Was Vögel brauchen

Dass in der Natur eins mit dem anderen zusammenhängt, ist eine Binsenweisheit. In seinem Handeln wird der Mensch ihr häufig jedoch nicht gerecht.
12.05.2017, 00:00
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Was Vögel brauchen
Von Jürgen Wendler

Dass in der Natur eins mit dem anderen zusammenhängt, ist eine Binsenweisheit. In seinem Handeln wird der Mensch ihr häufig jedoch nicht gerecht. Pflanzen sind auf Bestäuber angewiesen, unter anderem Insekten. Diese wiederum liefern eine Nahrungsgrundlage, ohne die viele Vögel nicht existieren könnten. So brauchen Singvögel Insekten, um ihren Nachwuchs großzuziehen. Von zahlreichen Vogelbeständen ist bekannt, dass sie aufgrund menschlicher Eingriffe in die Natur dramatisch zurückgehen. Wo genau liegen die Probleme?

Antwort: Biologen haben festgestellt, dass auch bei vielen Insektenarten die Menge der Tiere stark abnimmt. In China gibt es bereits ganze Landstriche ohne bestäubende Insekten. Dort müssen Bäume und andere Pflanzen von Hand bestäubt werden. Auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag zum Rückgang von Vogelbeständen hat die Bundesregierung unter Berufung auf entsprechende Studien erklärt, dass es sich bei der Verringerung der Menge an Insekten um ein überregionales Problem handele. In zahlreichen Insektengruppen gehe die Gesamtmasse der Tiere um bis zu 90 Prozent zurück. Diese Entwicklung sei ein Grund für die geringere Zahl von Vögeln. Daneben gebe es aber noch weitere. Ausdrücklich erwähnt wird der Verlust von Lebensräumen. Die Bundesregierung spricht von etwa 300 Millionen Brutpaaren, die im Zeitraum von 1980 bis 2010 in der Agrarlandschaft der Europäischen Union verloren gegangen seien. Besonders prekär sei die Situation der typischen Grünlandbewohner.

Wiesen und Weiden, die auch als Grünland bezeichnet werden, sind für Landwirte wichtig, weil sie Nahrung für das Vieh liefern. Für Vögel, die dort brüten, können Probleme zum Beispiel dadurch entstehen, dass solche Flächen häufiger gemäht werden, um sie intensiver nutzen zu können. Außerdem kommt es vor, dass Wiesen oder Weiden in Äcker umgewandelt werden. Zu den ursprünglichen Lebensräumen von Tieren wie Kiebitzen, Uferschnepfen, Großen Brachvögeln und Rotschenkeln gehören neben Feuchtwiesen auch Moore. Entwässerung und Torfabbau haben dazu beigetragen, dass solche Lebensräume verschwunden sind. Damit ist in Deutschland zugleich die Zahl der Vögel gesunken, die auf sie angewiesen sind. Der Antwort der Bundesregierung zufolge hat der Kiebitzbestand in der Zeit von 1990 bis 2013 um 80 Prozent abgenommen, der der Uferschnepfen um 61 Prozent. Bei den Feldlerchen, die bevorzugt auf Wiesen, Weiden und Äckern brüten, verzeichneten Fachleute einen Bestandsrückgang um 35 Prozent. Bei den Rebhühnern, die ebenfalls auf solchen Flächen zu finden sind, nennt die Bundesregierung für die Zeit von 1990 bis 2015 einen Rückgang von 84 Prozent. Der Naturschutzbund Deutschland führt die Verluste auf die immer intensivere Nutzung landwirtschaftlicher Flächen zurück. Auch der Einsatz von Pestiziden habe zu der Entwicklung beigetragen.

Bei Pestiziden handelt es sich um chemische Stoffe, die Lebewesen auf unterschiedliche Arten schaden können. Sie können sie vertreiben, schwächen, ihr Wachstum oder ihre Vermehrung hemmen oder sie töten. Hinter dem Sammelbegriff können sich Mittel gegen Unkräuter, die als Herbizide bezeichnet werden, ebenso verbergen wie Mittel gegen Pilze (Fungizide) oder Insekten (Insektizide). Wissenschaftler haben zuletzt unter anderem darauf hingewiesen, dass um die Jahrtausendwende verstärkt neuartige Insektenvernichtungsmittel eingesetzt worden seien, die sogenannte Neonicotinoide enthielten. Mit ihrer Hilfe würden unter anderem Käfer, Blatt- und Schildläuse bekämpft. Die Mittel, die die Weiterleitung von Nervenreizen bei Insekten verhinderten, würden in alle Pflanzenteile eingelagert – auch in die Blüten. Dadurch schädigten sie auch Bestäuber wie Wildbienen und Schmetterlinge.

Darauf, dass auch Vogelbestände in Städten Sorgen bereiten, macht der Bremer Landesverband des Naturschutzbundes Deutschland in einer aktuellen Mitteilung aufmerksam. Dies gelte besonders für Arten, die sich von Insekten ernährten, darunter Gartenrotschwänze, Schwalben und Mauersegler. Große Insektenvorkommen setzen voraus, dass es viele Pflanzen gibt, die den Tieren einen Lebensraum bieten und Nahrung liefern. Vielerorts mangelt es jedoch an solchen Pflanzen. „Naturnahe Gärten mit heimischen Pflanzen und wilden Ecken können eine Oasenfunktion erfüllen“, betonen daher die Bremer Naturschützer. Solche Gärten dienten als „Trittsteine in einer ansonsten lebensfeindlichen Stadt“. Um einen Überblick über Vogelbestände zu bekommen, organisiert der Naturschutzbund seit vielen Jahren die Aktion „Stunde der Gartenvögel“. Naturfreunde werden aufgerufen, Vögel zu zählen. Die Aktion findet in diesem Jahr vom 12. bis 14. Mai statt. Wer mitmachen möchte, findet Informationen unter www.nabu.de im Internet.

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