Kärnten abseits vom Skitrubel Stimmungsvolle Naturberührungen

Am Millstätter See gibt es im Winter abseits der Pisten Flanierrouten, Käsereien und Ruhe zu entdecken
11.02.2019, 15:36
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Stimmungsvolle Naturberührungen
Von Hendrik Werner

Millstatt am See. Wenn Schnee und Hagel auf jenes Gewässer niedergehen, das seiner Farbe wegen als Kärtner Juwel gilt, mögen die erhabenen Berge ringsum noch so laut und lockend rufen. Sie bleiben weithin ungehört. Denn an winterlichen Tagen mit schauriger Anmutung läuft ihnen in der Publikumsgunst zuverlässig ein geschützter Ort den Rang ab, von dem aus der wasserreichste und mit
140 Metern tiefste See des österreichischen Bundeslandes besonders stimmungsvoll zu erleben ist: Im 2013 eröffneten Badehaus am Millstätter See lassen sich Wellness- und Naturbegehrlichkeiten aufs Schönste verbinden. Auf drei Ebenen und knapp 4000 Quadratmetern bietet das architektonische Kleinod, das in traditioneller Holzbauweise und ökologischer Passivhausqualität errichtet wurde, spektakuläre Ausblicke in alle Himmelsrichtungen.

Furchtlose (und im Idealfall überdies fröstelfreie) Zeitgenossen können für einen Probe-Dipp direkt aus der Vollmondsauna oder vom behaglich warmen Infinity Pool aus in den See wechseln. Wenn ihnen dann etwas um die Beine streichen sollte, das sich lebendig anfühlt, dürfte es sich um einen angestammten Bewohner handeln: Denn der Fischreichtum des Millstätter Sees ist ähnlich sprichwörtlich wie die Fama, nach der Gewässer und Ort ihren sprechenden Namen von einem Edelmann bezogen haben, der nach seiner Bekehrung zum Christentum 1000 heidnische Statuen (mille statuae) versenkt haben soll.

Auch als Begründer der Kirche von Millstatt gilt besagter Herzog Domitian. Das Gotteshaus, ungefähr zehn Bibelwürfe vom Wellnesstempel entfernt, bildet mit den sakralen Gebäuden eines ehemaligen Stifts ein prachtvolles Ensemble, das Sommerresidenzen aus der Gründerzeit flankieren. Zu dem um das Jahr 1077 gebauten Stift, einem Meisterwerk der Romanik, zählen ein sehenswertes Museum, ein imposanter Kreuzgang und ein traumhaft schöner Klostergarten.

Dank zahlloser Palmen, Sonnenterrassen und Restaurants verströmt die von Skulpturen gesäumte Uferpromenade in Millstatt selbst an verhagelten Tagen südliches Flair. Eingedenk der Nähe Kärntens zu Slowenien und Italien kann das kaum verwundern. So wenig wie der Umstand, dass selbst die größten Erhebungen der Region, die bis zu
2400 Meter hohen Nockberge, in den vergangenen Jahren nicht immer durchgängig mit Schnee gesegnet waren.

Selbst im Januar, als im Norden und in der Mitte Österreichs etliche Dörfer eingeschneit waren, verzeichnete der von der Unesco als Biosphärenpark belobigte Höhenzug nur geringe Niederschläge. Zwar zumeist immer noch hinreichend für Wintersportarten wie Skifahren und Rodeln, Snowboarden und Schneeschuhwanderungen, Eiskraxeln und Husky-Schneesafaris. Doch zugleich Grund genug für die Region, angesichts der wankelmütigen Winterwitterung zusehends auch und gerade auf Attraktionen abseits der Pisten zu setzen.

Kasnudeln aus der Rucksacktasche

Neben Wellness und Müßiggängen durch pittoreske Dörfer am See, neben Einführungen in die opulente Fischfauna und Streifzügen durch die urigen Wälder und einsamen Buchten des weitgehend naturbelassenen Südufers einbegreift das aktuelle Angebot auch allerlei sportlich ambitionierte Unternehmungen. Allen voran eine Tour mit einem rustikalen Bergwanderführer wie dem Bergbauernsohn Rudi Eggarter, der die Höhenzüge am Millstätter See seit fünf Jahrzehnten wie seine Rucksacktaschen kennt, aus denen er für seine Schutzbefohlenen um die Mittagsstunde Zutaten für Kärntener Kasnudeln zaubert, um diese deftige Spezialität traumwandlerisch sicher zuzubereiten. Ein Mann wie ein Baum, der die vielfältige Vegetation am Wegesrand und das Granatvorkommen in den Stollen der Millstätter Alpe so kundig erläutert wie jene verschlungenen Pfade, auf denen tollkühne Protestanten zur Zeit der Gegenreformation deutschsprachige Bibeln, Gesangs- und Gebetsbücher in die Region schmuggelten. Nicht zu vergessen sein Wissen über sogenannte Orte der Kraft, an denen dem Vernehmen nach besondere Energieströme fließen.

Wen es nach den am Hang verkosteten Leckerbissen des begnadeten Outdoor-Kochs nach noch mehr Hausmacherkost gelüstet, mache einen Ausflug zur Schaukäserei
„Kaslab’n Nockberge“ nach Radenthein. Dort hat sich eine rührige Kooperative auf die Herstellung von Bio-Heumilchkäse von Kühen und Ziegen spezialisiert. Großen Schauwert hat der gläserne Produktions- und Lagerraum, über dessen Aufgaben multimediale Stationen Auskunft geben. Auch Speck und Knödel, Wein und Brot bieten die bäuerlichen Produzenten an. Probiert werden kann das Portfolio in der heimeligen Gaststube, die, wie das gesamte Gebäude, hölzern und also nachhaltig ist.

Wenige Gehminuten von der Käserei entfernt befindet sich das Granatium, das auf unterhaltsame Weise über die bedeutsame Geschichte des Edelsteinabbaus informiert. Wer Gefallen an der multimedialen Präsentation findet, wird auch ein weiteres Ausstellungshaus schätzen, das ebenfalls innig mit den Fährnissen der Region verbunden ist: Das in Döbriach gelegene „Sagamundo“, das den Beinamen „Haus des Erzählens“ führt, punktet und prunkt mit pompös illustrierten Legenden, darunter die des „Riesen vom
Mirnock“, der den Millstätter See einst in einem – begründeten – Wutanfall mit gigantischen Felsbrocken bombardiert haben soll. Andere Sagen, die das Haus vorstellt, beschäftigen sich mit dem erklecklichen Nixenvorkommen im See und mit einem gar schrecklichen Lindwurm, der in und um Klagenfurt sein Unwesen getrieben haben soll.

Um die hohe Kunst der Entspannung in der Winterfrische zu perfektionieren, empfiehlt sich – witterungsunabhängig – das Absolvieren eines sogenannten Slow Trails. Dabei handelt es sich um Flanierrouten, die zur Entschleunigung und mit bemerkenswerten Ausblicken auf den Millstätter See laden. Statt auf handelsübliche Schneller-höher-weiter-Formen des Gipfelsturms setzt dieses Konzept auf achtsame und bedächtige Fortbewegung – sowohl zum Wohle der Wanderer als auch zum pfleglichen Umgang mit der Natur. Dabei sind weder große Höhenunterschiede noch strapaziöse Entfernungen zurückzulegen. Dafür passiert der Flaneur wiederholt pittoreske Gehöfte und Aussichtspunkte. Das für diese Routen veranschlagte Motto „Slow Motion statt High Speed“ ist zwar, dem Ziegenkäse gleich, Geschmackssache. Und doch fügen sich die einzelnen Bestandteile des regionalen Vermarktungskonzepts, das auf physische und emotionale „Seeberührungen“ und „Bergberührungen“ setzt, auf schlüssige Weise zueinander. Das zeigt auch eine Unterkunftsmöglichkeit, die Paaren mit einem gewissen Faible für Romantik und Abenteuer zugeeignet ist: ein Biwak unter Sternen, genauer ein schmuckes Holzhäuschen am See. Samt Reet, Bootsanleger und Strandbadanschluss, samt Zeit-zu-zweit-Tee, etlichen Extradecken und betörenden Ausblicken. Sein Name: Schilf (mit dem italienischen Namenszusatz „canna palustre“). Dem Gebälk im heimelig gestalteten Inneren der Behausung, die derzeit unter der Obhut des Hotels zur Post in Döbriach steht, ist ein passgenaues Bonmot des Dichters Rainer Maria Rilke eingeprägt worden: „Vergiss, vergiss und lass uns jetzt nur dies erleben, wie die Sterne durch geklärten Nachthimmel dringen, wie der Mond die Gärten voll übersteigt.“ Sieben dieser Biwak-Behausungen verteilen sich um den See; wohl jede hätte den begeisterungsfähigen Rilke reichlich schwelgen lassen.

Speisen auf dem Floß im See

Tatsächlich erschließt sich der Zauber der Region selten so intensiv wie an den Gestaden des Sees, in dem neben Aal und Wels, Hecht und Zander vor allem Reinanken unterwegs sind.

Noch dieser Tage sind in Millstatt jene Gewölbe zu bestaunen, die den Benediktinermönchen vor Jahrhunderten zum Ausnehmen und Würzen der gefangenen Fische dienten. Naturgemäß speist es sich nirgends so atmosphärisch wertvoll wie am See. Bei entsprechender Witterung wird auch auf dem Wasser aufgetischt: In der Seemitte geparkte Flöße dienen dann dem zweisamen Dinner – und schaffen einmal mehr sinnliche Berührungen mit einer überwältigenden Landschaft. Noch indes ist der Sommer sozusagen Schnee von morgen. In der Zwischenzeit gibt es viel zu entdecken und zu genießen.

Die Reise wurde unterstützt von der Millstätter See Tourismus GmbH.

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