Teile des Erbguts gehen auf Viehhirten aus der eurasischen Steppe zurück

Von den Ahnen der heutigen Mitteleuropäer

Boston. Die heutigen Mitteleuropäer stammen zu einem beträchtlichen Teil von Gruppen ab, die vor etwa 4500 Jahren aus dem Süden des heutigen Russland eingewandert sind. Dies schließt eine internationale Forschergruppe aus der Analyse des Erbguts von 94 Menschen, die vor 3000 bis 8000 Jahren gelebt haben, 41 von ihnen auf dem Gebiet des heutigen Deutschland.
03.03.2015, 00:00
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Von Stefan Parsch

Die heutigen Mitteleuropäer stammen zu einem beträchtlichen Teil von Gruppen ab, die vor etwa 4500 Jahren aus dem Süden des heutigen Russland eingewandert sind. Dies schließt eine internationale Forschergruppe aus der Analyse des Erbguts von 94 Menschen, die vor 3000 bis 8000 Jahren gelebt haben, 41 von ihnen auf dem Gebiet des heutigen Deutschland.

Wie die Gruppe um David Reich von der Harvard Medical School in Boston (US-Bundesstaat Massachusetts) im Fachmagazin „Nature“ erklärt, wurden die in Mittel- und Westeuropa lebenden Jäger und Sammler vor etwa 7500 Jahren von den zugewanderten frühen Bauern verdrängt beziehungsweise in deren Gesellschaften einbezogen. Diese frühen Zuwanderer seien einander aus genetischer Sicht erstaunlich ähnlich gewesen. „Die Frühbauern aus Spanien, Deutschland und Ungarn sind genetisch nahezu identisch, was auf einen gemeinsamen Ursprung im Nahen Osten schließen lässt“, sagt Wolfgang Haak von der australischen Universität Adelaide, einer der Autoren der Studie.

Die Untersuchung deutet darauf hin, dass die indoeuropäischen Sprachen anders als bislang angenommen nicht mit diesen Zuwanderern nach Mitteleuropa gelangten, sondern erst mit der nächsten großen Welle vor etwa 4500 Jahren. Diese Menschen entstammten der Yamnaya-Kultur auf dem Gebiet des heutigen Südrussland. Neben den ursprünglichen Jägern und Sammlern und den Frühbauern stellen diese Viehhirten aus der eurasischen Steppe die dritte Gruppe, die die Wissenschaftler mithilfe ihrer Erbgutuntersuchungen identifizierten. Dieser Erbgutanteil sei in jedem Individuum zu finden gewesen, das vor weniger als 4500 Jahren gelebt habe, nicht aber in älteren Proben, erläutert Iosif Lazaridis von der Harvard Medical School.

„In Deutschland sind es die Schnurkeramiker am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit, bei denen erstmals die dritte Komponente auftaucht“, sagt Haak. Die Forscher schätzen den genetischen Anteil der Yamnaya-Kultur in den Schnurkeramikern aus Sachsen-Anhalt auf 75 Prozent. Dieser Grad der Übereinstimmung sei angesichts der geografischen Distanz von rund 2600 Kilometern zwischen beiden Gebieten erstaunlich, betont Lazaridis. „Die Ergebnisse legen nahe, dass die Schnurkeramiker nicht nur genetisch eng mit den Hirten aus der Steppe verwandt sind, sondern möglicherweise auch eine ähnliche Sprache hatten.“ Ähnlich sieht es Haak: „Da sämtliche heutigen Mittel- und Nordeuropäer einen hohen genetischen Anteil der damaligen Steppenbewohner in sich tragen und zudem eine indoeuropäische Sprache sprechen, ist zumindest ein deutlicher Beitrag der Steppe nicht auszuschließen.“

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