Mittelalterliche Baustelle in Frankreich Urlaub im Mittelalter

Im Herzen von Burgund kann man für ein paar Tage an einer Burg mitbauen
10.02.2020, 16:22
Lesedauer: 6 Min
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Von Annemarie Struß-von Poellnitz

Guédelon. Inmitten dunkler Wälder, fernab der großen Straßen, liegt Guédelon. Auf der Landkarte ist der Ort, circa 40 Kilometer westlich von Auxerre in Burgund, kaum zu finden. Und doch strömen jedes Jahr knapp 300 000 Besucher dorthin, um eine Baustelle zu erleben, die es so auf der Welt nur einmal gibt: In Guédelon entsteht eine mittelalterliche Burg. Was 1996 als leicht spleenige Idee eines Schlossbesitzers aus St. Fargeau begann, ist heute ein von Wissenschaftlern begleitetes Beispiel für experimentelle Archäologie.

Wie wurde im 13. Jahrhundert gebaut, wie das Material transportiert, die Statik berechnet? Darüber gibt es kaum Aufzeichnungen. Deshalb sind die täglichen Erfahrungen der etwa 60 Handwerker für die Wissenschaftler so wertvoll. Wer will, kann für ein paar Tage Teil der Crew werden und als „Batisseur“, als Erbauer, selbst mit Hand anlegen.

Die Gruppe besteht aus zehn Personen, Männern und Frauen zwischen 16 und 75 Jahren. Einige sind zum ersten Mal dabei, andere wie Evelyne verbringen schon zum dritten Mal einen Teil ihres Urlaubs auf der Baustelle. Batiste, der für die Batisseurs zuständig ist, erklärt, wie das Projekt entstanden ist und wie die Baustelle funktioniert.

In Guédelon wird keine originäre mittelalterliche Burgruine wieder aufgebaut, dennoch war eine historische Entdeckung Auslöser für das spektakuläre Projekt. Im nahe gelegenen Schloss Saint-Fargeau wurden bei Renovierungsarbeiten Überreste einer Burganlage aus dem Spätmittelalter entdeckt. Zwei Burgenkundler erstellten eine Studie zur Rekonstruktion, die sie dem Besitzer von Saint-Fargeau, Michel Guyot, überreichten. Er war begeistert und steckte andere an mit seiner Idee. Man wurde sich allerdings schnell einig, nicht auf den Resten der alten Anlage des Schlosses zu bauen, sondern eine ganz neue Burg zu errichten – aber so, wie man sie im 13. Jahrhundert gebaut hätte.

Um unter möglichst realistischen historischen Bedingungen zu arbeiten, brauchte man für das Projekt eine „Erzählung“, eine fiktive Geschichte: Wann wurde mit dem Bau begonnen? Wer ließ die Burg erbauen, und wie war seine historische Stellung in der damaligen Feudalgesellschaft? Als imaginärer Bauherr gibt Guilbert, ein Grundherr von niederem Adel, den Bau 1228 in Auftrag. Er ist ein Vasall Johanns von Toucy, der wiederum dem damaligen französischen Königs Ludwig IX. Vasallendienste zu leisten hatte. Guilberts Stand in der feudalen Hierarchie ist niedrig, seine finanziellen Mittel sind begrenzt. Sein Hofstaat besteht aus seiner Familie und wenigen Untergebenen. Er lässt eine kleine Burg, fernab von Paris, in der Provinz errichten. Ein geeigneter Bauplatz findet sich an einem aufgegebenen Steinbruch in der Gemeinde Treigny im Departement Yonne, mitten im Wald. Dort gibt es Holz, Sand, Ton, Steine und Wasser und damit fast alles, was für den Bau gebraucht wird. Denn weite Transporte waren im Mittelalter viel zu aufwendig.

Nach ersten mühsamen Anfängen gaben der französische Staat und die EU eine Finanzspritze von 2,5 Millionen Euro. Über Eintrittsgelder, Andenkenshops, Gastronomie und Spenden finanziert sich die Baustelle heute selbst. 1997 wurde mit dem Bau begonnen, 2023 soll die Burg stehen. Aber schnell fertig zu werden, sei nicht das Ziel, erläutert Batiste. Es geht um Erleben und Erfahren. Techniken wie Bauen mit Lehm und Holz weisen längst nicht mehr nur zurück in das 13. Jahrhundert, sondern in eine Zukunft, in der ökologisches Bauen und der nachhaltige Umgang mit vorhandenen Rohstoffen an Bedeutung gewinnen. Und so hat jeder Handwerker auf der Baustelle auch zwei Aufgaben: das Bauen selbst und das Erklären seiner Technik. Alles ist Handarbeit. Dadurch bekommen Zeit, Können und Erfahrung eine ganz neue Bedeutung.

Aber zunächst gibt es für die Helfer erst einmal etwas zu essen. Mittags treffen sich alle im Refektorium. Die Mahlzeiten sind einfach und lecker, meist vegetarisch. Getrunken wird Leitungswasser, das in großen Krügen auf den langen Holztischen steht. Die Stunde Pause ist schnell verflogen, und die neuen Batisseurs müssen sich noch umziehen. Es gibt in Guédelon eine strenge Kleiderordnung. Dabei geht es nicht um mittelalterlichen Mummenschanz. Aber da die Besucher eine Zeitreise ins Mittelalter erleben sollen, sind grelle Farben, modische Bekleidung oder auffallender Schmuck verpönt. Leinen oder Baumwolle in Naturfarben und möglichst schlichte Schnitte sind erwünscht. Uhren und Handys werden in einfachen Leder- oder Stoffbeuteln verstaut und am Gürtel getragen. Konzessionen an die heutige Zeit werden beim Arbeitsschutz gemacht: Erlaubt sind nur Sicherheitsschuhe mit verstärkten Kappen, bei der Bearbeitung von Steinen und in der Schmiede müssen Schutzbrillen getragen werden.

Die Handwerker melden ihren Bedarf an Hilfskräften bei Batiste an. Die Hilfsbauarbeiter steigen mit Mike, der trotz seines englischen Rufnamens ein waschechter Franzose ist, hinauf auf den Turm, der rechts vom Torhaus hochgezogen wird. Mit ihm haben die Helfer einen guten Lehrmeister erwischt, der ihnen geduldig erklärt, wie die schweren Steine behauen und an ihren Platz gehievt werden. Bloß nicht mit rundem Rücken runterbeugen, immer in die Knie gehen und langsam hochheben, mahnt er. „Dieser Stein ist zu groß, da muss ein Drittel weg“, sagt er und reicht Hammer und Beitel rüber. „Es geht nicht um Kraft. Siehst du diese Ader? Da musst du den Beitel ansetzen und eine Rille hineinschlagen. Dann kannst du hier den stumpfen Hammer ansetzen, und mit ein paar Schlägen ist die ganze Ecke ab.“ So einfach ist es dann doch nicht, und schließlich passt der Stein perfekt. Das Klopfen der Steinhämmer ist das lauteste Geräusch, das man auf der Baustelle hört, denn Maschinen gibt es ja nicht.

Wenn auf dem Turm mehr Material gebraucht wird, müssen zwei Personen ins „Hamsterrad“: Zwei große Holzräder treiben über ein Zahnrad eine Winde, die den Korb mit den Steinen hinaufzieht. Durch zügiges Vorwärtsgehen, möglichst im Gleichschritt, bewegen sich die Räder. Wenn man aus dem Takt kommt, landet man unelegant auf dem Hosenboden, zur Freude der Zuschauer, die das Spektakel mit dem Handy festhalten.

Um 18.30 Uhr läutet die Feierabendglocke. Die Baustelle wird aufgeräumt und alle strömen Richtung Refektorium, um sich umzuziehen. Wieder im 21. Jahrhundert angekommen, geht es noch schnell zum nächsten Super-U in Saint Armand, um etwas Leckeres für das Abendessen zu kaufen.

Am nächsten Morgen um 9 Uhr versammeln sich alle im Burghof, wo die Arbeit verteilt wird. Um die Burg herum ist ein kleines Dorf entstanden, mit Ziegelei, Schmiede, Seilerei, Gartenbau und dem Atelier des Pigments, der Farbherstellung. Also viele Möglichkeiten für die Batisseurs, jeden Tag neue Erfahrungen zu sammeln.

Auf der Baustelle werden Ziegel gebraucht. Der Brennofen soll das erste Mal in diesem Jahr gefüllt und angeheizt werden. Die Kunst besteht darin, die von Hand geformten und an der Luft getrockneten Ziegel so in der Brennkammer zu stapeln, dass möglichst viel hineinpasst und die Hitze sich gleichmäßig verteilen kann. Diese Kunst beherrscht Bruno, erworben in jahrelanger Erfahrung. Auf Holztragen stapeln die Batisseurs die Ziegel, schleppen sie den Erdhügel hoch, der den Ofen umgibt, und reichen sie den Helferinnen an, die in der oben offenen Brennkammer stehen. Richtig schwierig wird es auf dem letzten halben Meter. Niemand passt mehr in die Kammer, aber der Raum muss gefüllt werden. Was tun? Bruno grinst: „Wirst du gleich sehen“. Schon hängt Lucienne, eine zierliche junge Helferin, mit dem Kopf nach unten in der Lücke, Bruno hält sie an den Beinen, und die Batisseurs reichen ihr die Ziegel an. Mit hochrotem Kopf taucht sie schließlich wieder auf. Geschafft! Die letzten Lücken werden mit Krügen aus der Töpferei gefüllt. Dann wird die Brennkammer abgedeckt. Der Brennvorgang dauert insgesamt vier Tage. Der Ofen muss langsam angeheizt werden. Immer wieder prüft Bruno die Temperatur. Erst nach dem Öffnen zeigt sich, ob der Brand gelungen ist.

Aber da ist das Abenteuer Guédelon für die Batisseurs schon zu Ende und die nächste Gruppe übernimmt.

Info

Zur Sache

Arbeiten in Guédelon

Der Ort Guédelon liegt etwa 40 Autominuten westlich von Auxerre und zwei Stunden von Paris entfernt. Er kann vom Frühjahr bis zum Herbst besucht werden.

Anreise und Übernachtungstipps gibt es im Internet unter www.guedelon.fr, auch mit deutscher Übersetzung.

Batisseurs können vier bis sieben Tage an den Arbeiten in Guédelon teilnehmen. Wer als Batisseur auf der Baustelle arbeiten will, muss allerdings Französisch sprechen können.

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