Bremen Von Bären und Menschen

Das Zusammenleben von Braunbär und Mensch in Europa verläuft nicht überall harmonisch. Auslöser ist meist menschliches Fehlverhalten, wie sich in Rumänien beobachten lässt.
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Von Kai Althoetmar

Das Zusammenleben von Braunbär und Mensch in Europa verläuft nicht überall harmonisch. Auslöser ist meist menschliches Fehlverhalten, wie sich in Rumänien beobachten lässt.

Es ist 23 Uhr, das letzte Tageslicht hat sich verabschiedet. Laternen beleuchten spärlich die Strada Jepilor. Von einem Wohnungsbalkon ruft jemand auf Englisch herunter: „Keinen Blitz verwenden!“ Vor den Hochhäusern stehen geparkte Autos, auf der anderen Straßenseite die Müllcontainer. Die großen Behälter sind von Drahtkäfigen umgeben, obenauf liegt Wellblech. Die Türen zu den Drahtverschlägen sind sperrangelweit offen. Eine Frau fährt mit dem Auto vor, um ihren Müll abzuladen. Sie sagt, sie würde hier nicht in den Wald gehen. Der beginnt direkt hinter den Containern. Hinter den Autos ducken sich lautlos ein paar Touristen. Neugier und die Erwartung wohligen Schauderns haben sie hierher gelotst. Nach einer Stunde hat sich ihr Warten gelohnt. Eine Bärin mit zwei putzigen Kleinen im Schlepptau streift keine 20 Meter entfernt am Waldrand entlang. Für Sekunden ist das Trio zu sehen, dann verschwindet es wieder im Dunkel von Wald und Nacht. Vielleicht traut die Bärin der Situation nicht. Oder es liegt daran, dass die Container Stunden zuvor geleert wurden. „Sie kommen jeden Abend zu den Mülltonnen“, hatte der Taxifahrer versichert und gesagt, er habe keine Angst vor ihnen. Aurelian und Lucian, zwei Jungen aus der Siedlung, erzählen vom letzten Todesopfer, einem einheimischen Betrunkenen. „Die Bären riechen den Alkohol“, sagen sie. Und Blitzlicht, so warnen sie, könne die Tiere aggressiv machen.

Nahrungssuche in Müllcontainern

Racadau, ein Stadtteil von Brașov (Kronstadt) in Rumäniens Karpaten, ist eine Trabantensiedlung unter vielen, die zu Ostblockzeiten in die Landschaft gesetzt wurden. Mit einer Besonderheit: Sie liegt direkt am Fuße eines dicht bewaldeten Bergs. Und der Wald ist riesig. Es ist das Bergmassiv Piatra Craiului, das die Gegend prägt, die Königsteiner Alpen, Heimat von Wolf, Luchs und Braunbär. Ursus arctos, der Braunbär, lässt sich in der Dunkelheit regelmäßig im Schatten der Wohnwaben sehen. Nacht für Nacht durchstöbern Bären die Container nach Lebensmitteln – ein Spektakel, das laufend Touristen wie Einheimische anlockt.

In Rumäniens Karpaten leben schätzungsweise noch rund 5500 Braunbären auf einer Fläche von der Größe Bayerns. Es gibt aber auch Schätzungen, die pessimistischer ausfallen. So oder so, es ist der größte Bärenbestand Europas außerhalb Russlands und die mit Abstand größte Population in der Europäischen Union.

Die Behörden in Brașov haben auf die Besuche der Bären reagiert. Die Abfallbehälter werden häufiger geleert; die Container schließen besser als früher; Schilder warnen vor den Bären. Die Ministerien betreiben mehr Aufklärung, um das Augenmerk von Touristen und Reiseveranstaltern auf die Gefahren durch Bären zu lenken.

Überwiegend pflanzliche Kost

Bären sind Allesfresser und Opportunisten, die nehmen, was sich bietet. Braunbären sind nach den Eisbären die größten Landraubtiere, und doch ist ihre Kost bis zu 80 Prozent pflanzlich. Im Frühjahr sieht man sie grasen, mal auch ein Rehkitz oder Lamm schlagen. Im Sommer und Frühherbst suchen sie nach Beeren, Wurzeln, Insekten und Nüssen. Gegen Winterende sind ihnen Aas und geschwächte Tiere willkommen. Im Herbst ist ihr Appetit besonders groß; der Winterspeck will angesetzt sein. In dieser als Hyperphagie bezeichneten Phase der Fresssucht plündern die Bären gerne Felder, brechen Bienenstöcke auf und reißen junges Vieh – oder durchwühlen Abfälle.

Braunbären sind ihrer Natur nach scheue Einzelgänger und eigentlich Kulturflüchter, die dem Menschen aus dem Weg gehen. In der Regel trollen sie sich, wenn sie Menschen wahrnehmen. Nordamerikas Nationalparkverwaltungen raten Wanderern deshalb zum Glöckchen am Schuh, um sich bemerkbar zu machen. Bären sind kurzsichtig; es sind Nase und Gehör, die sie exzellent leiten. Vor allem in der Dämmerung und der Nacht sind sie aktiv. Nur im Frühjahr und im Herbst sind sie auch tags viel auf Futtersuche.

Gefährlich für Tier und Mensch sind die überraschenden Kollisionen. Anders als bei manchen Großkatzen provozieren Gebrüll und Scheuchbewegungen die Zotteltiere nur noch mehr. Auch Davonlaufen hilft nicht. Auf kurzer Strecke erreichen Braunbären Geschwindigkeiten von 50 Kilometern pro Stunde. Selbst 500 Meter schaffen sie noch in unter 40 Sekunden. Erst auf längerer Distanz verfallen sie in Trab.

Schutz vor Angriffen

Vor Jahrhunderten, als Bären noch Mitteleuropas Wälder bevölkerten, glaubten Menschen, dass der Allesfresser die verschone, die sich vor ihm klein machten. Das waren die, die sich bückten: Beeren-, Pilz- und Klaubholzsammler. Selbst Jäger, die sich vor ihm zu Boden warfen, soll er verschont haben. Was wie Aberglaube wirkt, ist in Wahrheit keiner. Heute weiß man: Wer von einem Bären angegriffen wird, sollte sich mit über den Kopf verschränkten Armen auf den Boden legen und tot stellen.

Gefährlich sind vor allem Begegnungen mit Bärinnen, die Junge mit sich führen. Auch ein mitgeführter Hund birgt Risiken, denn er wird von der Bärin als Wolf betrachtet, der ihre Jungen reißen will. Heikle Situationen entstehen auch, wenn das Tier einen Kadaver verteidigen will. Bären verstecken manchmal ihre Beute unter Pflanzen und Erde und bewachen sie dann aus der Nähe.

In Rumänien wurden in den vergangenen hundert Jahren 24 tödliche Bärenangriffe erfasst. Oft waren unvorsichtige Touristen die Opfer. Mal campierten sie verbotswidrig in Gebieten mit Bären, mal versuchten sie Bären zu füttern, mal raste ein Bär, der vor einer Treibjagd floh, in eine Gruppe Wanderer. 2008 wurde in den rumänischen Karpaten ein deutscher Tourist von einem Bären schwer verletzt, der im Zelt des Mannes nach Fressbarem suchte. In den Bärenländern Italien, Frankreich, Österreich und Spanien hat es im gleichen Zeitraum keinen Todesfall durch Bären gegeben. In Skandinavien gab es zwei tödliche Unfälle, nachdem Jäger von verwundeten Bären überrascht worden waren.

Braunbären sind auf dem Erdball sehr weit verbreitet. Ihr Vorkommen reicht vom Nordwesten Amerikas bis nach Russisch-Fernost, vom Iran bis in den Himalaja, nach China und auf Japans Insel Hokkaido, von Skandinavien bis nach Griechenland, von der Türkei bis nach Syrien und in den Kaukasus.

Auf etwa 200 000 Tiere wird ihr Bestand in freier Wildbahn geschätzt; davon leben mehr als 100 000 allein in Russland, 32 000 in Alaska, 25 000 im Westen Kanadas. In Europa – ohne Russland – sind es nach Darstellung der Umweltorganisation WWF (World Wide Fund for Nature) etwa 14 000, zehn Populationen, verteilt auf 26 Staaten. Bären gelten nicht als vom Aussterben bedroht – was allerdings nicht heißt, dass sich die Bestände überall problemlos behaupten. Im Kernland der USA ist der Braunbär sehr selten; in Europa ist die Situation durchwachsen. Finnland, Schweden, Russland, Estland, Rumänien, Bulgarien, die Slowakei und alle Länder des früheren Jugoslawiens haben gesunde Bärenbestände. In West- und Mitteleuropa sieht es mit Ausnahme der Abruzzen dagegen deutlich schlechter aus.

Konflikte in den Karpaten

In manchen Gegenden Europas geraten Mensch und Braunbär in unvermeidbare Konflikte. Jahrhundertealt ist die Anziehungskraft, die Bienenstöcke, Viehställe und Fallobstwiesen auf Bären ausüben können. Rumäniens Karpaten sind ein Hotspot des Bär-Mensch-Konflikts. Die meisten Menschen leben dort noch heute von der Holz- und Almwirtschaft. Dass vereinzelt Bären im Umfeld der Dörfer auf Beutezug gehen, ist den Menschen nicht fremd. Hirten wappnen sich mit Herdenhunden; Pferche werden gut gesichert. Zudem bekommen Rumäniens Bären im Wald Zusatzfutter, um den devisenträchtigen Jagdtourismus zu fördern. Mais oder Schlachtviehreste halten das Gros der Tiere davon ab, ständig in Dorfnähe aufzutauchen. Rumäniens Braunbären gelten als die Schwergewichte unter ihren europäischen Artgenossen.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig, Halle und Jena befasst sich mit Schäden, die europaweit durch Braunbären verursacht werden. Wie der Wissenschaftler Néstor Fernández erklärte, gibt es weniger Schadensmeldungen aus Gebieten, in denen die Bären zusätzliche Nahrung erhalten. Angriffe auf Schaf- und Rinderherden oder Bienenstöcke gebe es offenbar vor allem bei Nahrungsknappheit. Ausgleichszahlungen fallen dort seltener an, wo der Waldanteil hoch ist und es wenig Agrarflächen gibt. In Wäldern, so sagte Fernández, könnten sich große Bärenpopulationen ungestört ausbreiten und kämen weniger mit Tierherden in Kontakt. Europaweit würden jährlich rund 3200 Zahlungen geleistet, um Schäden durch Bären zu regulieren. Am teuersten komme es in Norwegen.

Selten aggressiv

Aggressiv gegenüber Menschen sind die wenigsten Bären. Die Fachwelt unterscheidet zwischen Schadbären, Problembären und Risikobären. Schadbären machen sich über Haustiere, Honig oder Obst her. Wesentliches Merkmal von Problembären ist, dass sie keine Scheu vor Menschen haben. Wenn sie sich nicht fernhalten oder gar Menschen angreifen, werden Bären zu Risikobären. Der Braunbär, der 2006 von Italien kommend nach Bayern einwanderte, galt als Problembär. Trotz Protesten von Natur- und Tierschützern wurde das Tier mit dem Spitznamen Bruno getötet, nachdem es drei Dutzend Schafe, zahlreiche Hühner und Brieftauben sowie ein Meerschweinchen namens Trixi umgebracht hatte. Menschen hatte der Bär nicht attackiert.

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