Vom Nutzen des Miteinanders

D as 1776 veröffentlichte Buch „Der Wohlstand der Nationen“ des schottischen Moralphilosophen Adam Smith zählt zu den Meilensteinen der Ideengeschichte und gilt als grundlegendes Werk der Wirtschaftswissenschaft. Es enthält unter anderem diese Sätze: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.
26.01.2016, 00:00
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Vom Nutzen des Miteinanders
Von Jürgen Wendler
Vom Nutzen des Miteinanders

Kinder Tauziehen

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D as 1776 veröffentlichte Buch „Der Wohlstand der Nationen“ des schottischen Moralphilosophen Adam Smith zählt zu den Meilensteinen der Ideengeschichte und gilt als grundlegendes Werk der Wirtschaftswissenschaft. Es enthält unter anderem diese Sätze: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe.“ Mit anderen Worten: Menschen sind wirtschaftlich aktiv, weil sie sich davon einen persönlichen Vorteil versprechen. Die Vorstellung, dass eigennütziges Handeln auch mit Blick aufs große Ganze von Vorteil sein, das heißt dem Gemeinwohl zugutekommen kann, ist heute Allgemeingut. Besonders in den vergangenen Jahrzehnten haben Politiker einiges unternommen, um einzelnen Wirtschaftsakteuren möglichst große Gestaltungsspielräume zu verschaffen.

Dass dieses Verhalten keineswegs selbstverständlich ist, hat schon vor Jahren der Historiker Christian Meier deutlich gemacht, der als Professor für Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig war. In der Antike sei das Verfolgen von Partei- oder anderen Eigeninteressen mit Blick auf das Gemeinwohl kritisch gesehen worden, betonte er. Klar ist auch, dass der Eigennutz nur eine Seite der Medaille ist. Menschen verhalten sich nicht nur egoistisch, sondern auch altruistisch, das heißt als uneigennützige Wesen, die auf andere Rücksicht nehmen. In Notsituationen sind manche sogar bereit, ihr Leben zu riskieren, um das eines Fremden zu retten. Wie der Verzicht auf persönliche Vorteile, so gehört auch die Kooperation, die Bereitschaft, zum Erreichen eines Ziels mit anderen zusammenzuarbeiten, zum Verhaltensrepertoire des Menschen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen lässt erahnen, wie tief verwurzelt die Kooperation im menschlichen Zusammenleben ist.

Grundlage für besseres Leben

Schon die Menschen der Steinzeit waren auf Zusammenarbeit angewiesen, zum Beispiel bei der Jagd. Antike griechische Denker wie Demokrit (ungefähr 460 bis 371 vor Christus) oder Protagoras (etwa 490 bis 411 vor Christus) gingen davon aus, dass Menschen sich zusammengeschlossen und Staaten gebildet haben, weil sie so ihre Lebensbedingungen verbessern konnten. Der griechische Philosoph Platon (etwa 427 bis 347 vor Christus) zitierte seinen Lehrer Sokrates mit der Bemerkung, dass ein Staat nur deshalb entstehe, „weil keiner von uns auf sich allein gestellt sein kann, sondern vieler anderer bedarf“. Grundlage des Staates sei die Bedürftigkeit des Menschen, und das erste und wichtigste Bedürfnis sei das nach Beschaffung der Nahrung.

Um mehr über die Grundlagen der Kooperation zu erfahren, haben Forscher um Dong-Seon Chang vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik ein Verhaltensexperiment gemacht. Zwei mit einem Seil verbundene Menschen bekamen eine gemeinsame Aufgabe, für die sie jeweils einen Computer benötigten. Weil das Seil so kurz war, dass stets nur einer seine Tastatur erreichen konnte, war eine gute Abstimmung gefragt. Die Versuchsteilnehmer konnten sich dabei weder absprechen, noch konnten sie sich sehen; beide waren durch einen Sichtschutz getrennt. Die Befragung der Teilnehmer nach dem Versuch zeigte, dass sie mit bestimmten Erwartungen an das Verhalten ihres Partners an die Aufgabe herangegangen waren und dass sie aus dem tatsächlichen Verhalten eine Reihe von Schlüssen zogen – sowohl über die Kooperationsbereitschaft ihres Partners als auch über dessen Persönlichkeit.

Auch Tiere kooperieren

Die Teilnehmer erwarteten, dass sich ihr Mitstreiter genauso verhalten würde wie sie selbst, das heißt die Neigung zeigen würde, sich bei der Lösung der Aufgabe abzuwechseln. Wenn die Erwartungen erfüllt wurden, sahen die Teilnehmer darin nicht nur einen Beleg für die Kooperationsfähigkeit beziehungsweise -bereitschaft ihres Mitstreiters, sondern gingen zudem davon aus, dass dieser eher weiblich und klein war. Zeigte sich der Mitstreiter hingegen eigensinnig, wurde er eher als männlich und größer eingeschätzt. Die Ergebnisse zeigen nach Darstellung der Wissenschaftler, dass Menschen selbst dann soziale Informationen sammeln, wenn sie nicht kommunizieren können. Solche Informationen sind wichtig, weil das Miteinander ein wesentlicher Bestandteil des Alltagslebens ist.

Biologen haben eine Vielzahl von Belegen dafür gefunden, dass Kooperation auch im Tierreich weit verbreitet ist. Ameisen zum Beispiel zeichnen sich nach ihren Erkenntnissen durch ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft aus. Im Interesse der Gemeinschaft verzichten manche Tiere darauf, sich selbst fortzupflanzen. Während sie sich um die Nahrung kümmern, überlassen sie die Fortpflanzung der Königin. Im vergangenen Jahr hat eine Forschergruppe eine Studie veröffentlicht, die sich mit der Kooperation beim Waldrapp befasst, einem bis zu eineinhalb Kilogramm schweren Zugvogel aus der Familie der Ibisse. Die Wissenschaftler konnten zeigen, wie die Vögel beim Formationsflug kooperieren, um Energie zu sparen.

Hinter den Flügeln eines Vogels entsteht eine Luftwalze mit einem Aufwind. Ein dahinter fliegender Vogel kann diesen Aufwind nutzen und muss weniger mit den Flügeln schlagen, sprich: Er kann Energie sparen. Der Vogel allerdings, der ganz vorn fliegt, das heißt die Führungsposition besetzt, hat diesen Vorteil nicht. Dies könnte für die Gruppe zum Beispiel dadurch zu einem Problem werden, dass manche Tiere sich um die Führungsarbeit drücken und lediglich Positionen einnehmen, die unter dem Gesichtspunkt des Energiebedarfs vorteilhaft sind. Tatsächlich aber wechseln die Vögel häufig ihre Positionen in der Formation, und zwar so, dass alle mal mehr, mal weniger Energie aufwenden müssen, also mal in der Führungsposition sind und mal hinterherfliegen. Die Aufgabenverteilung sei so, dass sich für alle Tiere die gleiche Energiebilanz ergebe, erklärten die Forscher. Die wechselseitige Kooperation sichere eine stabile Flugformation.

Fragen zur Evolution

Vor dem Hintergrund der Entwicklungsgeschichte des Lebens, der Evolution, ist die Frage nach den Gründen der Kooperation besonders interessant; schließlich liefert die Evolutionstheorie durchaus Gründe für die Annahme, dass egoistische Lebewesen im Vorteil sind. Wer seine Kraft und Energie ausschließlich für sich selbst einsetzt, kann sich eher durchsetzen. Das jedenfalls könnte man meinen. Begründet wurde die moderne Evolutionstheorie, die die Entstehung und Veränderung von Arten zu erklären versucht, vom britischen Naturforscher Charles Darwin (1809 bis 1882). Dieser führte die Entwicklung von Arten auf die natürliche Selektion, das heißt Auslese, zurück. Nach seiner Vorstellung erweisen sich bestimmte Merkmale von Lebewesen unter bestimmten Bedingungen als Vorteil – mit der Folge, dass bei ihnen die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Nachkommen überleben, größer ist. Anders ausgedrückt: Durchsetzen können sich nur Lebewesen, die aufgrund ihrer genetischen Ausstattung in der Lage sind, mit Anforderungen, wie sie beispielsweise infolge sich verändernder Umweltbedingungen entstehen können, zurechtzukommen.

Kooperation kann bedeuten, dass ein Einzelner seinen Vorteil zugunsten anderer vernachlässigt. Warum es mit Blick auf die Selektion von Vorteil sein kann, das Miteinander zu pflegen, zeigen unter anderem Hinweise des österreichischen Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Wie schon andere vor ihm, hat er betont, dass es zusammen mit anderen zum Beispiel leichter sei, sich vor Feinden oder einer unwirtlichen Umwelt zu schützen. Die an der Studie zum Waldrapp beteiligten Forscher zogen aus ihrer Arbeit den Schluss, dass Eigenarten der Flüge dieser Zugvögel die Evolution eines Kooperationssystems begünstigt haben. Die einzelnen Tiere profitierten davon, dass sie sich abwechselten, und der Formationsflug erweise sich auf dieser Grundlage als erfolgreiche Strategie.

Kritik am Menschenbild der Ökonomen

Unter Wirtschaftswissenschaftlern ist die traditionelle Vorstellung, dass Rationalität und das Streben nach größtmöglichem Nutzen das Handeln von Menschen bestimmen, in den vergangenen Jahren auch auf Widerspruch gestoßen. Einen Namen hat sich in diesem Zusammenhang Professor Ernst Fehr von der Universität Zürich gemacht. Er hat sich schon vor vielen Jahren dafür ausgesprochen, in der Wirtschaftswissenschaft ein wirklichkeitsgemäßes Menschenbild zu entwickeln. Von ihm stammen zum Beispiel diese Sätze: „Die traditionelle Finanzmarkttheorie unterstellt die vollständige Rationalität aller Akteure auf den Finanzmärkten. Mit Rationalität lässt sich das geradezu exzessive Handelsvolumen an den Finanzmärkten allerdings nicht erklären.“

In seinen Arbeiten ist Fehr unter anderem der Frage nachgegangen, wie stark soziale Werte das wirtschaftliche Handeln beeinflussen. Eine Studie, an der er beteiligt war, beschäftigt sich mit dem eigen- und uneigennützigen Verhalten von Kindern im Alter von drei bis acht Jahren. Die Forscher fanden heraus, dass sich mit zunehmendem Alter eine Abneigung gegen Ungleichheit entwickelt. Die Kinder standen vor der Aufgabe, Süßigkeiten zuzuteilen. Dabei zeigte sich, dass drei- und vierjährige Kinder ausgesprochen eigennützig handelten, das heißt: Sie zeigten wenig Neigung, anderen etwas abzugeben. Bis zum Alter von acht Jahren nahm der Prozentsatz der Kinder, die teilen wollten, stark zu. Die Studie machte außerdem deutlich, dass die wachsende Abneigung gegen Ungleichheit mit dem zunehmenden Hang einhergeht, die Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe zu bevorzugen. Dies deutet nach Ansicht der Wissenschaftler darauf hin, dass das Interesse an Gleichheit und die Bevorzugung der eigenen Gruppe gemeinsame entwicklungsgeschichtliche Wurzeln haben. Die Autoren äußerten die Vermutung, dass die Neigung, auch die Interessen anderer zu berücksichtigen, bei der Herausbildung der menschlichen Kooperationsfähigkeit eine entscheidende Rolle gespielt hat.

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