Bremen Ungewöhnliche Plattfische

Plattfische sind in den Tropen ebenso zu Hause wie in den Meeren der gemäßigten Zonen oder den kalten Gewässern der Polargebiete. Es gibt Hunderte unterschiedliche Arten, darunter auch solche, die von Menschen als Nahrung genutzt werden.
13.01.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Ungewöhnliche Plattfische
Von Jürgen Wendler

Plattfische sind in den Tropen ebenso zu Hause wie in den Meeren der gemäßigten Zonen oder den kalten Gewässern der Polargebiete. Es gibt Hunderte unterschiedliche Arten, darunter auch solche, die von Menschen als Nahrung genutzt werden. Beispiele hierfür liefern die Flunder, die Scholle – auch Goldbutt genannt –, der Heilbutt und die Seezunge. Wegen ihres flachen Körpers sind die Fische besonders auffällig. Biologen zählen sie zu den ungewöhnlichsten Wirbeltieren. Warum?

Antwort: Auch wenn sich Menschen in vielerlei Hinsicht von Tieren wie beispielsweise Schnecken, Krebsen, Reptilien, Vögeln oder Fischen unterscheiden – eine Gemeinsamkeit ist unübersehbar: Bei allen sind linke und rechte Körperhälfte spiegelbildlich aufgebaut. Fachleute bezeichnen solche Lebewesen als zweiseitig symmetrisch oder bilateral. Sie bilden die große Gruppe der sogenannten Bilateria. Ihre Anfänge reichen nach heutigem Kenntnisstand einige Hundert Millionen Jahre zurück. Auch Plattfische sind zu Beginn ihrer Entwicklung symmetrisch gebaut, verändern sich dann aber: Bei den ausgewachsenen Tieren befinden sich beide Augen auf derselben Körperseite; die Fische sind asymmetrisch gebaut.

Während Heilbutte im freien Wasser Fische und Krebstiere jagen, halten sich andere Plattfische vorwiegend am Meeresgrund auf, wo sie sich meist von wirbellosen Tieren ernähren. Schollen zum Beispiel fressen Würmer, Schnecken und Krebse. Sie liegen flach auf dem Boden, sodass man meinen könnte, sie lägen auf dem Bauch. Genau genommen liegen sie jedoch auf der linken Seite. Dabei schauen beide Augen nach oben, das heißt: Sie befinden sich auf der rechten Seite. Dies ist das Ergebnis eines Umwandlungsprozesses. Schollenlarven haben zunächst auf jeder Körperseite ein Auge und schwimmen aufrecht. Wenn sie eine Länge von etwa zehn Millimetern erreicht haben, beginnt das linke Auge auf die rechte Seite zu wandern. Die Scholle wird zum Plattfisch und schwimmt am Ende auf der Seite.

Die Wanderung der Augen von einer Körperseite auf die andere ist nicht der einzige grundlegende Wandel, der sich im Laufe der Entwicklung von Plattfischen vollzieht. Hinzu kommt, dass die dem Meeresboden zugewandte Körperseite fast vollständig ihre Pigmentierung verliert. Was aber sind die Hintergründe dieser Veränderungen? Antworten auf diese alte Frage liefert eine kürzlich im Fachjournal „Nature Genetics“ veröffentlichte Arbeit. Beteiligt war daran neben anderen der Biochemiker Professor Manfred Schartl von der Universität Würzburg. Nach seinen Angaben haben die Forscher das Erbgut der Japanischen Flunder (Paralichthys olivaceus) und einer entfernten Verwandten, der Plattfischart Cynoglossus semilaevis, entschlüsselt und die beiden Genome dann verglichen. Dabei seien sie auf die genetischen Grundlagen für den Umbau des Körpers der Plattfische gestoßen. Eine entscheidende Rolle spielt demnach die Retinsäure. Laut Schartl sorgt sie nicht nur für die Veränderungen der Hautpigmentierung, sondern steht auch in einer Wechselbeziehung mit einem Schilddrüsenhormon, das für die Wanderung der Augen der Plattfische verantwortlich ist. Wie die Forscher außerdem feststellten, sind die gleichen Pigmente, die im Auge das Licht einfangen, auch in der Haut der Fischlarven aktiv. „Sie nehmen dort Helligkeitsunterschiede wahr und verändern dann die Konzentration der Retinsäure“, erklärt Schartl. Dies wiederum habe Einfluss auf das Schilddrüsenhormon und somit auf die Entwicklung eines asymmetrischen Körperbaus.

Schollen gehören zu den Fischen, die auch in der südlichen Nordsee anzutreffen sind. Wer sich schon einmal näher mit diesen Tieren befasst hat, weiß, dass sie in der Lage sind, ihre nach oben gerichtete Körperseite zur Tarnung farblich an den Untergrund anzupassen. Dabei helfen ihnen Pigmentzellen, sogenannte Chromatophoren. Diese enthalten Melanine, bräunliche bis schwarze Pigmente. Die Verteilung der Farbstoffe in den Zellen wird so verändert, dass die Färbung möglichst gut zu der des Untergrunds passt, auf dem sich die Fische bewegen. Auch Tiere wie Chamäleons, Kalmare oder Kraken verdanken ihre Fähigkeit zum Farbwechsel Chromatophoren. Einem Bericht der Max-Planck-Gesellschaft zufolge enthält die Haut der Kalmare und Kraken, die zu den Tintenfischen gehören, Millionen elastische Chromatophoren, die von Muskelzellen umgeben sind. Wenn sich die Muskeln zusammenziehen, verkleinern sich die Chromatophoren, mit der Folge, dass die Färbung verschwindet. Entspannen sich die Muskeln, färbt sich die Haut wieder. Die Tintenfische können auf diese Weise nicht nur unterschiedliche Farbmuster erzeugen, sondern auch Farbwellen, die über den Körper laufen.

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