Moderne und Tradition in Tuva

Das unbekannte Land

Der Bremer Ulrich Balß hat sich auf Spurensuche in Tuva begeben und ein Fotobuch darüber herausgebracht
15.10.2020, 17:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel
Das unbekannte Land

Die sogenannten Speere Dschingis Khans dienten den Kämpfern als Standarten. Heute werden sie zu Schauzwecken aufgestellt.

Ulrich Balß

Bremen. Die Obertonsänger stimmen ihren gurrenden Gesang an, sie kündigen damit an diesem Tag den Schamanen an. Mit einer zotteligen Fellkrone auf dem Kopf und einem schweren Ledermantel am Leib trommelt er, tanzt wild und ekstatisch, lacht und entzündet ein Feuer. Er spricht mit den Geistern und bittet um ihre Unterstützung.

Mit der schamanischen Zeremonie soll das Oberton-Festival in Kysyl geschützt werden. Hat es geklappt? „Bei mir nicht“, sagt Ulrich Balß schmunzelnd. Sein Handy wurde auf dem Festival gestohlen – und mit ihm die Aufnahmen von Gesang und Zeremonie. Ein Glück, dass er stets zwei weitere Kameras mit sich führt.

Ulrich Balß kennt Tuva, das Land zwischen Sibirien und der Mongolei, seit 25 Jahren vom Hörensagen. Er ist Musikproduzent und Chef des Bremer Musiklabels Jaro Medien. In dieser Funktion hat er die Obertonsänger der weltweit bekannten Gruppe Huun-Huur-Tu kennengelernt, promotet, CDs von ihnen herausgegeben – und viel über Tuva gehört. Doch das Land Tuva ist den meisten Menschen unbekannt. „Auf den Konzerten haben mich immer wieder Leute gefragt, wo das Land liegt und ob sie etwas darüber lesen können“, erzählt er. Konnten sie nicht. Denn bis dato gab es nur das Buch „Reise ins asiatische Tuva“ des Alt-Historikers und Sinologen Otto Mänchen-Helfen aus den 1930er-Jahren, das man nur mit viel Glück im Antiquariat finden kann.

Ein Schamane ruft die Geister an: Zeremonie beim Obertonfestival in Kysyl.

Ein Schamane ruft die Geister an: Zeremonie beim Obertonfestival in Kysyl.

Foto: Ulrich Balß

Ulrich Balß hat sich deshalb im vergangenen Sommer auf Spurensuche begeben, er hat sich aufgemacht zu einer Reise, die ihn zu Nomaden, Musikern und Schamanen, in die Moderne und zu Traditionen geführt hat.

Sechs Zeitzonen hat er durchquert, ist über Moskau und Abakan nach Tuva geflogen.
22 Stunden dauert die Reise von Bremen bis in die Hauptstadt Tuvas, nach Kysyl. Dort führt er Interviews, trifft Schriftsteller, Schamanen, Ringkämpfer, Reiter und Musiker. Er übernachtet in einer Jurte in der Steppe, isst die traditionellen Gerichte+ der Nomaden, die sich seit Hunderten von Jahren nicht verändert haben. Er besucht Ringkämpfe und Reiterwettbewerbe. Und er verfolgt die Geschichte der Familie Tyulyush über vier Generationen. Er besucht in Kysyl das Nationalmuseum und sieht den Goldschatz der
Skythen. Der Schatz wurde erst vor wenigen Jahren entdeckt und gilt als archäologische Sensation. Er soll vergleichbar mit der Hochkultur der Ägypter sein. „Einige Teile sind so filigran gearbeitet, dass man eine Lupe benötigt, um sich von der Zartheit zu überzeugen“, sagt Balß.

Schafskopf und allerlei andere Delikatessen servieren die Nomaden in ihrer Jurte. Die Anordnung des Menüs hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert.

Schafskopf und allerlei andere Delikatessen servieren die Nomaden in ihrer Jurte. Die Anordnung des Menüs hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert.

Foto: Ulrich Balß

Seine Erlebnisse und Recherchen hat der Bremer in dem Buch „Terra incognita Tuva – eine Reise zu Nomaden, Musikern und Schamanen“ verarbeitet. Das Buch ist in Englisch und Deutsch erschienen und zeigt in Bildern das unbekannte Leben der Tuviner.

Tuva war einst Republik, gehört aber nun zu Russland. In der Stalinzeit wurden die
Tuviner gezwungen, ihre Kultur zu verleugnen. Sie durften nicht umherziehen und in Jurten leben. Das galt als rückständig. Seit Ende der 1970er-Jahre durften sie ihre Kultur wieder ausleben. Politische Themen sind für die Bevölkerung heute nicht wirklich relevant. Hauptsache, sie sind frei und können sich ohne Grenzen bewegen.

Unterstützt wurde der Bremer bei der Planung der Reise und vor Ort von den Oberton-Musikern, die ihm den Zugang zu dem einfachen und naturbezogenen Volk, das durch das Nomadenleben in der Steppe Asiens geprägt ist, ermöglicht haben. „Beeindruckt hat mich vor allem die Verbundenheit der Leute mit der Natur und ihr Leben im Rhythmus der Natur“, sagt der Bremer. „Das habe ich erst verstanden, als ich vor Ort war.“ Ein Beispiel wie sich die Natur in der Musik wiederfindet: Die Töne imitieren den Vogelgesang, als Percussions nutzen die Musiker Pferdehufe – und überhaupt handeln viele Lieder von Pferden.

Wer ist der Stärkere? Ringen ist in Tuva Nationalsport.

Wer ist der Stärkere? Ringen ist in Tuva Nationalsport.

Foto: Ulrich Balß

Die traditionelle Musik spielt auch heute noch eine große Rolle bei den Tuvinern. Auf einer Modenschau hat Ulrich Balß beobachtet, wie modere und traditionelle Elemente, moderne Kleidung und althergebrachte Musik selbstverständlich miteinander gemischt werden. „Auch junge Menschen leben die Kultur und interessieren sich dafür“, erzählt er. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch am Handy rumdaddeln oder Popmusik hören. „Sie leben schließlich nicht hinterm Mond“, sagt Balß. So selbstverständlich Schamanismus und Nomadentum sind, so selbstverständlich ist auch der Jeep vor der Jurte oder die Solarpaneele auf dem Zelt.

Info

Zur Sache

Terra incognita Tuva

Das Buch „Terra incognita Tuva – eine Reise zu Nomaden, Musikern und Schamanen“ ist in der Reihe „Past & Present Series“ erschienen. Es hat 144 Seiten, enthält 120 zum Teil großformatige Fotografien sowie zwei CDs: Musik der Obertonsänger der Gruppe Huun-Huur-Tu sowie Filmaufnahmen. Das Buch kostet 35 Euro und ist entweder direkt über den Online-Shop von Jaro-Medien unter www.jaro.de als auch im Buchhandel erhältlich.

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