Reiseziel Chicago Verrückt nach Sport

Chicago ist eine Sportstadt. Die Spitzenteams der Millionenmetropole faszinieren Einheimische und Touristen. Die US-Stadt hat besonders leidenschaftliche Fans, wie die Reise durch Chicago gezeigt hat.
27.01.2019, 13:25
Lesedauer: 7 Min
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Von Marlo Mintel

Grant DePorter hat einen Basketballkorb. Das ist in den USA nicht ungewöhnlich. Schließlich steht in vielen Hofeinfahrten einer. Was aber den Korb DePorters von einem Handelsüblichen unterscheidet: Seiner hat Sportgeschichte geschrieben. Am 14. Juni 1998 stand der Korb in der Arena der Utah Jazz, einem Team der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA. Es ist der Korb, in dem
Michael Jordan – für viele Experten bis heute der beste Basketballspieler aller Zeiten – den letzten Wurf seiner Karriere versenkte und den Chicago Bulls in sprichwörtlich letzter Sekunde die Meisterschaft bescherte. Heute steht das Original im Chicago Sports Museum von Grant DePorter.

Der 54-jährige Sammler und Gastronom hat in der siebten Etage des Einkaufszentrums Water Tower Place einen interaktiven Spielplatz für Sportfans und Touristen geschaffen. Das Museum befindet sich entlang der
Magnificent Mile. So heißt in Chicago der Abschnitt der Michigan Avenue, an dem sich Geschäfte, edle Restaurants, Boutiquen, Galerien und Nachtklubs aneinanderreihen. „Es gibt keinen besseren Ort, die Sportgeschichte Chicagos zu erleben als hier“, sagt DePorter über sein Museum. „Ich glaube, es gibt nichts Vergleichbares in den USA.“

Die heimische Presse adelt das Museum. Die Online-Zeitung „Huffington Post“ hält es für ein „Mekka der Erinnerungsstücke für Touristen und Fans von Sport in Chicago“. Die überregionale Tageszeitung „Chicago Tribune“ zählt es zu den 20 Sportattraktionen im Bundesstaat Illinois, die „man gesehen haben muss“. Aber warum?

Das Museum ist eine Hommage an die Sportstadt Chicago, aus der Grant DePorter stammt. Ob Basketball, Baseball, Eishockey, American Football oder Fußball, alle Spitzenteams der Stadt finden dort ihren Platz. Die Besucher können eine einzigartige Sammlung an seltenen, signierten, im Spiel getragenen Sport-Erinnerungsstücken bewundern. Ausgestellt ist zum Beispiel der Football, mit dem Walter Payton, Quarterback-Legende der Chicago Bears, im Dezember 1987 seinen letzten Touchdown der Karriere erzielte. Sein wertvollstes und persönlichstes Lieblingsstück hat Grant DePorter zerstört. Es ist ein Baseball, der sogenannte „Bartman-Ball“. Ihn erwarb auf einer Internetauktion – für 113.824 US-Dollar, etwa 99.000 Euro. Dieser Ball hat eine besondere Geschichte.

Im Oktober 2003 standen die Chicago Cubs kurz vor dem Einzug in die World Series, das Finale der US-amerikanischen Baseball-Profiliga MLB. Cubs-Fan Steve Bartmann saß während des Playoff-Heimspiels gegen die Florida Marlins auf der Tribüne. Der Ball flog in Richtung Zuschauerränge. Bartman sah seine Chance, den Ball zu fangen. Dummerweise behinderte er dabei einen Cubs-Spieler, sodass ein mögliches gegnerisches Aus nicht zustande kam. In der Folge erholten sich die Cubs von dieser Aktion nicht mehr, den vermeintlich sicheren Sieg gaben sie noch aus der Hand.

Abergläubische Fans wie DePorter konnten das Unglücksspiel nicht vergessen. „Es hat einfach weh getan“, sagt DePorter rückblickend. Er wollte den Ball unbedingt haben, um den Fluch des Teams zu beenden. Am 26. Februar 2004 wurde der „Bartman-Ball“ feierlich zerstört. Die Fetzen können im Chicago Sports Museum bestaunt werden.

Neben den zahlreichen Erinnerungsstücken bietet das Museum interaktive Erlebnisse. Besucher können ihre Armspannweite mit der von Bulls-Legende Scottie Pippen vergleichen, sich virtuell als Eishockey-Torwart der
Chicago Blackhawks versuchen oder ebenso virtuell probieren, Home Runs als Baseballspieler der Chicago White Sox zu erzielen.

In seiner Stadt habe der Sport für die Menschen einen besonders hohen Stellenwert, sagt Grant DePorter. „Sport ist in Chicago wie eine Religion.“ DePorter zieht einen Vergleich zu anderen US-Städten. „Wir haben hier kein Hollywood wie in Los Angeles. New York hat vielleicht berühmte Schauspieler. Die Prominenten in Chicago sind die Sportler. Die sind hier die Superstars.“

Die größte Rivalität der Millionenstadt ist zweifellos die zwischen den Cubs und den White Sox im Baseball. Welchem Team man angehört, hängt vorwiegend von der Wohngegend in Chicago ab. Im südlichen Teil der Stadt sowie in den südlichen Vororten leben vor allem Fans der White Sox. Cubs-Anhänger kommen vorrangig aus dem Norden. Die Fans bezeichnen sich landläufig auch als „North Siders“ oder „South Siders“.

Treffen beide Teams aufeinander, ist die Atmosphäre elektrisierend – wie etwa im vergangenen Jahr kurz vor den Playoffs. Austragungsort des Stadtderbys ist das Guaranteed Rate Field. So heißt das Stadion der White Sox. Die Arena mit etwas mehr als 40.000 Sitzplätzen liegt am Ostrand des Arbeiterviertels
Bridgeport. Durch die sehr nahe Haltestelle SOX der Red Line, der Hochbahnlinie in Chicago, ist die Arena auch ohne Auto sehr gut zu erreichen. Es empfiehlt sich aber für die An- und Abreise, Apps wie Lyft oder Uber via Smartphone zu nutzen. Diese Fahrdienste funktionieren wie Taxis. Die Apps haben den Vorteil, dass Nutzer im Vorhinein einsehen können, wie teuer die Fahrt ist. Zudem gibt es einen Transfer von „Tür zu Tür“. Die App rechnet automatisch den Preis der Fahrt ab.

Friedliche Stimmung

Etwa anderthalb Stunden vor dem Start des Derbys herrscht rund um das Stadion viel Bewegung. Neben einem der Eingänge steht eine kleine Bühne. Davor hat sich eine Gruppe von Cubs- und White-Sox-Anhängern versammelt. Sie wippen mit ihren Köpfen, tanzen zur Musik einer Rockband, die den AC/DC-Klassiker „You shook me all night long“ spielt.

Auch auf den riesigen Parkplätzen ist die Stimmung friedlich. Heim- und Gästefans verbringen die Zeit bis zum Spielbeginn miteinander. So wie Jeff und seine Freunde. Der 54-Jährige grinst. Ihm ist beim Cornhole, einem in den USA populären Spiel, ein guter Wurf gelungen. Pro Partie braucht es beim Cornhole mindestens zwei Spieler, acht mit Mais gefüllte Säckchen und zwei Spielbretter. Die Spieler versuchen abwechselnd, die Säckchen auf dem Spielbrett zu platzieren oder ins Loch zu werfen.

„Entscheidend ist aber, was gleich passiert, und wer das Spiel gewinnt“, sagt Jeff nach seinem Wurf und zeigt mit dem Finger Richtung Stadion. Seit Kindesalter hält er zu den White Sox. Sein schwarzes Fan-Shirt trägt Jeff in seiner Jeans. Er selbst bezeichnet sich als „Hardcore-Fan“. Er versuche, so viele White-Sox-Partien wie möglich zu sehen, sagt Jeff. In der regulären Saison bestreitet jedes MLB-Team 162 Spiele. „Baseball ist mein Sport“, sagt der 54-Jährige.

Sein Kumpel Craig ist beim Cornhole an der Reihe. Das Säckchen verfehlt deutlich das gegnerische Spielbrett. Craigs Herz schlägt für die Cubs. Er trägt einen Anglerhut des Vereins und ein T-Shirt des World-Series-Champion von 2016. Auch sein Herz schlage nur für Baseball, sagt der 42-Jährige. „Du kannst dich während der Spiele locker mit deinen Freunden unterhalten und ein Bier trinken.“ Craig ist seit 2012 Dauerkartenbesitzer bei den 1870 gegründeten Cubs. Neun Jahre hat er auf die Karte gewartet. Der Andrang auf die Tickets sei enorm. „Aktuell wollen 21 000 Fans eine Cubs-Dauerkarte“, sagt er.

„Es ist einfach familiär beim Baseball“

Die 15-köpfige Gruppe hat es sich auf dem Parkplatz gemütlich gemacht: Campingstühle, Bier aus der Kühltruhe, selbst gemachte Sandwiches, Barbecue. „Es ist einfach familiär beim Baseball“, sagt Jeff. „Das ist nicht wie beim Fußball. Beim Baseball gibt es nur selten Schlägereien.“

Im Guaranteed Rate Field wird der Unterschied beider Sportarten abseits des Platzes deutlich. Die Partie zwischen den White Sox und Cubs läuft. Auf der Tribüne genießen die Zuschauer die Sonne. Gelegentlich wird geklatscht, aber auch nur, wenn der Stadionsprecher sie dazu animiert. Choreografien oder Trommeln wie im Fußball gibt es nicht.

Immer wieder stehen Zuschauer von ihren Sitzplätzen auf und gehen in die Vorhalle des Stadions. Dort müssen die Fans sich zwischen den Essständen entscheiden: Burger, Hotdogs, Steaks, Pommes Frites, Hühnchen, Pizza, Tacos, Eis oder Popcorn – die Auswahl ist beeindruckend. Die Preise auch. Eine Bratwurst kostet 7,25 Dollar, etwa 6,30 Euro. Für eine Cola zahlen die Zuschauer sechs Dollar.

Die Reise wurde unterstützt von Choose Chicago.

Info

Weitere Sporttipps für Chicago

Wrigley Field ist das zweitälteste Baseballstadion der USA. Die Heimspielstätte der Chicago Cubs ist benannt nach dem bekannten Kaugummifabrikanten William Wrigley, dem früheren Clubbesitzer. Sie liegt im Norden der Stadt. Seit mehr als 100 Jahren spielen die Cubs im Wrigley Field, das rund 41.000 Plätze fasst. Karten für Cubs-Spiele können unter anderem über die Ticketbörse StubHub erworben werden. Die Baseball-Saison beginnt im März oder April und endet im September oder Oktober. Die Cubs bieten auch Stadiontouren an. Interessierte können zwischen einer einfachen Tagestour, einer VIP-Tour und einer Gruppentour wählen. Eine einfache Tour kostet 25 Dollar und dauert zwischen 75 und 90 Minuten. An Spieltagen sehen die Besucher unter anderem das Spielfeld und die Tribüne. An spielfreien Tagen wird zum Beispiel auch das Klubhaus gezeigt.

Chicago Sports Museum: Der Eintritt für Erwachsene ab zwölf Jahren kostet zehn Dollar, für Senioren ab 65 sechs Dollar. Kinder unter drei Jahren zahlen nichts.

Segway-Touren: Helm auf, durchatmen, nach vorne lehnen und los geht’s: Guides fahren mit kleineren Gruppen durch die Stadt und zeigen auf zwei Rädern die Sehenswürdigkeiten der nordamerikanischen Metropole. Die Touren dauern etwa zwei Stunden. Besonders empfehlenswert ist eine Fahrt, die durch den Grant Park führt. Er ist bekannt für seinen Buckingham-Fountain. Der Springbrunnen kommt im Vorspann der TV-Serie „Eine schreckliche nette Familie“ um Schuhverkäufer Al Bundy vor. Segway-Touren kosten etwa 60 Dollar. ​

Informationen zu sportlichen Aktivitäten gibt es auch auf Deutsch unter www.choosechicago.com/de1/chicago-sports/ oder auf der amerikanischen Seite.

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