Kulturhauptstadt: Im Boot durch Friesland Unterwegs mit Mata Hari

Wer in Zeiten des Klimawandels die elf Städte Frieslands auf den Entwässerungskanälen abfahren will, der braucht wohl keine Kufen mehr, sondern eher ein Boot. Und mehr Zeit.
27.07.2018, 10:26
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Unterwegs mit Mata Hari
Von Markus Peters

Leeuwarden. Ausgerechnet Mata Hari: Mit der ebenso berühmten wie berüchtigten Tochter West-Frieslands nahm es bekanntlich kein gutes Ende. Mitten im Ersten Weltkrieg, im Oktober 1917, wurde die Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle von den Franzosen als deutsche Spionin und Doppelagentin hingerichtet. Wahrlich kein glückliches Schicksal. Bleibt zu hoffen, dass der gleichnamigen 7,50 Meter langen Schaluppe, die nach der in Leeuwarden geborene Lebedame getauft wurde, ein glücklicheres Schicksal beschieden ist. Mit dem Schiff soll es zu einigen der elf historischen Städte Frieslands gehen, die unter anderem durch den „Elfstedentocht“, einem traditionellen Eisschnelllauf, miteinander verbunden sind. Allerdings hat das Ereignis, das stets Millionen Niederländer elektrisiert hat, seit 1997 nicht mehr stattgefunden. Seitdem erreichte die Eisdecke auf den Kanälen nicht mehr durchgehend die geforderte Dicke von 15 Zentimetern.

Damals benötigte Henk Angenent für die knapp 200 Kilometer lange Strecke auf Schlittschuhen sechs Stunden und 49 Minuten. Wer in Zeiten des Klimawandels diese elf Städte Frieslands auf den Entwässerungskanälen abfahren will, der braucht wohl keine Kufen mehr, sondern eher ein Boot. Und mehr Zeit. Denn so eine Kanal-Kreuzfahrt ist keine Sache für Sprinter, sondern eher für Flanierer. Gemächliche Geschwindigkeit ist auf den Kanälen angesagt. Es gilt ein Tempolimit zwischen sechs und 12,5 Stundenkilometern.

Im Gegensatz zum luxuriösen Lebensstil der Namensgeberin ist die Mata Hari mit einer kleinen Kochgelegenheit, Not-Toilette, Kühlschrank und Liegefläche im Bug eher spartanisch ausgestattet. Zu zweit lässt es sich dort aber trotzdem bequem machen. Wer mehr Luxus will, sollte schon eine Jacht mit festen Aufbauten chartern. Allerdings: Je größer, breiter und komfortabler das Boot, umso schwieriger sind die verschiedenen Ziele zu erreichen.

Die Provinz Friesland verfügt aber über eine exzellente Infrastruktur für Freizeitkapitäne. Überall finden sie gut ausgestattete Jachthäfen mit Stromanschluss, WiFi und Sanitäranlagen, sodass einem Campingurlaub auf dem Wasser nichts im Wege steht. Ein eigener Bootsanleger ist in weiten Teilen der Provinz nichts Besonderes, ein Liegeplatz am Kanal gilt als so selbstverständlich wie andernorts ein Garagenstellplatz. „90 Prozent der Friesen besitzen ein eigenes Boot“, erklärt Bootsverleiher Jorne Jonkman.

Im Prinzip lassen sich alle elf Städte Frieslands per Boot erreichen: von Dokkum im Nordosten bis Stavoren um Südwesten. Gestartet wird in Leeuwarden (friesisch Ljouwert), das in diesem Jahr stellvertretend für die Provinz Friesland Kulturhauptstadt 2018 ist. Alle diese Städte verbindet neben ihrer Geschichte und dem traditionellen Eislauf seit diesem Jahr noch mehr. Zur Feier des Kulturjahres haben sie neue Brunnen bekommen. „Liebe“ hat der Spanier Jaume Plensa seine beiden sieben Meter hohen Köpfe, ein Junge und ein Mädchen, getauft, die aus Perma-Nebelschwaden herausragen. Von Leeuwarden geht die Tour nach Sneek (friesisch Snits), eine gemütliche Kleinstadt mit knapp über 30 000 Einwohnern und großer Geschichte. Wahrzeichen der Stadt ist das 1613 entstandene Wassertor, ein in seiner Art in den Niederlanden einzigartiges Gebäude und Überbleibsel der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Das Tor mit den beiden schlanken Türmen ist das Wahrzeichen Sneeks. Nur wenige Meter davor steht ein Werk des deutschen Künstlers Stephan Balkenhol. „Fortunas Brunnen“ hat seine Installation genannt, in der er eine Gestalt auf einer goldenen Kugel mit einem Füllhorn unter dem Arm in einer mittelalterlichen Gracht rotieren lässt. Eine Anspielung auf den Reichtum der Stadt.

Von dort aus sind es nur wenige Bootsminuten nach Ijlst (friesich Drylts). Idyllisch liegt der verschlafene Ort an einer kleinen Gracht, ein Überbleibsel des Flusses Ee, der einst in der Zuiderzee (heute Ijsselmeer) mündete. Sehenswert sind die über 300 Jahre alte Sägemühle „De Rat“ (Die Ratte), die immer noch im Betrieb ist, und das Museum für Firma Nooitgedagt (Deutsch: nie gedacht). Dieses Unternehmen wurde in den ganzen Niederlanden berühmt wegen seiner Hobel, Holzspielwaren und vor allem Schlittschuhe. Die sogenannten „Friese doorlopers“ bestehen aus einer Holzkonstruktion, unter welcher das Eisen des Schlittschuhs befestigt ist.

Im Besucherhafen in der kleinen Stadt IJlst kann der Besucher mit etwas Glück eine andere friesische Spezialität erleben: das Fierljeppen. Stabweitsprung oder Pultstockspringen. Eine Sportart, die es nur in Friesland gibt. Mit vollem Anlauf wuchten sich die Sportler in der kleinen Trainingsanlage beim Hafen eine acht bis 13 Meter lange Stange hinauf, klimmen sich mit drei oder vier schnellen Zügen empor und springen beim Fallen des Stocks auf die andere Seite des Ufers hinüber. So sollen die alten Friesen die vielen Gräben und Wasserläufe des Landes überquert haben. In Nordwestdeutschland ist das Fierljeppen auch unter der Bezeichnung Klootstockspringen bekannt.

Auf dem Heeger Meer könnte es für Kapitäne erstmals ungemütlicher werden: Bei Wind gilt es höhere Wellen zu durchpflügen, wenn der Kurs Sloten (friesisch Sleat) lauten soll. Die kleinste der elf Städte zählt lediglich 760 Einwohner, ist aber ein echter Hingucker. Idyllisch liegen die Häuser an einer Gracht, aufgereiht wie an einer Perlenkette. Auf einem Hügel erinnert eine Kanone an die strategische Bedeutung der Stadt.

Wenige Meter davor in Schussrichtung realisiert der friesische Künstler Dirk Hakze zusammen mit 1919 Künstlern bis zum 1. Oktober 2018 ein Gesamtkunstwerk. Pro Tag arbeiten 19 Künstler an ihren Werken und bemalen Leinwände mit Acryl-Farben. So entsteht eine Galerie auf dem freien Feld. Über das Sloter Meer führt die Fahrt nach Balk. Dort muss eigens der Brückenmeister herbeitelefoniert werden, um die Brücke anzuheben. Die Maut wird stilecht holländisch beglichen. An einer Angel lässt der Brückenwart einen Holzschuh herab aufs Boot. Die Fahrt durch den Kanal „De Luts“ zu den ebenfalls sehr sehenswerten westfriesischen Städten Stavoren, Hindeloopen und Workum ist eine enge Kiste. An vielen Stellen passen auf dem zugewachsenen schmalen keine zwei Boote nebeneinander. Ausweichmanöver sind kaum zu vermeiden im grünen Tunnel, der auch den Namen „Bremer Wildernis“ trägt. Nicht ohne Grund.


Bootsverleih: Langweerder Sloep, Pontdyk 8F, Langweer (www.langweerdersloep.nl).

Info

Zur Sache

Die Riesen kommen

Einer der absoluten Höhepunkte des Kulturhauptstadtjahres in Friesland steht vom 17. August bis 19. August 2018 auf dem Programm. Das französische Straßentheater-Ensemble Royal de Luxe kommt nach Leeuwarden und bringt seine Riesen mit. Die beeindruckenden 15-Meter-hohen Figuren werden drei Tage lang zu Fuß durch die Straßen und Gassen der Kulturhauptstadt laufen und das Stück „De Grote Schaats in het IJs“ (Der große Schlittschuh im Eis) aufführen. Hunderte von Freiwilligen werden die überdimensionalen Figuren begleiten. Dutzende Helfer hängen an Seilen und in Trapezen, um die Füße vorwärts zu bewegen. Die genaue Zeit und die Routen werden eine Woche im Voraus angekündigt.

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