Hannover

Welt im Wandel

Mit dem Studium der Natur verbanden noch im 18. Jahrhundert viele Gelehrte das Ziel, mehr über das Wirken Gottes beziehungsweise den göttlichen Schöpfungsplan zu erfahren.
14.06.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Welt im Wandel
Von Jürgen Wendler
Welt im Wandel

Diese Aufnahme zeigt die hervorgehobenen Überreste eines Raubdinosauriers, die in Bayern in einer Kalkplatte entdeckt worden sind. Die Dinosaurier sind vor rund 66 Millionen Jahren ausgestorben.

Helmut Tischlinger, dpa

Mit dem Studium der Natur verbanden noch im 18. Jahrhundert viele Gelehrte das Ziel, mehr über das Wirken Gottes beziehungsweise den göttlichen Schöpfungsplan zu erfahren. In der Anpassung von Arten an unterschiedliche Lebensbedingungen sahen die sogenannten Naturtheologen einen Beweis für ihre Auffassung, dass Gott jede Art zu einem bestimmten Zweck erschaffen habe. Das heutige Denken ist dagegen von den Vorstellungen geprägt, die im 19. Jahrhundert der britische Naturforscher Charles Darwin entwickelt hat. Das Leben in seiner jeweils aktuellen Erscheinungsform ist danach das Ergebnis zahlloser kleiner Veränderungen in Organismen, das heißt einer langen Entwicklungsgeschichte, der Evolution. Welche Veränderungen sich durchsetzen, hängt von der natürlichen Auslese ab, der Selektion. Darwins Überlegungen bedeuteten eine wissenschaftliche Revolution. Wichtige Vorarbeiten hatten aber bereits andere geleistet.

Dass Darwins Evolutionstheorie am Ende auf fruchtbaren Boden fallen konnte, hing auch mit den Erkenntnissen zusammen, die Forscher beim Studium von Fossilien gewonnen hatten. Der Ausdruck Fossil geht auf das Lateinische zurück, bedeutet so viel wie ausgegraben und bezeichnet versteinerte Überreste oder andere Zeugnisse – etwa Spuren – von Pflanzen und Tieren, die in früheren Phasen der Erdgeschichte gelebt haben. Die meisten Fossilien finden Forscher in Sedimentgesteinen. Solche Gesteine können zum Beispiel dadurch entstehen, dass sich Sand und anderes Material wie die Überreste von Lebewesen am Grund von Meeren ablagern. Die Wissenschaft von der Erforschung der Lebewesen vergangener Erdzeitalter wird als Paläontologie bezeichnet. Zu ihren Begründern gehört der Franzose Georges Cuvier (1769 bis 1832). Er erkannte, dass sich anhand verschiedener Schichten mit den darin enthaltenen Fossilien die Geschichte des Lebens nachzeichnen lässt. Auch die Tatsache, dass nicht nur neue Arten auftauchen, sondern immer wieder auch Arten aussterben, blieb Cuvier nicht verborgen. Die Veränderungen führte er allerdings nicht auf eine allmähliche Entwicklung zurück, sondern auf Naturkatastrophen wie Sturmfluten oder Dürren.

Dass das Erscheinungsbild der Erde das Ergebnis von Veränderungen ist, die sich in der Regel langsam vollzogen haben, bemerkte hingegen bereits Cuviers Zeitgenosse James Hutton (1726 bis 1797), ein schottischer Geologe. Schon er sah zum Beispiel in Canyons das Ergebnis des im wahrsten Sinne des Wortes einschneidenden Wirkens von Flüssen. Der schottische Naturforscher Charles Lyell (1797 bis 1875) baute Huttons Überlegungen in eine Theorie ein, die von Geologen als Aktualismus bezeichnet wird. Sie besagt, dass geologische Vorgänge, wie sie heute zu beobachten sind, in der Vergangenheit auf die gleiche Weise gewirkt haben. Die Erkenntnis von den langsam erfolgten Veränderungen legte auch den Schluss nahe, dass die Erde sehr viel älter sein muss als einige Tausend Jahre – von dieser Größenordnung waren Theologen ausgegangen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es bereits verschiedene Naturforscher, die sich zu der Auffassung bekannten, dass die Erde und das Leben auf ihr von allmählichen Veränderungen geprägt seien. Ein umfassendes Modell, das die Entwicklung des Lebens zu erklären versucht, entwickelte der französische Forscher Jean-Baptiste Lamarck (1744 bis 1829). Seine Evolutionstheorie veröffentlichte er 1809, im Geburtsjahr Darwins. Er brach mit der alten Vorstellung, dass Arten unveränderlich seien und lieferte eine Erklärung für Anpassungen. Nach seiner Vorstellung spielte der Gebrauch oder Nicht-Gebrauch von Körperteilen eine entscheidende Rolle. Ein berühmtes Beispiel liefert die Giraffe. Dass Giraffen eine Größe von etwa sechs Metern erreichen können, liegt nicht zuletzt an ihrem ungewöhnlich langen Hals. Die Schulterhöhe der Tiere beträgt oft nur rund drei Meter. Lamarck nahm an, dass der lange Hals der Giraffe das Ergebnis des ständigen Bemühens sei, sich zu strecken, um an die hoch hängenden Blätter zu gelangen. Diese erworbene Eigenschaft sei dann an die nächste Generation weitervererbt worden. Mit seiner Theorie der Vererbung von erworbenen Eigenschaften hat er sich allerdings nicht durchsetzen können.

Nach Darwins heute allgemein akzeptierter Vorstellung erweisen sich bestimmte Merkmale von Lebewesen unter bestimmten Bedingungen als Vorteil – mit der Folge, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Nachkommen überleben, vergleichsweise groß ist. So lässt sich zum Beispiel auch erklären, warum Giraffen heute einen besonders langen Hals haben. Als es noch Giraffen mit kürzeren und längeren Hälsen gab, besaßen die mit den längeren einen Vorteil: Sie konnten sich auch von sehr hoch hängenden Blättern ernähren. Vermutlich setzte sich deshalb dieses Merkmal in der Entwicklungsgeschichte des Lebens durch.

Obwohl sich Lamarck mit seiner Theorie nicht durchsetzte, gilt er als besonders verdienstvoll. Er führte nicht nur die Vielfalt des Lebens auf die Evolution zurück, sondern machte auch deutlich, dass ein wichtiges Ergebnis der Entwicklung in der Anpassung an die Umwelt besteht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+