Zu Besuch bei den Eisbären

Kanada und die Könige der Arktis

Unterwegs in Kanada hat unser Autor Lutz Füllgraf Eisbären getroffen, kurz bevor sie sich zum Jagen für Monate auf die zugefrorene Hudson Bay begeben haben.
29.07.2020, 14:07
Lesedauer: 6 Min
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Von Lutz Füllgraf
Kanada und die Könige der Arktis

Eisbären in der freien Natur erleben: Das geht zur Herbstzeit besonders gut an der Hudson Bay in Kanada.

Lutz Füllgraf

Manchmal ist es einfach Glück. An drei Tagen bot sich dem Autor und seinem Sohn an der fast baumlosen Küste der Westseite der Hudson Bay elf Mal die Gelegenheit, die größten Landraubtiere der Welt in ihrer natürlichen Umgebung im Norden Kanadas zu beobachten. Gelegentlich schob die Sonne die Wolken zur Seite und schaffte bei eisigen Temperaturen somit ideale Bedingungen für Observationen. Stets im Mittelpunkt des Geschehens: die Eisbären.

Dabei hatte alles ganz anders angefangen, als vorgesehen. Ursprünglich plante das Duo in der letzten Oktoberwoche einen Flug über Winnipeg nach Churchill in der kanadischen Provinz Manitoba, um eventuell noch einen Eisbären an der Küste der Hudson Bay zu finden, bevor sich eine geschlossene Eisdecke darauf bildet. Am Ausfluss des breiten Churchill Rivers reduziert das ausfließende Süßwasser den Salzgehalt des Meeres so stark, dass das offene Wasser dort stets als erstes gefriert. Dieses Naturphänomen ist den Bären der riesigen Region bekannt. Da sie für ihre Jagd auf Seehunde das Eis als Plattform benötigen, sammeln sie sich an dieser Stelle, um nach der langen Fastenzeit während des Sommers so früh wie möglich wieder an ihre bevorzugte Beute zu gelangen. Sind die Bären erst einmal auf dem Eis, kommen sie bis Mai nicht wieder an Land.

Flug und Unterkunft waren jedoch erst Anfang November zu bekommen. Trotz des Risikos kürzerer und somit kälterer Tage mit wahrscheinlich noch stärkeren Winden buchten Vater und Sohn ihren Trip von Toronto aus. Bei der Zusammenstellung von Ausrüstung und Garderobe gab es nur eine Priorität: so warm wie möglich, Aussehen egal.

Das weiße Fell der Bären stellt in eisigem Umfeld eine Tarnung dar. Die Haut darunter ist – zumindest bei ausgewachsenen Tieren – schwarz.

Das weiße Fell der Bären stellt in eisigem Umfeld eine Tarnung dar. Die Haut darunter ist – zumindest bei ausgewachsenen Tieren – schwarz.

Foto: Lutz Füllgraf

Der Wecker klingelte um 5 Uhr. Temperatur in Toronto: drei Grad Celsius. Nach einem schnellen Frühstück führte der Weg über die Stadtautobahn 401 zum Flughafen. Einem Zweistundenflug und Check-in folgte bei minus sieben Grad Celsius und Sonnenschein ein ausgedehnter Spaziergang entlang des Red River. Am darauffolgenden Tag beendete der Weckruf den Schlaf um 5.30 Uhr. Die frühe Stunde drückte die Stimmung nach einem Frühstück nicht. Der Wetterbericht für den Zielort Churchill war schon eher ein Dämpfer: minus 31 Grad Celsius bei Schneefall und arktischem Wind. Letztlich konnte diese Nachricht die Neugier auf das bevorstehende Abenteuer jedoch auch nicht trüben.

Mit dem Bus ging es zum Flughafen. Eine zweimotorige Convair 580 war zum Abflug bereit. Als in dem betagten Flugzeug vor dem Start einer der am Vordersitz befestigten Falttische immer wieder herunterfiel, demonstrierte eine freundliche Stewardess kanadische Praktikabilität. Breite Streifen einer großen Klebebandrolle, die offensichtlich nicht zum ersten Mal zum Einsatz kam, verbanden fortan den Klapptisch fest mit der Lehne des Vordersitzes. Ein breites Lächeln sollte versichern, dass das Flugzeug nun in bester Verfassung zum Flug in die Subarktis sei. Nachdem die zwei Propeller Minuten lang lärmend rotiert hatten, erklärte der Kapitän die Maschine für aufgewärmt und das Flugzeug trotz schneebedeckter Flügel für startklar.

Mithilfe spezieller Geländewagen, den sogenannten Tundra Buggys, können Touristen die Eisbären an der Hudson Bay aus nächster Nähe beobachten.

Mithilfe spezieller Geländewagen, den sogenannten Tundra Buggys, können Touristen die Eisbären an der Hudson Bay aus nächster Nähe beobachten.

Foto: Lutz Füllgraf

Nach einem etwas mehr als zweistündigen Flug gen Norden setzte die Maschine auf Churchills einziger Landebahn auf. Bei einem Stop der vorab organisierten Ortsrundfahrt direkt vom Flughafen aus ließ der erste Eisbär bereits von sich hören. Er war nach einem Ausflug in den Ort betäubt in einem alten Militärgebäude eingesperrt worden. Eisbärgefängnis nannte es die Busfahrerin. Nun war er anscheinend wieder aufgewacht und donnerte seine Unzufriedenheit mit kräftigen Pranken gegen die Wand. Und obwohl niemand das Tier zu sehen bekam, war es doch ein beeindruckender akustischer Hinweis auf die enorme Kraft der Raubtiere. Nach einigen Wochen Freiheitsberaubung wird der Bär erneut betäubt, in einem Netz unter einen Hubschrauber gehängt und weit entfernt an der Küste ausgesetzt. In der Hoffnung, dass er sich in Zukunft von Siedlungen fernhält.

Die Fahrt endete am Tundra Inn, der einzigen Unterkunft im Ort. Es war noch genug Zeit für einen kurzen Spaziergang, bevor die Sonne – ungewohnt früh – untergehen würde. Zehn Minuten und eine einzige Umrundung des Straßenblocks später führte der Weg früher als gedacht zurück ins Zimmer. Trotz langer Unterwäsche und mehreren Bekleidungsschichten ließ der Wind die Spaziergänger quasi einfrieren. Dafür endete der Tag mit köstlicher lokaler Hausmannskost und einem Glas Bier.

Am nächsten Morgen war im allradgetriebenen Fahrzeug ein Ausflug ins Bärengelände geplant. Die Abfahrt zum Depot der Tundra Buggys erfolgte im Nebel. Tundra heißt die im wesentlichen baumlose Umgebung. Der Tundra Buggy lässt sich als Geländebus beschreiben, der mit seinen anderthalb Meter hohen Rädern und einer ausgeklügelten Federung im Gelände ohne Straßen oder Wege ausgezeichnete Dienste leistet. Das Ende der Buskabine ist abgeschnitten, sodass engagierte Fotografen auf einer Art Balkon ohne Fensterspiegelungen ihrem Hobby nachgehen können – zumindest so lange, bis die Temperaturen sie wieder in die vor Kälte geschützte Kabine treiben.

Sobald die Hudson Bay zugefroren ist, begeben sich die Bären auf das Eis, um zu jagen. Während des Sommers müssen sie sich mit dem begnügen, was ihnen Tundra und Taiga bieten.

Sobald die Hudson Bay zugefroren ist, begeben sich die Bären auf das Eis, um zu jagen. Während des Sommers müssen sie sich mit dem begnügen, was ihnen Tundra und Taiga bieten.

Foto: Lutz Füllgraf

In den folgenden sechs Stunden wurden die kühnsten Erwartungen weit übertroffen. Insgesamt sieben Mal blieb der Buggy neben den Eisbären stehen. Meistens waren die Tiere allein. Einmal begrüßten und balgten sich zwei männliche Bären direkt vor den Augen der Beobachter. Eine Mutter mit zwei Jungen hielt Abstand, und der Busfahrer erklärte, dass er die Familie – Väter bleiben nie bei ihren Jungen – zu ihrem und zum Schutz der Passagiere nicht stören wolle. Zwar nahmen alle gesichteten Bären die Anwesenheit in ihrer Domäne zur Kenntnis, gingen aber ohne Aufregung ihren instinktgetriebenen Aktivitäten nach. Einige lagen energiesparend in einer Schneemulde, andere kratzten sich genüsslich an kräftigen blattlosen Büschen. Und wieder andere wanderten unmittelbar an das Meerufer, um die Tragfähigkeit und den Gefrierungsgrad des Eises zu testen, kamen jedoch stets zurück an Land. Die prachtvollen Tiere warteten geduldig auf das sicherlich bald eintretende Zufrieren der Hudson Bay. Entgegen der Wettervorhersage schien zeitweilig die Sonne zwischen den Wolken, was für das Fotografieren noch bessere Bedingungen schaffte.

Die Oberfläche der Hudson Bay friert jeden Winter fast vollständig zu. Von dort aus jagen die Bären an Atemlöchern und von großen Eisschollen Seehunde. Die Fettreserven, die sie nach erfolgreicher Jagd anlegen, sind für das Überleben in der eisfreien Zeit lebensnotwendig. Die schwarze Haut sowie die Licht- und Wärmeleitfähigkeit der weiß leuchtenden Fellhaare sind der Schlüssel zum Leben in der extremen arktischen Kälte. Die schneeschuhgroßen behaarten Tatzen der Bären erlauben die Verteilung von mehreren Hundert Kilogramm Gewicht auf die Eisschollen. Der eher unelegante Gang der Fleischfresser ist die Folge des Bemühens, stets das Gewicht auf dem Eis zu verteilen. Drei Tatzen bleiben dabei immer am Boden.

Auf den Hinterbeinen aufgestellt kann ein männlicher Eisbär mit seinen Vorderpranken mühelos drei Meter in die Höhe reichen. Seine Krallen machen ihn zu einem erstaunlich guten Kletterer. Weglaufen kann ein Mensch dem bis zu 40 Kilometer pro Stunde schnellen Eisbären in seinem Terrain nicht. Ein hungriger Bär ist in der Lage, diese Geschwindigkeit über mehr als einen Kilometer durchzuhalten. Weitere erstaunliche Fakten über Eisbären beinhalten ein schlangenähnliches Geruchsorgan über Zunge und Oberkiefer sowie die Tatsache, dass ein Bär in der Bewegung etwa 13 Mal mehr Energie verbraucht als ein ruhender Artgenosse.

All das erklärt nicht die Faszination, die fast demütige Bewunderung, die man bei einem Blick in die Augen oder auf das in der Sonne strahlend weiße Fell der großen Tiere empfindet. Man ist nicht nur objektiv kleiner, man fühlt sich auch deutlich unterlegen. Als sich einer der Giganten – angelockt vom Duft der Mittagssuppe – auf die Hinterbeine stellte, sich mit den Vorderpranken an der Buggyseite abstützte und die Insassen des Wagens mit großen Augen ansah, traten alle unwillkürlich einen Schritt zurück. Es wäre möglich gewesen, den Bären mit ausgestrecktem Arm zu berühren. An Streicheln dachte in diesem Moment jedoch niemand.

Über Nacht legte sich der Wind, und auf der beruhigten See bildeten sich bei den frühwinterlichen Temperaturen schnell fester werdende Eisplatten. Am letzten Reisetag waren noch zwei Eisbären aufzufinden, alle anderen hatten sich auf die zusehends zugefrorene und schneebedeckte Hudson Bay begeben, deren aufgewühltes Wellenmeer am Tag zuvor noch auf den eisigen Steinstrand getroffen war.

Info

Zur Sache

Churchill: Eine Reise wert

Der Autor: Lutz Füllgraf (Jahrgang 1954) ist gebürtiger Hamburger und hat nach seinem Jurastudium an zahlreichen Orten der Welt gearbeitet. Seit 2014 lebt er in Toronto. Seinem Hobby, dem Fotografieren, geht er bereits seit knapp
40 Jahren leidenschaftlich nach – besonders begeistern ihn Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum. „Auf meinen Reisen hatte ich viele schöne Erlebnisse, aber keines war emotional so anrührend, wie die Begegnungen mit den Eisbären.“ Weitere Informationen zum Autor gibt es unter www.lufuphotography.com.

Informationen zu Churchill gibt es unter anderem unter www.travelmanitoba.com.

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