Steine zum Navigieren

Die mittelalterlichen Wikinger waren auf dem Gebiet des heutigen Norwegens ebenso zu Hause wie auf dem Schwedens, Finnlands und Dänemarks. Von Skandinavien aus reisten sie mit ihren Schiffen zu weit entfernten Zielen, darunter England, Spanien und Grönland.
02.05.2017, 00:00
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Steine zum Navigieren
Von Jürgen Wendler

Die mittelalterlichen Wikinger waren auf dem Gebiet des heutigen Norwegens ebenso zu Hause wie auf dem Schwedens, Finnlands und Dänemarks. Von Skandinavien aus reisten sie mit ihren Schiffen zu weit entfernten Zielen, darunter England, Spanien und Grönland. Weil sie über keine Magnetkompasse verfügten, mussten sie sich anderer Hilfsmittel bedienen, um sich zu orientieren. Wie sie es schafften, an ihre Ziele zu gelangen, ist eine Frage, die in den vergangenen Jahren zahlreiche Forscher beschäftigt hat. Bei der Suche nach Antworten haben sie unter anderem Erkenntnisse über die sogenannten Sonnensteine gewonnen: Steine, mit deren Hilfe sich die Position der Sonne auch dann feststellen lässt, wenn sie sich hinter Wolken verbirgt oder knapp unter dem Horizont steht. Hinweise darauf, dass die Wikinger solche Steine genutzt haben könnten, liefern schriftliche Quellen aus dem Mittelalter.

Licht ist elektromagnetische Strahlung, und die Lichtwellen haben die Eigenschaft, dass sie in unterschiedliche Richtungen schwingen können. Schwingungen in bestimmte Richtungen verbinden Fachleute mit dem Ausdruck Polarisation. Wenn Licht Islandspat durchdringt, eine durchsichtige Form von Kalzit, die in Skandinavien sehr häufig ist, wird es gespalten, sodass ein Doppelbild entsteht. In welchem Verhältnis die unterschiedliche Helligkeit der beiden Bilder zueinander steht, hängt von der Polarisation des Lichts ab. Das bedeutet: Seefahrer haben die Möglichkeit, einen solchen Stein so lange unterschiedlich auszurichten, bis sie das Verhältnis bekommen, das die Position der Sonne verrät. Dass das Verfahren tatsächlich funktioniert, haben auch Versuche gezeigt, die der frühere Leiter des Bremer Olbers-Planetariums, Dieter Vornholz, mit Sonnensteinen gemacht hat.

Dass in früheren Zeiten tatsächlich solche Steine von Seeleuten mitgeführt wurden, belegt ein entsprechender Fund aus dem Wrack eines britischen Kriegsschiffs, das Ende des 16. Jahrhunderts vor der Kanalinsel Alderney gesunken war. Sonnensteine auf Wikingerschiffen sind bislang nicht entdeckt worden. Die Wikinger haben nicht nur durch Handel, sondern vor allem auch durch ausgedehnte Raubzüge von sich reden gemacht. Als wichtiges Datum in ihrer Geschichte gilt das Jahr 793. Damals plünderten Wikinger aus Norwegen ein Kloster auf der Insel Lindisfarne vor der Küste Nordostenglands. Bis ins elfte Jahrhundert unternahmen Wikinger wiederholt Raubzüge nach England und griffen selbst Städte am Mittelmeer an. Außerdem siedelten sich viele von ihnen in anderen Gebieten an, so etwa auf den Britischen Inseln, Island und Grönland. Die Besiedlung Grönlands begann Ende des zehnten Jahrhunderts. Im südwestlichen Teil der Insel entstand die sogenannte Ostsiedlung, etwa 650 Kilometer weiter nördlich die Westsiedlung. Auf dem Höhepunkt der Besiedlung, das heißt etwa zwischen 1300 und 1350, sollen mehrere Tausend Menschen in den beiden Siedlungen gelebt haben.

Die weiten Seereisen waren möglich, weil die Wikinger gute Naturbeobachter waren und viele ihrer Erkenntnisse auch zur Orientierung auf See nutzen konnten. So dienten ihnen wahrscheinlich der Verlauf der Wellen, die Schwimmrichtung kleiner Wale und die Flugrouten von Seevögeln als Anhaltspunkte. Die Wikinger lebten vom Fischfang und jagten Seehunde, Walrosse und Wale. Aus Walrosshaut fertigten sie Schiffstaue. Wale lieferten ihnen neben Fleisch auch Tran und Häute. Die Bauern unter den Wikingern bauten unter anderem Gerste, Roggen und Hafer an. Sie zogen Kohl, Bohnen und Zwiebeln und sammelten Kräuter, Pflanzen und wilde Früchte. Außerdem hielten sie Schweine, Schafe, Rinder, Ziegen und Pferde. Davon, dass die Wikinger Meister im Schiffbau waren, zeugen zahlreiche archäologische Funde. So entdeckten Forscher unter anderem ein Kriegsschiff mit einer Länge von etwa 28 und einer Breite von vier Metern, das über rund zwei Dutzend Ruderpaare verfügte. Bei ihm handelte es sich um ein sogenanntes Langschiff, einen Typ von Kriegsschiff, der besonders gefürchtet war.

Mit dem Leben der grönländischen Wikinger hat sich in den vergangenen Jahren neben anderen auch der Geografie-Professor Jörg-Friedhelm Venzke von der Universität Bremen befasst. Wie er in einer Fachveröffentlichung dargelegt hat, spielte dort die Milchviehwirtschaft eine bedeutende Rolle. Die Nahrungsgrundlage für die Kühe hätten Sommerweiden, die etwa drei Monate im Jahr genutzt worden seien, und Heuwiesen geliefert. Außerdem seien Kabeljau gefangen, Rentiere, Robben und Vögel gejagt worden. „Brotgetreide konnte aus klimatischen Gründen nicht angebaut werden. Allerdings wurden die Beeren von Zwergsträuchern und krautigen Pflanzen wie zum Beispiel Engelwurz sowie Islandmoos und Tang als Vitaminquelle, Nahrungsergänzung und Heilmittel genutzt“, schreibt der Bremer Wissenschaftler. In den Sommermonaten seien Wikinger in den Norden Westgrönlands gezogen, um unter anderem Jagd auf Narwale und Walrosse zu machen. Mit deren Elfenbein sei Handel getrieben worden.

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