Renaturierung von Gewässern soll biologische Vielfalt erhöhen / Studie zu Fischbeständen Wann Flüsse intakte Ökosysteme bilden

Früher war es gang und gäbe, Flüsse zu begradigen, um Land zu gewinnen oder bessere Bedingungen für die Schifffahrt zu schaffen. Ende des 19. Jahrhunderts ist auch die Unterweser im Interesse der Schifffahrt umgestaltet worden. Zu den Nachteilen von Flussbegradigungen gehört, dass die biologische Vielfalt abnimmt. Auch deshalb werden seit einiger Zeit vielerorts Gewässerabschnitte renaturiert. Oft jedoch bleibt der erhoffte Erfolg aus. Forscher liefern Erklärungen dafür.
29.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Wann Flüsse intakte Ökosysteme bilden
Von Jürgen Wendler

Früher war es gang und gäbe, Flüsse zu begradigen, um Land zu gewinnen oder bessere Bedingungen für die Schifffahrt zu schaffen. Ende des 19. Jahrhunderts ist auch die Unterweser im Interesse der Schifffahrt umgestaltet worden. Zu den Nachteilen von Flussbegradigungen gehört, dass die biologische Vielfalt abnimmt. Auch deshalb werden seit einiger Zeit vielerorts Gewässerabschnitte renaturiert. Oft jedoch bleibt der erhoffte Erfolg aus. Forscher liefern Erklärungen dafür.

Wie vielfältig die Folgen von Flussbegradigungen und -vertiefungen sein können, lässt sich auch an der Unterweser beobachten. Es gab Zeiten, in denen der mittlere Tidenhub weniger als einen Meter betrug. Heute liegt er bei mehr als vier Metern. Wegen der veränderten Bedingungen mussten Ufer mit Steinen und Spundwänden befestigt werden. Dass dies Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt hatte, liegt auf der Hand.

So vielfältig die Auswirkungen von Eingriffen in natürliche Flussökosysteme sind, so lang ist die Reihe an Gründen, Veränderungen rückgängig zu machen. Wenn Flüsse wieder mehr Raum erhalten, etwa dadurch, dass Deiche an bestimmten Stellen geöffnet werden, kann dies das Überflutungsrisiko für Siedlungen senken. Sogenannte Flussauen, das heißt von wechselnden Wasserständen geprägte Uferlandschaften, sind nicht nur gut für die Artenvielfalt, sondern spielen auch eine wichtige Rolle für Stoffkreisläufe. Zu den Säugetieren, die in Flussauen anzutreffen sind, zählen zum Beispiel Biber und Fischotter, zu den Vögeln unter anderem Eisvögel, Uferschwalben und Rohrweihen. In einer vor einem Jahr vorgelegten Studie hat das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung deutlich gemacht, dass Flussauen wie ein Filter wirken. Sie halten große Mengen an Pflanzennährstoffen aus der Landwirtschaft zurück. Ohne Auen würden diese Nährstoffe zur Überdüngung von Flüssen sowie Nord- und Ostsee beitragen.

Vor dem Hintergrund solcher Aussagen erstaunt es nicht, dass die Renaturierung von Gewässern in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Eine Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union. Sie fordert einen guten ökologischen Zustand der Fließgewässer. Wie aber lassen sich Gewässer beziehungsweise Gewässerabschnitte erfolgreich renaturieren? In einer in diesem Monat im Fachjournal „PLOS ONE“ veröffentlichten Studie weisen Gewässerökologen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und des LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums darauf hin, dass das biologische Umfeld eine entscheidende Rolle spiele.

Bei der Untersuchung einer Vielzahl von renaturierten Gewässerabschnitten haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass solche Abschnitte besonders dann von Fischen besiedelt werden, wenn es im Umfeld entsprechende Voraussetzungen gibt. Fast alle Fischarten, die die renaturierten Abschnitte besiedelt hätten, seien auch wenige Kilometer flussauf- und -abwärts vorgekommen. Andererseits habe sich gezeigt, dass Arten, bei denen die nächsten Populationen viele Kilometer entfernt gelebt hätten, kaum eingewandert seien.

Arten aus dem Umfeld

Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass Faktoren wie die Länge renaturierter Abschnitte oder das Gewässerprofil eine geringere Bedeutung für den Erfolg von Wiederansiedlungsbemühungen haben als die Zusammensetzung der Artengemeinschaften im Umfeld. Nach den Worten des Gewässerökologen Stefan Stoll von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung sollten für die Renaturierung gezielt Abschnitte ausgewählt werden, in deren Nähe genügend Populationen vorkommen, die eine Ausbreitung der Fischarten gewährleisten.

Dass die Renaturierung von Gewässern oft nicht den gewünschten Erfolg bringt, hat auch eine vor einigen Monaten im Fachjournal „Ecology“ erschienene Studie gezeigt. Eine internationale Forschergruppe machte darin deutlich, dass im Interesse der biologischen Vielfalt auch das Umland berücksichtigt werden muss. Was hinter dieser Aussage steckt, wird klar, wenn man sich zum Beispiel bewusst macht, dass viele Insekten zunächst als Larven in Gewässern leben, ehe sie so weit entwickelt sind, dass sie davonfliegen und Tieren wie Amphibien, Fledermäusen und anderen Insekten als Nahrung dienen können. Mit anderen Worten: Gewässer wie Flüsse liefern die Grundlage für natürliche Vorgänge jenseits der Uferkante. Den Erkenntnissen der Wissenschaftler zufolge sind rund zehn Prozent der Tiere aus Flüssen in einer Entfernung von der Uferkante zu finden, die mehr als einen halben Kilometer beträgt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+