Saimaa-Seen siebenmal größer als Bodensee

Himmlische Ruhe im Naturparadies

Das finnische Saimaa-Seengebiet ist eine riesige, von Menschenhand kaum berührte Wald- und Seenlandschaft mit zahlreichen Inseln
19.08.2020, 14:19
Lesedauer: 7 Min
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Von Andreas Jacobsen
Himmlische Ruhe im Naturparadies

Allein mit dem Wasser und den Wolken – tagelang, wochenlang.

Savonlinna Travel

Kuopio. Ein sonniger Tag am Pielinen-See im Osten Finnlands. Kein Wölkchen ist am Himmel zu entdecken. Außer dem Geschrei der Möwen herrscht absolute Stille. Hohe Birken, die sich fast unmerklich im Wind wiegen, werfen ihre Schatten auf das spiegelglatte Wasser. Beim Panoramablick auf die mosaikartig aus blau-schimmernden Gewässern und grünen Inselwäldern zusammengesetzten Seenlandschaften glaubt man seinen Augen nicht zu trauen – das ist wie ein Finnland-Poster in echt, einfach sagenhaft schön. Diese einmalige Aussicht aus 225 Metern Höhe vom Puijo, einem Turm am Rand der Stadt Kuopio, auf das ostfinnische Saimaa-Seengebiet zählt zu den schönsten im ganzen Land. Nirgendwo sonst in Europa gibt es ein ähnlich verzweigtes Gewässer-Labyrinth aus Seen unterschiedlichster Größe – der Bodensee würde dort gut siebenmal hineinpassen – , ein riesiges Puzzle, das die Eiszeit hinterlassen hat, mit unzähligen kleinen und größeren Inseln, die sich, bewaldet, als grüne Tupfer bis zum Horizont verlieren. Die Uferlinie hat eine Länge von mehreren Tausend Kilometern.

Über weite Strecken ist die ganze Gegend eine ungestörte, von Menschenhand kaum berührte Naturidylle, in der Flora und Fauna noch intakt sind. Wer sie per Schiff durchquert, meint, in herrenloses Land einzudringen – über einem ist der im Sommer oftmals wolkenlose Himmel, um einen herum zahllose Felseneilande, die sich in unregelmäßigem Abstand aneinanderreihen und auf denen sich das Grün der Blätter wie ein Schirm ausbreitet. Dort kann man tagelang unterwegs sein, ohne einer Menschenseele zu begegnen, und es gibt Gelegenheit genug, die Natur zu erkunden, vor sich hin zu dösen und den Tag zu vertrödeln – ohne dass einen irgendjemand dabei stört. Dass man dabei in den Sommerhäusern häufig auf Strom und fließend Wasser verzichten muss, gehört dort einfach dazu.

An manchen Stellen beträgt die Wassertiefe im Saimaa gerade mal 50 Zentimeter. Segler, Paddler, Kanu- und Motorbootfahrer sind deshalb gut beraten, beim Erkunden der schier endlosen Seenplatte genaues Kartenmaterial an Bord zu haben. Vermerkt sind knapp 3000 Kilometer Wasserrouten, ebenso geeignete Ankerplätze. Zwar gibt es in den skandinavischen Ländern das Jedermannsrecht, also die Möglichkeit, sich frei in der Natur zu bewegen. Aber es wird vorausgesetzt, dass man sich dort weder umweltschädigend noch störend verhält. Richtig abschalten lässt es sich auch in kleinen Landhotels, die ein begrenztes Platzangebot haben und durch ihre einsame Lage engsten Kontakt mit der Natur garantieren. Auf Wunsch schippert ein Einheimischer die Gäste im selbst gebauten Ausflugsboot über den nur ein paar Schritte entfernten malerischen See und serviert dabei Kaffee und Blaubeerkuchen, oder er führt sie auf verschlungenen Pfaden durch angrenzende Waldabschnitte, in die sich schon mal Meister Petz verirrt, wenn auch nur höchst selten. Aber keine Angst, die Bären gelten als äußerst menschenscheu und verziehen sich schnell.

Ausflüge mit alten Saimaa-Dampfern – vorbei an der mittelalterlichen Burg in Savonlinna.

Ausflüge mit alten Saimaa-Dampfern – vorbei an der mittelalterlichen Burg in Savonlinna.

Foto: Savonlinna Travel

Wer die totale Abgeschiedenheit bevorzugt, ohne jedoch auf Vollpension und Freizeitaktivitäten verzichten zu wollen, muss von Kuopio 100 Kilometer in nördlicher Richtung fahren. „Unsere Anlage ist ein Waldgutshof für Gruppen, Familien und Einzelpersonen“, beschreibt Gutsleiterin Tuula das auf einer Halbinsel gelegene, von Birken, Fichten und Ebereschen bewachsene Seengelände, das man fernab der Zivilisation nur über Schotterpisten erreicht. „Bei uns kann man der Natur zuhören, den Vögeln, dem Wind und dem Wasser, ohne dass man gestört wird.“ Aber es gebe auch Momente völliger Stille, fügt Tuula hinzu. Manchmal sei es derart ruhig, dass Fremde richtig Angst bekämen. Doch totale Stille würde helfen, sich auf sich selbst zu konzentrieren, ein Zustand, den Finnen mit „olla vain“ bezeichnen, was „nur sein“ bedeutet. Im benachbarten Nationalpark Tiilikanjärvi mit seinen uralten Föhren, hölzernen Stegen, Teichen und glasklaren Gewässern sind Hecht und Zander für passionierte Angler leichte Beute. Auch Pilz- und Beerensammler werden dort reich belohnt, besonders mit Sumpf- und Moosbeeren.

Und was ist mit den Mücken? Sind nicht sie die gefürchteten Störenfriede im Wald- und Seenparadies? Teemu, ein Kollege von Tuula, stellt lakonisch fest, es gebe verschiedene Mückenarten, die von Anfang Mai bis Anfang Juli am häufigsten vorkämen. Wer an sie gewöhnt sei, würde ihre Stiche nicht merken. Nun denn.

Schon Zar Alexander I., zu dessen Herrschaftsbereich Finnland im 19. Jahrhundert gehörte, nachdem Schweden 1809 seine 600-jährige Herrschaft über das Land abtreten musste, schätzte die Gegend so sehr, dass er das Fällen von Bäumen strikt untersagte, um die Schönheit der Natur zu bewahren. Und Zar Nikolaus II. ließ es sich auch nicht nehmen, in diesem Teil seines finnischen Großfürstentums mehrere unbeschwerte Sommer zu verbringen – als Alternative zu Ferien auf der Krim oder in mondänen Urlaubsorten wie Biarritz, Nizza und Cannes. Seit 1917 ist „das kleine Land des großen Volkes“ (Maxim Gorki) selbstständige Republik. Heutzutage scheint die Gegend mit der Opernfestspielstadt Savonlinna als Zentrum noch immer beim großen Nachbarn jenseits der Grenze sehr beliebt zu sein, auch wenn aufgrund der Corona-Pandemie die Russen zurzeit nicht nach Finnland einreisen können; die Zahl russischer Besitzer von finnischen Grundstücken und Sommerhäusern ist jedenfalls beeindruckend. Von ihnen bevorzugt wird die Umgebung der Ferienorte Puumala und Punkaharju. Ganz in der Nähe führt ein schmaler, zum Teil befahrbarer Moränenrücken mitten durch die grün-blaue Seen- und Insellandschaft. Und in der Gemeinde Kerimäki am See Puruvesi glaubt man erneut seinen Augen nicht zu trauen: Dort steht die größte Holzkirche der Welt, die Kerimäen kirkko mit Platz für 5000 Personen.

Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten im Saimaa-Seenlabyrinth und in Finnland überhaupt zählt ein orthodoxes Kloster: Neu-Valamo. Jedes Jahr suchen Zehntausende in- und ausländische Besucher diese Oase der Frömmigkeit in der kleinen Ortschaft Heinävesi auf, um inmitten einer schönen und friedlichen Natur den Ikonenreichtum der Mönche zu bewundern. Zur Klosteranlage gehören ein Hotel und ein Restaurant, wo als kulinarische Spezialität verschiedene Speisen aus Karelien, der früheren Klosterheimat, auf den Tisch kommen, unter anderem Gurken mit Honig, Pilzsalate, Maränen-, Lachs- und Hirschfleischgerichte. Dazu trinkt man weißen oder roten Johannisbeerwein, der im äußersten Osten an der Grenze zu Russland angebaut wird. Im orthodoxen Kirchenmuseum in Kuopio sind kostbare Grabtücher und kiloschwere Brokatumhänge zu bewundern, beides Geschenke der Zarenfamilie für die Mönche des alten Klosters im heute russischen Ladogasee, und so gilt das Museum zu Recht als Fundgrube für Zeugnisse einer im Westen fast vergessenen Kirchenkultur.

Um die Seengebiet-Besucher auf weitere kulturelle Highlights aufmerksam zu machen, die sonst von Fremden kaum beachtet werden, gibt es ein Rundfahrten-Programm, das sich „Charmantes Saimaa“ nennt und in dem etwa alte Herrenhäuser vorstellt werden, die eine schwedisch oder russisch geprägte Vergangenheit haben. Aber auch idyllisch gelegene, teils schlossartige Hotelgebäude sowie Ausflugsdampfer der Saimaa-Flotte wie die 115 Jahre alte „Punkaharju“ lassen sich auf den Fahrten entdecken und sogar ein Weingut, in dem edle Tropfen nicht aus Trauben gekeltert werden, sondern aus verschiedenen Beerensorten.

Lukullischer Höhepunkt der Rundreise ist ein Besuch im mehr als 100 Jahre alten Gutshof Tertti nahe der Stadt Mikkeli. Sein mit vorwiegend schwedischen Antiquitäten und Jagdutensilien geschmücktes Restaurant gilt als bestes in der Region. Wild- und Fischdelikatessen stehen auf der Speisenkarte, das Angebot lässt auf eine elegante Esskultur schließen, die man im Norden Europas kaum erwartet.

Ein berühmter Bewohner der Gewässer lässt sich nur höchst selten entdecken: die possierliche Saimaa-Ringelrobbe. Von dieser vom Aussterben bedrohten Gattung existieren heute kaum noch 300 Tiere und die erspäht man, wenn überhaupt, im Seengebiet um Savonlinna. Dort, wo normalerweise die renommierten, international bekannten Opernfestspiele in der mittelalterlichen Burg Olavinlinna stattfinden, steigen Wasserflugzeuge zu Panorama-Flügen in den stahlblauen nordischen Himmel über dem Pihlajavesi-See auf. Aus der Luft sieht man erst so richtig, wie verschwenderisch die Natur mit der Seenplatte am Werk war: unzählige Inseln im bizarr geformten Geflecht – alle scheinbar gleich und doch nicht ähnlich. Bertolt Brecht schrieb 1940 in seinem finnischen Exil tief beeindruckt: „Wo gibt’s so einen Himmel als über Tavastland? Ich hab gehört, er ist an anderen Stellen blauer, aber die Wolken gehen feiner hier, die finnischen Winde sind behutsamer, und ich mag kein anderes Blau, auch wenn ich es haben könnte.“

Und eine junge Finnin, die häufig auf Stippvisite im Saimaa-Seengebiet ist, beschreibt, was sie an dieser Naturidylle so fasziniert: „Schwierig zu erklären, aber alles scheint irgendwie zu stimmen: der warme Wind auf der Haut, das Plätschern der Wellen, der Gesang der Vögel. Dass man einfach existieren kann und die Natur genießen. Man hat das Gefühl, eins zu sein mit der Natur.”

Info

Zur Sache

Saimaa-Seengebiet

Anreise: mit dem Flugzeug nach Helsinki (Anschlussflüge ins Saimaa-Seengebiet). Mit der Bahn Fahrtdauer von Helsinki ins nördliche Saimaa-Gebiet nach Kuopio fünf Stunden, nach Savonlinna viereinhalb Stunden. Per Fährschiff reist man von Travemünde nach Helsinki.

Unterkunft: Eine Woche im Ferienhaus für vier Personen kostet zwischen 200 und 500 Euro, im Landhotel zahlt man für die Übernachtung mit Frühstück zwischen 50 und 80 Euro pro Person, im Waldgutshof etwa 50 Euro pro Person – es werden auch Tages- und Wochenpauschalen angeboten.

Sehenswürdigkeiten: Der Koli Nationalpark – in diesem Teil der Seenlandschaft ist die Aussicht vom Berg Koli (347 Meter) auf das Seenpuzzle ähnlich beeindruckend wie vom Puijo-Turm. Der finnische Komponist Jean Sibelius soll sich dort zu seiner bekannten sinfonischen Dichtung „Finlandia“ inspiriert haben lassen. Infos unter www.koli.fi. Die Karelische Kirchenstraße (Via Karelia), ein karelisch-orthodoxer Reise- und Pilgerweg, beginnt am Karvio-Kanal in Heinävesi und endet in Värtsilä an der russischen Grenze. Infos unter www.valamo.fi. Orthodoxes Kirchenmuseum in Kuopio. Infos unter www.kuopio.fi.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.visitsaimaa.fi/de sowie unter www.visitfinland.com und ebenso auf den Webseiten www.visitsavonlinna.fi/de sowie auf www.visitmikkeli.fi. Weitere Informationen zur Ferienhaus-Vermittlung gibt es unter www.lomarengas.fi/en.

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