Computersimulationen helfen Bremer Wissenschaftlern, Risiken für Ökosysteme zu erkennen Wege zur nachhaltigen Fischerei

Für die kommerzielle Fischerei spielen von den weltweit mehr als 30 000 Fischarten einige Hundert eine Rolle. Die Fangmenge bewegt sich seit Anfang der 1990er-Jahre auf einem gleichbleibend hohen Niveau. Weiter steigern lässt sie sich offenkundig nicht mehr. Ein in diesem Zusammenhang oft genanntes Schlagwort lautet Überfischung. Das Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie gehört zu den Forschungseinrichtungen, dessen Mitarbeiter versuchen, sich ein genaues Bild von der Lage zu machen und Wege zu einer nachhaltigen Fischerei aufzuzeigen.
30.01.2015, 00:00
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Wege zur nachhaltigen Fischerei
Von Jürgen Wendler

Für die kommerzielle Fischerei spielen von den weltweit mehr als 30 000 Fischarten einige Hundert eine Rolle. Die Fangmenge bewegt sich seit Anfang der 1990er-Jahre auf einem gleichbleibend hohen Niveau. Weiter steigern lässt sie sich offenkundig nicht mehr. Ein in diesem Zusammenhang oft genanntes Schlagwort lautet Überfischung. Das Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie gehört zu den Forschungseinrichtungen, dessen Mitarbeiter versuchen, sich ein genaues Bild von der Lage zu machen und Wege zu einer nachhaltigen Fischerei aufzuzeigen.

So unstrittig sei, dass die Fangmengen seit Langem nicht mehr zunähmen, so umstritten sei die Frage, wie sich einzelne Arten und Ökosysteme weiterentwickeln könnten, sagt Professor Matthias Wolff vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie. Es gebe nicht nur schlechte Nachrichten. Der Biologe verweist dabei unter anderem auf Kabeljaubestände im Nordatlantik und Bestände von Jakobsmuscheln vor der US-Küste, die sich erholt hätten. Für Meeresbewohner gilt, dass sie anders als manche Arten von Landtieren selten ganz verschwinden – auch wenn Bestände stark überfischt sind. Warum dies so ist, lässt diese Zahl erahnen: Ein einziger Kabeljau erzeugt pro Jahr bis zu zehn Millionen Eier. Die hohe Zahl von möglichen Nachkommen eröffnet die Möglichkeit, dass sich Bestände erholen, wenn sie eine Zeit lang in Ruhe gelassen werden.

Klar ist aber nach den Worten von Wolff auch, dass die intensive Fischerei der vergangenen Jahrzehnte Spuren in den Ökosystemen hinterlassen hat. Bei einigen großen Arten sei die Zahl der Tiere deutlich gesunken, so beispielsweise beim Roten Thun, auch Blauflossen-Thunfisch genannt, und Hai-Arten. Dass sich die Verhältnisse auch in der Nordsee verändert haben, hat unter anderem eine Studie von Forschern um den Fischereibiologen Heino Fock vom Johann Heinrich von Thünen-Institut in Hamburg gezeigt. Danach sind die Bestände an Haien und Rochen in der südöstlichen Nordsee im vergangenen Jahrhundert stark zurückgegangen. Der häufigste Fisch in der Deutschen Bucht ist nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler heute die Kliesche, auch Scharbe oder Rauhe Scholle genannt.

Wie Wolff erläutert, kann das Fehlen großer Raubfische dazu führen, dass das Ökosystem bei Schwankungen der Umweltbedingungen, etwa Veränderungen der Temperatur oder des Nahrungsangebots, anfälliger wird. Kleine, kurzlebige Arten, die großen Fischen normalerweise als Beute dienten, könnten sich besser ausbreiten. Bei ihnen bestehe aber die Gefahr, dass sie schneller auf plötzliche Veränderungen reagierten und keine Nachkommen mehr hervorbrächten.

Um zu verstehen, welche Beziehungen zwischen den Arten eines Ökosystems bestehen und welche Auswirkungen die Fischerei haben kann, entwickeln Biologen Computermodelle. Das heißt: Sie erfassen alle Arten eines Systems – vom Plankton bis zu den großen Raubfischen – und schauen sich an, wer was in welchen Mengen frisst. Solche Modelle lassen sich laut Wolff mit ökonomischen Modellen verbinden. So lasse sich zum Beispiel ermitteln, was es für das Ökosystem und den Fischereiertrag bedeuten könnte, wenn Fischer nicht mehr große, sondern vor allem mittlere und kleinere Fische fangen würden. Nach den Worten des Biologen helfen die Modelle, die Fischerei so zu gestalten, dass Bestände erhalten bleiben und sich möglichst gut entwickeln können. Während es Fischer in unseren Breiten in der Regel auf ganz bestimmte, wirtschaftlich interessante Arten abgesehen hätten, etwa Kabeljau oder Rotbarsch, versuchten viele Fischer in den Tropen vor allem, möglichst viel für die eigene Ernährung zu fangen – egal von welchen Arten.

Bei einem vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie veranstalteten Workshop haben Experten aus zahlreichen Ländern kürzlich deutlich gemacht, wie wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse für die nachhaltige Nutzung von Ressourcen sind. Wer sich nachhaltig verhält, handelt so, dass auch künftige Generationen gute Lebensbedingungen vorfinden, also zum Beispiel Fischbestände, die eine Nahrungsgrundlage liefern. Die Mitarbeiter des Bremer Zentrums setzen bei ihren Projekten in Ländern wie Indonesien, Vietnam oder Peru auf einen intensiven Informationsaustausch mit lokalen Partnern.

Wolff schildert das Vorgehen am Beispiel einer Meeresbucht im Norden Perus, in der Jakobsmuscheln gezüchtet werden. Zusammen mit Fischern und peruanischen Kollegen versuchen die Bremer Wissenschaftler zu klären, wie viele Muscheln dort gezüchtet werden könnten, ohne das Ökosystem zu gefährden. Es gelte, von Fischerbooten aus Forschungsdaten zu sammeln, Informationen in ein Modell zu übertragen und unter anderem herauszufinden, wie viel Plankton die Muscheln als Nahrung aus dem Wasser filtern könnten und wann zu viel Sauerstoff verbraucht werde, erläutert der Biologe. Am Ende sollten gemeinsam mit den lokalen Partnern Empfehlungen für die nachhaltige Muschelzucht erarbeitet werden.

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