Interview mit Virologen über Urlaubsrisiken „Ein gewisses Risiko bleibt“

Die Bilder von Ballermann-Partys am Wochenende haben eine Debatte ausgelöst, ob rückkehrende Urlauber neue Infektionswellen auslösen können. Dazu ein Interview mit dem Virologen Andreas Dotzauer.
16.07.2020, 05:00
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„Ein gewisses Risiko bleibt“
Von Silke Hellwig

Herr Dotzauer, haben Sie Urlaubspläne, die Sie in diesem Sommer nach Mallorca führen?

Andreas Dotzauer: Nein, habe ich nicht. Selbst wenn ich sie gehabt hätte, würde ich momentan vor einer solchen Reise zurückschrecken.

Der Mediziner und SPD-Politiker Karl Lauterbach hat in der „Welt“ am Mittwoch darauf hingewiesen, dass auch Touristen, die Mallorca besuchen, ohne sich dem Ballermann zu nähern, ein gewisses Risiko eingehen, weil sie sich ein Flugzeug mit Ballermann-Gästen teilen. Wie schätzen Sie dieses Risiko ein?

Ich schätze es genauso ein wie Herr Lauterbach. Im Flugzeug sitzen die Passagiere praktisch Schulter an Schulter. Wenn jemand infiziert ist, reicht es, wenn er nur kurz seine Maske abnimmt, um etwas zu trinken, um andere womöglich anzustecken.

Allerdings soll laut dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft kein anderes öffentliches Verkehrsmittel über ein so umfassendes System des Luftaustauschs und der Luftreinigung verfügen wie Flugzeuge.

Das stimmt. Es gibt aber Untersuchungen, die zeigen, dass nicht alle Passagiere, aber der unmittelbare Nachbar immer noch einer höheren Infektionsgefahr ausgesetzt ist. Ein gewisses Risiko bleibt. Außerdem weiß man nicht, wie sich die Mitreisenden benehmen. Das Personal kann nicht alle im Blick haben. Ich würde mich in einem Flugzeug unwohl fühlen.

Die Situation vom Wochenende am Ballermann ähnelt im Großen und Ganzen der in Ischgl?

Auf jeden Fall. Auch am Ballermann wurde offenbar herumgegrölt und gesungen, manche Urlauber teilten sich Getränke. In Ischgl wurde die Verbreitung des Virus begünstigt, weil die Partys in geschlossenen Räumen stattgefunden haben. Glücklicherweise sind die Infektionsraten in Deutschland derzeit niedrig. Das heißt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man bei so einer Party auf einen Infizierten trifft, nicht so hoch ist. Aber es gab dort auch andere Menschen, aus anderen Ländern und Regionen, wo es vielleicht ganz anders aussieht.

Offenbar sind es viele junge Leute, die die Pandemie zumindest zeitweise bewusst vergessen. Vermutlich, weil es oft heißt, dass Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen schwer erkranken.

Darauf kann man sich nicht verlassen. Es gibt auch Fälle von jungen Menschen, die an Covid-19 gestorben sind. Es zeigt sich, dass es teilweise zu schweren neurologischen Beeinträchtigungen kommt. Prozentual sind das wenige Fälle, aber es gibt sie, und niemand weiß, ob man selbst auch einer dieser Fälle werden kann oder nicht.

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Karl Lauterbach plädiert in der „Welt“ dafür, alle Urlauber aus „Risikogebieten wie Mallorca“ nach ihrer Rückkehr verpflichtend zu testen. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery schlägt eine zweiwöchige Quarantäne vor. Was sagen Sie?

Ich denke, eine Kombination aus beidem wäre richtig. Testen alleine hilft nichts, weil sich gezeigt hat, dass der menschliche Körper unterschiedlich auf das Virus reagiert. Bei manchen ist es schon nach wenigen Tagen nachzuweisen, bei anderen dauert es länger. Ein einmaliger Test bei Rückkehr bringt entsprechend keinen verlässlichen Befund. Wenn die Sorge besteht, dass man sich infiziert hat, ist eine Quarantäne von mindestens 14 Tagen unumgänglich. Während dieser Zeit muss getestet werden.

Oder man fliegt am besten erst gar nicht dort hin?

Man kann durchaus verreisen, aber man muss aufpassen und sich akkurat an die Standardregeln halten, die jeder kennen sollte. Die niedrigen Infektionszahlen in Deutschland zeigen, dass das Tragen von Masken und das Abstandhalten sehr wirkungsvoll sind.

Würden Sie Menschen aus dem Weg gehen, von denen Sie wissen, dass sie auf Mallorca waren?

Ich würde, wenn ich das wüsste, sehr darauf achten, größeren Abstand zu ihnen zu halten.

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Das Problem wird sein, dass man nicht weiß, wer wann wo und wie seinen Urlaub verbracht hat. Das ist unmöglich zu kontrollieren. Man muss auf die Vernunft der Bürger setzen.

Grundsätzlich kann man sich darauf wohl auch verlassen. Aber wer am Ballermann feiert, ohne sich um die gültigen Regeln zu scheren, ist ein Ignorant. Da sucht man vergebens nach Einsicht. Ich kann diesen Realitätsverlust nicht nachvollziehen. Die Leute tun so, als ob die Maskenpflicht ihnen etwas Ungeheuerliches abverlangen würde. Jedem ist die Maske lästig, aber sie tragen zu müssen, um sich und andere zu schützen, tut nicht weh und ist kein Verstoß gegen die Menschenrechte.

Wenn man infiziert von der Ballermann-Party zurückkehrt, steckt man schlimmstenfalls am Arbeitsplatz seine ganze Abteilung an und bringt jemanden ins Krankenhaus . . .

. . . und im allerschlimmsten Fall kommt jemand durch diese Ignoranz um.

Info

Zur Person

Andreas Dotzauer ist Virologe und Leiter des Laboratoriums für Virusforschung an der Uni Bremen.

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