäftigt sich mit anspruchsvollen Forschungsthemen in der Informatik. Im Anschluss hat Jens Teichert am Bremer Technologie-Zentrum gearbeitet, bevor er vor drei Jahren die Teichert Systemtechnik GmbH (TST) mit den Schwerpunkten Elektronik, Optik, Sensorik und Software ins Leben rief. Neben den Eigenentwicklungen bietet TST aber auch Entwicklungsleistungen für regionale Kunden an.

Der Markt verfolgt die Produkte und Ideen „Made in Lilienthal“ mit großem Interesse. Mehr noch: TST wurde in der jüngeren Vergangenheit mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erhielt die Teichert Systemtechnik vom Verband für Sensorik und Messtechnik (AMA) den Innovationspreis 2014 in der Kategorie Junges Unternehmen. Der AMA-Innovationspreis zählt zu den renommiertesten Preisen in der Sensorik und Messtechnik. In diesem Jahr bewarben sich 35 Forscher- und Entwicklerteams aus dem In- und Ausland. „Eine Auszeichnung, auf die ich besonders stolz bin“, so Jens Teichert.

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