Chronische Verschlüsse in den Herzkranzgefäßen bleiben oft lange unentdeckt Tickende Zeitbomben

Bremen. Die Koronare Herzerkrankung, kurz KHK, ist in den westlichen Industrieländern die häufigste Todesursache. Hinter ihr steckt eine Verkalkung der Herzkranzgefäße, die diese nach und nach verstopfen kann.
28.11.2016, 00:00
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Tickende Zeitbomben
Von Sabine Doll

Bremen. Die Koronare Herzerkrankung, kurz KHK, ist in den westlichen Industrieländern die häufigste Todesursache. Hinter ihr steckt eine Verkalkung der Herzkranzgefäße, die diese nach und nach verstopfen kann. Bei einem akuten Verschluss eines Herzkranzgefäßes kommt es zu einem Herzinfarkt – wird der nicht schnell genug behandelt, also der Verschluss beseitigt und der Blutfluss wiederhergestellt, droht Lebensgefahr. „Neben akuten Verschlüssen gibt es aber auch chronisch verschlossene Herzkranzgefäße. Über einen langen Zeitraum haben sich dort Verkalkungen gebildet“, erklärt Professor Rüdiger Blindt, Leitender Kardiologie im Roten Kreuz Krankenhaus Bremen (RKK). „Oft bestehen diese Verschlüsse schon mehrere Jahre.“

Dass sie nicht zu einem Herzinfarkt geführt haben, liegt daran, dass sich um die Engstelle sogenannte Umgehungskreisläufe gebildet haben – durch die das Blut fließt, allerdings mit deutlich geringerem Volumen als in den Herzkranzgefäßen. „Die Patienten mit chronischen Verschlüssen haben nicht die für einen Herzinfarkt typischen und akut auftretenden Brustschmerzen mit Engegefühl. Vielmehr spüren sie eine eingeschränkte Belastbarkeit, Schwäche und Luftnot vor allem auch bei körperlicher Anstrengung“, zählt der Bremer Herzspezialist auf.

Oft fallen chronische Verschlüsse in den Herzkranzgefäßen erst bei der Behandlung eines akuten Verschlusses an anderer Stelle auf, die zu einem Herzinfarkt geführt haben. „Auch wenn Patienten oft jahrelang mit diesen chronischen Verschlüssen leben, bergen sie ein hohes Risiko“, betont Blindt. „Bei einem Infarkt in einem anderen der drei Herzkranzgefäße sterben Patienten mit einem zusätzlichen chronischen Verschluss dreimal häufiger. Das sind echte tickende Zeitbomben.“ Etwa jeder fünfte Patient mit einer Koronaren Herzerkrankung trage diese tickende Zeitbombe in sich. Deshalb sei es wichtig, Beschwerden auch ohne Infarkt auf den Grund zu gehen – und chronische Verschlüsse zu beseitigen.

Das geschieht laut Blindt aber nicht bei jedem Patienten: In Deutschland werde nur etwa jeder vierte Verschluss geöffnet. Das liege unter anderem daran, dass die Wiedereröffnung technisch sehr aufwendig sei und auch mehr Zeit als eine Herzkatheterbehandlung eines nicht verschlossenen Gefäßes in Anspruch nehme. Außerdem setze die Katheter-Behandlung chronischer Verschlüsse große Erfahrung voraus. Der Kardiologe müsse mit zwei bis drei Kathetern gleichzeitig an dem Verschluss arbeiten, zudem werde über kleine Ersatzgefäße gearbeitet.

„Man tastet sich von hinten, wo die Kalkablagerungen weicher sind, bis nach vorn im Verschluss vor und beseitigt ihn“, erklärt Blindt. Dauere eine „normale“ Katheterbehandlung etwa eine halbe Stunde, könnten es bei chronischen Verschlüssen bis zu vier Stunden sein, im Schnitt etwa 90 Minuten. An die Verschlussstelle werde eine medikamentenbeschichtete Gefäßstütze, ein Stent, gesetzt. Alternativ könne auch eine Bypass-Operation erfolgen, bei der ein Umgehungsgefäß gelegt werde. Allerdings habe eine aktuelle Studie gezeigt, dass die Erfolgsrate der Bypasschirurgie bei chronischen Verschlüssen nur bei 68 Prozent liege, so Blindt.

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