Bremen Unser täglich Roboter

In Science-Fiction-Geschichten sind sie seit fast 100 Jahren präsent, in Industriehallen seit einem halben Jahrhundert. Im Alltag aber werden Roboter wohl noch für viele Jahre ein eher exotisches – und teures – Nischenprodukt bleiben.
21.07.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Annett Stein

In Science-Fiction-Geschichten sind sie seit fast 100 Jahren präsent, in Industriehallen seit einem halben Jahrhundert. Im Alltag aber werden Roboter wohl noch für viele Jahre ein eher exotisches – und teures – Nischenprodukt bleiben. „Das Geschehen in einer Fabrik ist streng strukturiert, der Alltag nicht“, sagt Robotik-Experte Rüdiger Dillmann vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). „Immer sind da Menschen um den Roboter herum, die ihre Vorgaben und Wünsche ändern.“

Darum bauen Roboter zwar Autos, entschärfen Bomben, helfen im OP-Saal, tauchen im Meer und rollen über den Mars. Roboter für jeden aber gibt es derzeit fast nur als Staubsauger und Rasenmäher – und das sind relativ schlichte Gemüter. Die Frage der Lernfähigkeit sei eine entscheidende, betont Dillmann. „Inwiefern kann ein Roboter immer weiter dazulernen durch Beobachtung oder Unterweisung?“ Er sei da nach jahrzehntelanger Forschungsarbeit noch immer unschlüssig – allzu oft hake es schon bei kleinsten Schritten. „Es ist immer wieder ernüchternd, wie schwierig das ist.“

Wichtige ethische Fragen

Wie viele stupide, lästige Alltagsaufgaben könnten sie erledigen für den Menschen, solche dienstbaren, unermüdlichen Roboter-Gehilfen: den Tisch decken, die Wäsche waschen, aufräumen und putzen, den Einkauf erledigen. „Theoretisch ist das einzeln jetzt schon alles machbar“, sagt der Karlsruher Forscher Dillmann, Leiter des Humanoids and Intelligence Systems Lab am KIT. Dem stehe vor allem eines entgegen: die immensen Kosten. Beim Staubsauger liege die Schallgrenze für Käufer bei etwa 1000 Euro. „Allein für die Funktion ‚Aufräumen‘ müsste man da locker noch eine Null anhängen.“

Generell gehe es bei solchen Projekten nicht um den humanoid aussehenden Butler, der alles kann, betont der Experte. „Das sind immer Detaillösungen.“ So werde an einem Roboter gearbeitet, der eine Spülmaschine ein- und ausräumen und einen Tisch decken kann. „Das klappt schon ganz gut, auch wenn man ihm noch nicht das Meißner Porzellan überlassen sollte.“ Nicht nur Privatleute, sondern vor allem auch Restaurantbetreiber und Küchenausstatter seien an solchen Geräten hochinteressiert.

Andere Teams beschäftigten sich damit, einem Roboter das Wäschewaschen beizubringen. Auch das sei weit weniger trivial als es vielleicht klinge: „Das Material muss erkannt, das Waschmittel dosiert, die Füllmenge erkannt werden.“ Zudem sehe jeder Haushalt anders aus, sei unterschiedlich beleuchtet und vielleicht nicht barrierefrei. „Es ist eine große Herausforderung, da immer Lösungen zu finden, die bezahlbar sind.“

Eine sehr wichtige Frage bei Roboter-Mensch-Teams sei auch: „Wer hat die Entscheidungshoheit?“ Im Bereich des Militärs gebe es da strenge Hierarchien – für die meisten Alltagsanwendungen müssten diese aber weit flacher ausfallen, um sinnvolle Interaktionen zu ermöglichen, erklärt Dillmann. Noch sei ein vieldiskutiertes Feld, wie viel Widerspruch, wie viel Gegenwehr von einem Roboter kommen dürfe. „Bringt ein Roboter Einkäufe nach Hause, und jemand kommt und stiehlt ihm Dinge. Was soll er dann tun?“

Es gibt Forscherteams, die ausschließlich an diesem einen extrem wichtigen Detail arbeiten: Wie verhindere ich, dass ein Roboter Menschen verletzt? In einem Volkswagenwerk im nordhessischen Baunatal wurde im vergangenen Jahr ein Arbeiter von einem Roboter erdrückt. Der Mann hatte das Gerät einrichten wollen und war darum im eigentlich gesperrten Arbeitsbereich des Produktionsroboters unterwegs. Solche Unfälle sind allerdings selten – und sollen künftig gänzlich verhindert werden, indem auch Industrieroboter Menschen zu erkennen vermögen und ihnen nicht zu nahe kommen. Generell seien ethische Fragen ein wichtiger Punkt, betont Stefan Kopp von der Universität Bielefeld. Dies gelte etwa beim Einsatz von Robotern oder virtuellen Avataren als Begleiter für Senioren oder geistig Behinderte. „Da ist die große Frage: Können diese Menschen noch unterscheiden zwischen Avatar und Mensch?“ Mögliche Abhängigkeiten müssten bedacht werden und die vielfach unweigerlich aufgebaute Zuneigung. „Sollte ein solcher Avatar Emotionen vorgaukeln?“, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. „Will man das oder will man das nicht?“

Kinder haben weniger Vorbehalte

Erste Tests zeigten, dass solche Avatare gute Effekte haben, sagt Kopp, Leiter der Forschungsgruppe Kognitive Systeme und soziale Interaktion an der Technischen Fakultät. „Sie verringern deutlich das Gefühl sozialer Isolation.“ Eine Wiener Forschergruppe machte mit ihrem Helfer „Hobbit“ ebenfalls gute Erfahrungen. „Wir haben ihn in 20 Wohnungen getestet“, erzählt Projektleiter Michael Zillich von der TU Wien. „Die Akzeptanz war durchweg da, auch bei nicht technikaffinen Menschen.“ Viele der Senioren seien ein bisschen traurig gewesen, als der Roboter wieder abgeholt wurde – obwohl „Hobbit“ lediglich eine Art Schachtel mit Kopf und einem Arm sei.

Künftig soll dieser Roboter Stürze vermeiden helfen, indem er auf dem Boden liegende Dinge aufhebt. „Dafür fährt er aber nicht ständig hinter ‚seinem‘ Senior her, sondern pa­t­rouil­lie­rt in regelmäßigen Abständen durch die Wohnung“, erklärt Zillich. Fällt der Wohnungsinhaber doch einmal, soll „Hobbit“ sofort Hilfe rufen und Familienangehörige informieren. Im Alltag soll er mit Angeboten für Unterhaltung, Spiele oder Fitnessübungen für angenehmen Zeitvertreib sorgen.

„Ziel bei solchen Projekten soll und darf aber niemals sein, dass der zuständige Pflegedienst in der Folge entscheidet, seltener jemanden vorbeizuschicken“, betont Kopp. Er ist der Ansicht, dass Pflege- und Hilfsroboter oder Avatare distanziert bleiben sollten, um möglichst wenig Gefühle hervorzurufen. Zu hinterfragen sei dies andererseits bei klar auf Begleitung ausgerichteten Geräten wie der Roboter-Robbe „Paro“, die vor allem in Japan bei Senioren und Demenzkranken eingesetzt wird.

Viele Menschen sehen es als ethisch verwerflich an, solche Patienten mit derlei Geräten zu „täuschen“. Kopp sieht das durchaus zweischneidig: „Warum darf ein Senior nicht glücklicher sein dank so einer Robbe?“, gibt er zu bedenken. „Ist das eine schlechtere Form von Glück?“ Ein Blindenhund für einen Blinden sei okay, niemand fordere da einen Menschen als Begleiter. Und auch als Gegenmittel gegen soziale Isolation sei ein Haustier in Ordnung – ein Roboter aber nicht.

In Japan werde das ganz anders gesehen. „Für Japaner hat auch Materie eine Art Seele“, erklärt Kopp. Gerade beim Problem der Überalterung stelle sich in Deutschland wie in vielen anderen Ländern die Frage: Wollen wir uns dem mit Hilfe von Technik stellen oder auf anderen Wegen? „Die Japaner haben sich da schon klar entschieden.“ Japan stehe Robotertechnik weit offener gegenüber und sei zudem fest entschlossen, sich der alternden Gesellschaft ohne Einwanderung zu stellen, ergänzt KIT-Forscher Dillmann. „Wir haben da hierzulande eine andere Haltung.“

Auf die geringste Skepsis treffen Roboter in Deutschland bei einer Zielgruppe, die sich naturgemäß wenig mit Vorbehalten plagt: bei Kindern. „Sie gehen viel unbeschwerter damit um“, sagt Matthias Bürger, Geschäftsführer einer Firma, die Baukästen zum Selberbauen von Robotern entwickelt, „Tinkerbots“ genannt. Statt – wie Erwachsene oft – nach einer Bauanleitung zu fragen, spielten Kinder mit viel Fantasie einfach drauflos. Wichtig seien dabei vor allem zwei Aspekte: „Die Kinder müssen eigene Sachen gestalten können, und der Roboter sollte programmierbar sein, am besten intuitiv über Symbole“, ist Bürger überzeugt. Ein fertiges Gerät ohne viel Gestaltungsmöglichkeiten lande rasch als langweilig in der Ecke und biete kaum Lernmöglichkeiten.

Gerade für Bildungsaspekte erhoffen sich Forscher viel. Verwendet wird bei den Projekten häufig ein besonders knuffig wirkendes Kerlchen: „Nao“, ein humanoider Roboter des französischen Herstellers Aldebaran. Wie menschenähnlich er empfunden wird, zeigte kürzlich eine Studie der kalifornischen Stanford University: Von einem Nao dazu aufgefordert, 13 seiner Körperregionen zu berühren, taten sich die Versuchsteilnehmer mitunter schwer: Augen oder Po mochten sie partout nicht anfassen – obwohl sie nur eine emotionslose Maschine vor sich sitzen hatten.

Derlei vermenschlichendes Verhalten sei typisch, erklärt Kopp. „Viele reden ja auch mit Dingen oder geben ihrem Auto einen Namen.“ Gerade Humanoide, also der menschlichen Gestalt nachempfundene Roboter würden als soziale Wesen wahrgenommen – ganz besonders von Kindern, die ohnehin von großer Offenheit und Fantasie geprägt seien. „Nao ist darum ideal für die Arbeit mit Kindern“, sagt Kopp.

„Ganz besonders gut funktioniert er bei Autisten.“ Solche Kinder seien relativ verschlossen, reagierten heftig auf überraschende Situationen und es sei oft schwer, ihnen etwas beizubringen. „Auf einen Roboter gehen solche Kinder zu, sind aufmerksam, lernen dazu.“ Nao ermögliche Interaktion, werde dabei aber als regelbasiert und vorhersagbar empfunden, erklärt Kopp. Lebewesen hingegen seien für Autisten oft unvorhersehbar in ihrem Verhalten.

Auch PCs stießen anfangs auf Skepsis

In den USA und in Japan werde bereits der Einsatz von Robotern in Schulklassen getestet. Diskutiert werden müsse dabei, welche Rolle ein solcher Helfer haben solle, so Kopp. „Natürlich nicht die eines Lehrers, aber er kann ein Lernkamerad sein.“ Personal sei knapp in Kitas und Schulen – und Roboter ermöglichten individuell auf das jeweilige Kind abgestimmte Lernprogramme.

Kopps Team will demnächst mit zwei Naos in Kindergärten herausfinden, ob die Roboter vier bis fünf Jahre alten Kindern beim Lernen einer Zweitsprache helfen können. Künftig werden solche Projekte auch für die Roboter selbst viel Lernarbeit bedeuten, ist Kopp überzeugt: „Sie müssen herausfinden, wie das jeweilige Kind am besten zu motivieren ist.“ Ein Kreis schließt sich: „Das große Problem ist die Intelligenz, also die Logarithmen, die Software“, sagt Kopp.

Welches Produkt der nächste massentaugliche Alltagsroboter sein werde, lasse sich nicht voraussagen. „Das steht und fällt damit, ob der Einsatzzweck als Mehrwert empfunden wird und auf Akzeptanz trifft.“ Auch Bürger sagt, dass solche Produkte letztlich immer überraschend kämen. „Beim Computer wurde zunächst auch gefragt: Wozu sollte man so was zu Hause brauchen?“ Eine der wenigen Ideen sei gewesen, dass Hausfrauen ihre Rezepte speichern könnten. „Es haben sich bei neuen technischen Entwicklungen schon so oft Dinge ergeben, an die man zunächst absolut nicht gedacht hat.“ So haben Smartphones inzwischen weitgehend die privaten PCs ersetzt.

Wichtig sei, bei den Erwartungen realistisch zu bleiben, betont Zillich. „Gerade bei den so einfach wirkenden Alltagssituationen gibt es ein weites Feld von Schwierigkeiten.“ Es existierten viele schöne Visionen, und solche Visionen seien wichtig – „aber man muss bodenständig bleiben“, betont auch Dillmann. Die menschliche Lernfähigkeit sei mit einem Robotergehirn kaum nachzuahmen, die Zahl der Herausforderungen und Probleme immens. „Ich beschäftige mich damit schon ziemlich lange“, erklärt er. „Da bekommt man wirklich Ehrfurcht vor der Schöpfung.“

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