Was Emotionen mit Lernen zu tun haben

E rst lernen Menschen zu sprechen und zu laufen, später, Auto zu fahren, im Beruf bestimmte Handgriffe zu erledigen oder komplizierte Texte zu verstehen. Selbst alte Menschen lernen häufig noch viel hinzu, etwa, wenn sie sich mit Fremdsprachen beschäftigen.
02.10.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Was Emotionen mit Lernen zu tun haben
Von Jürgen Wendler

E rst lernen Menschen zu sprechen und zu laufen, später, Auto zu fahren, im Beruf bestimmte Handgriffe zu erledigen oder komplizierte Texte zu verstehen. Selbst alte Menschen lernen häufig noch viel hinzu, etwa, wenn sie sich mit Fremdsprachen beschäftigen. Kurzum: Wer lebt, der lernt.

Wie erfolgreich zum Beispiel Schüler beim Lernen sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab, so etwa von ihrer Motivation und ihrem Fleiß. Um langfristig im Gedächtnis gespeichert werden zu können, muss Erlerntes wiederholt und mit bereits Bekanntem verknüpft werden. Das heißt: Es bedarf einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Lernstoff und konzentrierter Aufmerksamkeit. Dass fehlende Aufmerksamkeit zum Problem werden kann, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass es seit einigen Jahren üblich ist, manchen Kindern eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu bescheinigen. Zu deren Merkmalen werden neben Konzentrationsschwäche auch Unruhe und impulsives Verhalten gerechnet. Vor diesem Hintergrund interessieren sich Forscher auch für die Frage, was Aufmerksamkeitsproblemen vorbeugt, was Kindern hilft, aufmerksam zu sein. Eine Rolle scheint dabei auch zu spielen, wie gut sie ihre eigenen Emotionen und die ihrer Mitmenschen verstehen.

Netzwerk im Gehirn

Die Grundlage für die Fähigkeit, Neues zu lernen, liefern Nervenzellen (Neuronen), von denen es im menschlichen Gehirn nach heutigem Kenntnisstand schätzungsweise 86 Milliarden gibt. Einzelne Nervenzellen können mithilfe entsprechender Kontaktstellen, sogenannter Synapsen, Signale von zahlreichen anderen Zellen aufnehmen. Dass eine Nervenzelle dadurch mit vielen anderen Zellen in Verbindung stehen kann, bedeutet zugleich, dass ein äußerst komplexes Netzwerk entsteht. Das Lernen beruht auf der Fähigkeit des Gehirns, auf der Ebene der Nervenzellen neue Verknüpfungen zu bilden, bereits bestehende Verknüpfungen zu stärken und nicht genutzte aufzulösen.

„Aufmerksamkeit ist ein Zustand erhöhter Wahrnehmung. Wir nehmen Dinge umso deutlicher wahr, behalten und verstehen sie umso besser, je mehr wir ihnen unsere Aufmerksamkeit widmen. Aufmerksamkeit ist ein Mittel unseres Gehirns beziehungsweise unseres Geistes, mit der großen Fülle von Informationen fertigzuwerden, die in jeder Sekunde über die Sinnesorgane auf uns einstürzen“, schreibt der Neurobiologe Professor Gerhard Roth von der Universität Bremen in seinem Buch „Bildung braucht Persönlichkeit“. Bestimmte Reize, etwa ein lauter Knall oder ein greller Blitz, zögen automatisch die Aufmerksamkeit auf sich. In anderen Fällen komme es darauf an, dass etwas für jemanden von Bedeutung sei, dass es seine Neugier oder sein Interesse wecke. Erst dann sei er gefesselt oder, wie es häufig heißt, „ganz Ohr“.

Begrenzte Aufmerksamkeit

Wer Aufmerksamkeit schenkt, nutzt eine Ressource, die nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. „Je intensiver ich mich auf ein Geschehen konzentriere, desto schneller sind meine Ressourcen erschöpft“, erklärt Roth. Psychologen haben nach seinen Worten herausgefunden, dass Menschen nur für wenige Minuten – meist drei bis fünf – konzentriert einer schwierigen Darstellung folgen können. Dann sei der Aufmerksamkeitsvorrat verbraucht. Dass dies Folgen für das Lernen habe, liege auf der Hand. Ohne Pausen gehe es nicht. Lehrer könnten diese zum Beispiel dadurch schaffen, dass sie eine auflockernde Bemerkung oder Witze machten oder eine Verständnisfrage stellten.

Dass die Aufmerksamkeit von Kindern auch mit ihrer Fähigkeit zu tun hat, Emotionen zu verstehen, zeigt eine Studie, die eine Forschergruppe um die Professorin Maria von Salisch von der Leuphana Universität Lüneburg kürzlich in der Fachzeitschrift „Kindheit & Entwicklung“ veröffentlicht hat. Ihr liegen Daten zugrunde, die die Forscher bei Befragungen von 261 Kindern sowie Eltern und Erzieherinnen gewonnen hatten. Dabei wurden unter anderem das Gedächtnis, das Sprach- und das Emotionsverständnis getestet. Die Untersuchung erfolgte in zwei Phasen. In der ersten lag das durchschnittliche Alter der Kinder bei fünf Jahren. 14 Monate später wurde die Befragung wiederholt.

Wissen hilft Kindern

Wie sich herausstellte, spielt für die Fähigkeit der Kindergartenkinder, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, das sogenannte Emotionswissen eine entscheidende Rolle, also ihr Vermögen, Emotionen bei sich und Mitmenschen zu erkennen. „Kinder mit beschränktem Emotionswissen erscheinen oft abgelenkt. Ihre Aufmerksamkeit wird davon in Anspruch genommen, sich ihre eigenen Gefühlszustände oder negative Emotionen anderer zu erklären und die eigenen daraus entstehenden Emotionen zu regulieren“, erklärt die Entwicklungspsychologin Maria von Salisch. Anders ausgedrückt: Wenn Kinder über ein gutes Verständnis ihrer eigenen und fremder Emotionen verfügen, können sie das eigene Erleben und das Verhalten anderer Menschen besser einordnen und vorhersagen. So wird weniger Aufmerksamkeit gebunden. Solche Kinder haben den Studienergebnissen zufolge in ihrer weiteren Entwicklung weniger Aufmerksamkeitsprobleme als Kinder mit geringem Emotionswissen. Wenn Wissenschaftler von Emotionen sprechen, meinen sie damit Gemütsbewegungen, Grundzustände des Erlebens, die zumeist mit mehr oder weniger deutlichen körperlichen Empfindungen einhergehen. Dies drückt sich auch in sprachlichen Wendungen wie „rot vor Zorn“ oder „kreidebleich vor Schreck“ aus. Unter den Emotionen, die von Experten aufgelistet werden, sind zum Beispiel Vergnügen, Ärger, Ekel, Verlegenheit, Trauer, Sinneslust und Furcht zu finden. An der Furcht lässt sich besonders gut ablesen, warum Emotionen lebenswichtig sind und helfen, sich zu behaupten. Wenn ein Mensch einem gefährlichen Tier begegnet und sich fürchtet, steigen seine Herzfrequenz und sein Blutdruck. Dies wiederum sorgt für eine gute Energieversorgung der Muskulatur und schafft so die Voraussetzung, um zu fliehen oder auch zu kämpfen, also das Richtige zu tun.

Menschen machen schon früh in ihrem Leben Erfahrungen, bei denen Emotionen entstehen. Ihren Niederschlag finden sie nach den Erkenntnissen von Neurowissenschaftlern in besonderen Bereichen des Gehirns, dem sogenannten limbischen System, einem Netzwerk von Zentren, das das gesamte Gehirn durchzieht. Dieses System bewertet Ereignisse und Handlungen danach, ob sie positive oder negative Folgen haben, also eher wiederholt oder vermieden werden sollten. Ausdruck davon sind entsprechende Emotionen wie beispielsweise Furcht oder Ekel.

Bedeutung der ersten Lebensjahre

Gerhard Roth hat in seinen Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig nach den Erkenntnissen von Wissenschaftlern die ersten zwei Lebensjahre für die soziale und emotionale Entwicklung sind. Um eine normale psychische Entwicklung zu gewährleisten, seien in dieser Zeit Erfahrungen von Nähe und Zuwendung nötig. Eine Vernachlässigung von Säuglingen und Kleinkindern könne zu Problemen führen, die sich später nur schwer beheben ließen. Nicht nur von der Vererbung, sondern auch von frühen Erfahrungen hänge ab, welches Temperament ein Mensch entwickele und wie er emotional auf Veränderungen reagiere.

Auch Schlaf ist wichtig

Bei der Entwicklung eines Kindes spielt nach den Angaben des Neurobiologen die Mutter eine herausragende Rolle. Die Grundlage für die spätere Vertrautheit entstehe schon vor der Geburt durch die Wahrnehmung der Stimme sowie des Geruchs und Geschmacks der Haut der Mutter über das Fruchtwasser. Das Miteinander von Mutter und Kind führe im ersten Lebensjahr zu einer äußerst engen Bindung. Aus dem Bindungssystem entwickele sich die Empathie, also die Fähigkeit, die Gefühle, Gedanken und Absichten von Mitmenschen erkennen und mitleiden zu können.

Dass die Aufmerksamkeit von Kindern nicht nur mit ihrer Fähigkeit zusammenhängt, Emotionen zu verstehen, ist klar. Eltern machen zum Beispiel die Erfahrung, dass ihre Kinder weniger aufmerksam sind, wenn sie nicht genügend geschlafen haben. Wie wichtig guter und ausreichend langer Schlaf ist, zeigen unter anderem Erkenntnisse einer Wissenschaftlergruppe um den Psychologen Professor Florian Schmiedek vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main. Die Forscher konnten bei Grundschulkindern belegen, dass guter Schlaf das Leistungsvermögen erhöht. Als förderlich erwies sich zudem, wenn die Schlafdauer dem entsprach, was bei dem jeweiligen Kind üblich ist. Nicht nur weniger, sondern auch deutlich mehr Schlaf als gewöhnlich wirkte sich negativ aus. Nach Ansicht der Wissenschaftler unterstreichen die Ergebnisse, wie wichtig gleichmäßige Schlafroutinen sind.

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