„Scharfer Löwe“ – Likör aus Löwenzahn selbst gemacht

Löwenzahn, Giersch oder Vogelmiere: Bei manchem Kleingärtner gelten diese Wildkräuter als Unkraut und landen auf demKomposthaufen. Richtig zubereitet, können sie aber den Speiseplanin der Küche bereichern.
03.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Melanie Öhlenbach
„Scharfer Löwe“ – Likör aus Löwenzahn selbst gemacht

Abgefüllt: Ein „Scharfer Löwe“ aus Löwenzahnblüten und Spitzwegerich, für die feurige Note sorgt der Chili.

Christina Kuhaupt

Löwenzahn, Giersch oder

Vogelmiere: Bei manchem Kleingärtner gelten diese

Wildkräuter als Unkraut und landen auf dem

Komposthaufen.

Richtig zubereitet, können sie aber den Speiseplan

in der Küche bereichern.

L öwenzahn ist ein Alleskönner. Jedes Teil lässt sich verarbeiten: die Blätter zu Salat, die getrockneten Wurzeln zu Kaffeeersatz, die Knospen als Kapern und die Blüten zu Brotaufstrichen, Gelee und Sirup. Bettina Burfeind setzt die sonnengelben Blütenblätter am liebsten mit Alkohol auf. Zwei Wochen lang ziehen sie in einem Gemisch aus Wodka und weißem Kandiszucker, danach kommen noch Zitrone und Chili dazu – fertig ist ihr „Scharfer Löwe“, ein süßer Likör mit feuriger Note. „Es ist echt schade, dass Löwenzahn als Unkraut verschrien ist. Ich liebe diese gelben Tupfen auf einer grünen Wiese“, sagt Burfeind.

Als studierte Agraringenieurin weiß sie aber auch, dass Löwenzahn bei Landwirten und Gartenbesitzern nicht gern gesehen wird. Die Blattrosetten machen die Grasnabe kaputt, die Wurzeln reichen bis zu zwei Metern tief ins Erdreich und machen es schwierig, dem ungewollten Kraut den Garaus zu machen. Und dann sind da noch die fliegenden Samen, die sich dank ihrer Schirmchen schnell verbreiten.

Doch statt sich drüber zu ärgern, schlägt Bettina Burfeind einen anderen Weg ein: Warum nicht nutzen, was die Natur bietet – vor allem wenn es lecker schmecken kann? Auf Seminaren gibt die Bremerin, die sich an der Heilpflanzenschule Verden zur Heilpflanzenexpertin hat ausbilden lassen, ihr Wissen an Kinder und Erwachsene weiter. Besonderen Wert legt sie darauf, das Aussehen der Pflanzen zu erklären. Denn nicht alles, was auf den ersten Blick wie Löwenzahn und Bärlauch aussieht, ist auch tatsächlich genießbar. „Man sollte nur das pflücken, was man auch zweifelsfrei kennt. Alles andere sollte man besser stehen lassen, über das Jahr beobachten und genau bestimmen“, rät die Heilpflanzenexpertin.

Richtig bestimmt, können die essbaren Wildpflanzen vielseitig in der Küche eingesetzt werden. Salat ist dabei nur eine Variante. Aus Brennnesseln und Gänseblümchen kann man unter Zugabe von Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren eine frühlingshafte Suppe zubereiten, die sich auch optisch gut auf dem Teller macht. Die jungen Blätter und die Triebe der Knoblauchrauke verfeinern mit ihrem angenehmen Knoblauchgeschmack Gemüsegerichte, Kräuterquark und Kräuterbutter. Und mit einer Kombination aus klein geschnittenen Wurzeln des Spitzwegerichs sowie Paprika und Tomaten lassen sich Teigtaschen füllen. „Die Wurzeln haben einen angenehmen champignonartigen Geschmack“, schwärmt Bettina Burfeind.

Die wild wachsenden Zutaten sind nicht nur lecker, sie enthalten oft auch mehr Vitalstoffe als übliches Gemüse und Salat, weiß Stefanie Seling-Stoll. „Wildkräuter enthalten insbesondere Beta-Carotin, Vitamin C, Kalium, Magnesium, Kalzium und Eisen sowie unglaublich viele Mengen an sekundären Pflanzenstoffen wie Polyphenole, Flavonoide und Terpene“, erläutert die Ernährungstherapeutin, die in der Überseestadt die Bremer KochLust betreibt. „Diese Stoffe haben eine gesundheitsfördernde Wirkung, wirken basisch, stabilisieren das Immunsystem und beugen Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor.“

Sie empfiehlt, die Blätter und Triebe besonders jung zu ernten, gründlich zu waschen und frisch weiterzuverarbeiten. „Im Frühjahr schmecken Wildkräuter am besten, die Triebe sind noch jung und nicht verholzt.“ Aber auch den sich später bildenden Bitterstoffen kann Stefanie Seling-Stoll viel abgewinnen: „Sie können die Verdauung unterstützen, das Immunsystem anregen, antibakteriell und entzündungshemmend wirken oder den Cholesterinspiegel senken.“

Dass einige Wildkräuter eine medizinische Wirkung besitzen, ist schon lange bekannt. So soll beispielsweise Vogelmiere das Immunsystem stärken, Brunnenkresse dagegen entwässern, Schleim lösen sowie Nieren, Leber und Darm anregen. Brennnessel-Tee gilt als harntreibend. Und Spitzwegerich soll als Tinktur juckende Haut oder Insektenstiche lindern und als Sirup Husten lösen. Gerade wegen dieser medizinisch-wirksamen Substanzen sollen die Pflanzen aber auch nicht übermäßig verzehrt werden. Denn sonst kann sich die positive Wirkung ins Gegenteil verkehren: Waldmeister zum Beispiel soll in der richtigen Dosierung bei Kopfweh und Migräne helfen. Zuviel davon ruft aber ebensolche Schmerzen erst hervor.

In Maßen genossen, können Wildkräuter aber eine genussvolle Ergänzung sein – vor allem im Frühjahr, wenn heimisches Gemüse und heimischer Salat noch nicht reif für die Ernte ist. „Garten und Wiesen bieten Essbares in Hülle und Fülle“, sagt Stefanie Seling-Stoll, „man muss nur die Augen aufmachen.“

Bettina Burfeind muss in ihrem Garten allerdings inzwischen schon etwas genauer hinsehen, wenn sie noch etwas finden will. Vor allem Giersch ist Mangelware, weil sie ihn immer wieder erntet. Die Blätter dünstet sie wie Spinat mit Knoblauch und Zwiebeln an, verwendet sie gehackt in Kräuterquark oder grünen Brötchen und stellt daraus erfrischende Limonaden sowie Magenbitter her. Ihre Empfehlung bei zu viel Unkraut im Gemüsebeet: „Nicht ärgern, essen!“

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